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Kleine AnfrageWahlperiode 17Beantwortet

Gesundheitsgefährdung durch die Mehrfachbelastung mit Schwermetallen sowie weiteren potentiell toxischen Metallen

Einschätzung der Gesundheitsgefährdung durch Schwermetalle seitens der Bundesregierung, Maßnahmen zur Verringerung der Schwermetallbelastung, Maßnahmen zum Schutz vor durch Arsen, Blei und Quecksilber verursachten chronische Erkrankungen, hohe Quecksilberemissionen in deutschen Kraftwerken<br /> (insgesamt 16 Einzelfragen)

Fraktion

DIE LINKE

Ressort

Bundesministerium für Gesundheit

Datum

03.06.2013

Aktualisiert

26.07.2022

Deutscher BundestagDrucksache 17/1357215. 05. 2013

Gesundheitsgefährdung durch die Mehrfachbelastung mit Schwermetallen sowie weiteren potentiell toxischen Metallen

der Abgeordneten Eva Bulling-Schröter, Ralph Lenkert, Dr. Barbara Höll, Harald Koch, Dorothee Menzner, Sabine Stüber, Harald Weinberg und der Fraktion DIE LINKE.

Vorbemerkung

Die Parlamentarische Versammlung (PV) des Europarates hat in der Resolution 1816 am 27. Mai 2011 auf die Gesundheitsgefährdung durch Schwermetalle und weitere Metalle aufmerksam gemacht. Die PV äußert sich darin besorgt darüber, dass die Mitgliedstaaten des Europarates in ihrer Gesundheitspolitik der Gesundheitsgefährdung durch Metalle unzureichende Aufmerksamkeit widmen. Nach Auffassung der PV gibt es immer mehr Beweise dafür, dass die ständige Exposition des Menschen mit kleinen Mengen von Substanzen wie Aluminium, Cadmium, Quecksilber oder Blei eine der Co-Determinanten von bestimmten neurologischen, Herz-Kreislauf- oder Autoimmunerkrankungen sein könnte.

Die PV stellt fest, dass ausreichend wissenschaftliche und medizinische Kenntnisse vorliegen, die Maßnahmen rechtfertigen, Schwermetalle aus der menschlichen Umwelt zu reduzieren oder zu eliminieren und damit ihre Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit zu verringern. Alle Mitgliedstaaten werden zu einer innovativen politischen Herangehensweise aufgefordert. Schwermetalle und die von ihnen ausgehende Gesundheitsgefährdung sollen als vorrangige Anliegen der Gesundheits- und Umweltpolitik erkannt werden. Die Mitgliedstaaten sollen sich darauf konzentrieren, so viele Schwermetalle wie möglich aus der menschlichen Umwelt zu entfernen sowie ihre Bioakkumulation in der natürlichen Umwelt, der Nahrungskette und schließlich im menschlichen Körper zu verhindern.

Schwermetalle und weitere potentiell toxische Metalle sind nicht abbaubar. Sie akkumulieren in der Umwelt und führen zur Belastung von Pflanzen, Menschen und Tieren. Es ist bekannt, dass inzwischen bei allen Menschen in Deutschland und Europa eine Mehrfachbelastung mit Schwermetallen und anderen Metallen, bedingt durch Ernährung und Umwelteinflüsse, vorliegt.

Bislang ist man davon ausgegangen, dass die Menge an toxischen Metallen, die allein durch Aufnahme aus Lebensmitteln, Luft, Wasser und Gebrauchsgegenständen des täglichen Lebens aufgenommen wird, nicht ausreicht, um Gesundheitsschäden auszulösen. Dabei wird nach Ansicht von Kritikern aber zu wenig berücksichtigt, dass es sich bei toxischen Metallen in der Regel um Summationsgifte handelt, die nicht isoliert, sondern als Mehrfachbelastung im Menschen vorliegen.

Ob Expositionsgrenzwerte bei Exposition gegenüber einer Kombination von Metallen wirkungsvoll sind, wird verschiedentlich infrage gestellt, etwa von Institoris L, Kovacs D, Kecskemeti-Kovacs I, et al. Immunotoxicological investigation of subacute combined exposure with low doses of Pb, Hg and Cd in rats. Acta Biol Hung (Hungary), Dec 2006, 57(4) p433-9.

Aufgrund ihrer vielfältigen schädlichen Einflüsse auf den menschlichen Körper kommen potentiell toxische Metalle als Co-Faktoren für die wichtigsten Zivilisationskrankheiten in Frage. (Jennrich P. Schwermetalle – Ursache für Zivilisationskrankheiten, Hochheim Deutschland: CO´MED Verlagsgesellschaft mbH, 2007). Arsen, anorganische Arsenverbindungen, Beryllium und Berylliumverbindungen, Cadmium und Cadmiumverbindungen, Chrom-VI-Verbindungen und Nickelverbindungen werden als krebserregend für den Menschen eingestuft. Anorganische Bleiverbindungen werden als wahrscheinlich krebserregend eingestuft, Kobalt und Kobaltverbindungen, Methylquecksilber und Titandioxid als möglicherweise krebserregend (Klassifikation der IARC/WHO). Blei kann zu einer Verminderung des Intelligenzquotienten, Verminderung von Lern- und Gedächtnisleistungen, Erhöhung der Hörschwelle, Blutarmut und Nierenfunktionsstörungen führen. Eine erhöhte Bleibelastung in der Schwangerschaft kann zudem zu vermehrten Früh- und Totgeburten, vermindertem Geburtsgewicht und Fehlbildungen führen (Bayerisches Staatsministerium für Verbraucherschutz, www.vis.bayern.de/ernaehrung/lebensmittelsicherheit/unerwuenschte_stoffe/schwermetalle.htm).

Hauptzielorgan der Toxizität organischer Quecksilberverbindungen ist demnach sowohl bei Kindern als auch bei Erwachsenen das zentrale Nervensystem. Entwicklungs- und Verhaltensstörungen sind Zeichen einer Schädigung dieses Organs bei Kindern, die bereits vor der Geburt einer Quecksilberbelastung ausgesetzt waren. Beim Erwachsenen treten z. B. Missempfindungen an der Haut wie Kribbeln oder ein pelziges Gefühl, Gangunsicherheit, Sprach- und Hörstörungen sowie Gesichtsfeldeinschränkungen als frühe Zeichen einer Schädigung des zentralen Nervensystems durch organische Quecksilberverbindungen auf.

In englischsprachiger Fachliteratur wird der Einfluss einer chronischen umweltbedingten Bleibelastung als Auslöser von Bluthochdruck und Herz-Kreislauferkrankungen dargelegt, etwa bei Navas-Acien A, Guallar E, Silbergeld EK, Rothenberg SE. Lead exposure and cardiovascular disease – a systematic review, Environ Health Perspect 2007.

Die US-amerikanischen Environmental Protection Agency (EPA) und die Agency for Toxic Substances and Disease Registry (ATSDR) bewerten beim Ranking im Rahmen des Comprehensive Environmental Response, Compensation and Liability Act (CERCLA) Arsen, Blei und Quecksilber aufgrund ihrer Häufigkeit, ihrer Toxizität und ihres Expositionspotentials für den Menschen als die gefährlichsten Substanzen.

Wir fragen die Bundesregierung:

Fragen16

1

Hat die Bundesregierung von der Resolution 1816 der PV des Europarates Kenntnis genommen?

2

Welchen Stellenwert räumt die Bundesregierung der Gesundheitsgefährdung durch Schwermetalle und weitere potentiell toxische Metalle ein?

3

Erachtet die Bundesregierung bestehende Expositionsgrenzwerte für Metalle bei der Exposition gegenüber einer Mehrfachbelastung von Metallen wie Blei und Quecksilber für ausreichend und wirkungsvoll?

4

Folgt die Bundesregierung der Einschätzung der PV des Europarates, dass Schwermetalle und die von ihnen ausgehende Gesundheitsgefährdung als vorrangige Anliegen der Gesundheits- und Umweltpolitik erkannt und behandelt werden sollen, und wenn nein, warum nicht?

5

Welche Maßnahmen plant die Bundesregierung kurz-, mittel- und langfristig, um so viele Schwermetalle wie möglich aus der menschlichen Umwelt zu entfernen, ihre Bioakkumulation in der natürlichen Umwelt, der Nahrungskette und schließlich im menschlichen Körper zu verhindern und damit ihre Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit zu verringern?

6

Plant die Bundesregierung kurz-, mittel- oder langfristig eine Einschränkung bzw. ein Verbot von bleihaltiger Jagdmunition, und wenn nein, warum nicht?

7

Plant die Bundesregierung kurz-, mittel- oder langfristig eine Einschränkung bzw. ein Verbot oder zumindest eine Kennzeichnungspflicht von Schwermetallen und weiteren potentiell toxischen Metallen in Tonern von Laserdruckern, und wenn nein, warum nicht?

8

Welche Maßnahmen plant die Bundesregierung kurz-, mittel- und langfristig zur Verbesserung der Vorsorge und der Behandlung von Krebserkrankungen, die durch Schwermetalle verursacht werden können?

9

Erkennt die Bundesregierung den Einfluss einer chronischen umweltbedingten Bleibelastung als Auslöser von Bluthochdruck und Herz-Kreislauferkrankungen an, und wenn ja, welche diagnostischen und therapeutischen Konsequenzen ergeben sich daraus?

Wenn nein, was veranlasst die Bundesregierung zu dieser Einschätzung, die entgegen der in der Vorbemerkung der Fragesteller genannten medizinischen Literatur stünde?

10

Schließt sich die Bundesregierung dem Ranking der US-amerikanischen EPA und ATSDR an, die Arsen, Blei und Quecksilber für den Menschen als die gefährlichsten Substanzen bewerten, und wenn nein, welche Substanzen bewertet die Bundesregierung als für den Menschen am gefährlichsten unter Berücksichtigung ihrer Häufigkeit, ihrer Toxizität und ihres Expositionspotentials für den Menschen?

11

Welche Maßnahmen plant die Bundesregierung kurz-, mittel- und langfristig zur verbesserten Vorsorge und Behandlung chronischer Erkrankungen, die durch Schwermetalle verursacht werden?

12

Welche Maßnahmen plant die Bundesregierung diesbezüglich kurz-, mittel- und langfristig zum speziellen Schutz für die Schwächsten, etwa Kleinkinder und chronisch Kranke?

13

Welche Maßnahmen plant die Bundesregierung diesbezüglich kurz-, mittel- und langfristig zum speziellen Schutz für Frauen im gebärfähigen Alter und für Schwangere?

14

Plant die Bundesregierung kurz-, mittel- oder langfristig eine Reduzierung bzw. ein Verbot von Aluminium, das vom Umweltbundesamt als neurotoxisch bewertet wird, in Impfstoffen für Säuglinge, Kleinkinder und Schulkinder?

15

Welche Maßnahmen plant die Bundesregierung kurz-, mittel- und langfristig zum speziellen Schutz und zur verbesserten Behandlung von Menschen, die an einer Krankheit leiden, die durch Schwermetalle und andere Metalle vorwiegend oder teilweise ausgelöst oder verschlechtert werden kann?

16

Wie begründet die Bundesregierung, dass in Deutschland ab dem Jahr 2016 noch 3 µg Quecksilber/Nm3 von Kraftwerken emittiert werden dürfen, während die USA ab dem Jahr 2016 einen Grenzwert von nur 0,025 µg HG/Nm3 vorsehen?

Berlin, den 15. Mai 2013

Dr. Gregor Gysi und Fraktion

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