Qualitätsstandards der Bundesprogramme im Bereich Linksextremismus bzw. linke Militanz
der Abgeordneten Ulla Jelpke, Jan Korte, Frank Tempel, Dr. André Hahn, Kerstin Kassner, Dr. Petra Sitte, Halina Wawzyniak und der Fraktion DIE LINKE.
Vorbemerkung
Seit dem 1. Januar 2015 läuft das Bundesprogramm „Demokratie leben!“. Es sieht sich als Fortsetzung der Bundesprogramme „Toleranz fördern – Kompetenz stärken“ und des umstrittenen Bundesprogramms „Initiative Demokratie stärken“. Während im früheren Bundesprogramm „Initiative Demokratie stärken“ Projekte im Bereich des so genannten Linksextremismus gefördert wurden, ist im gegenwärtigen Bundesprogramm vor allem von „linker Militanz“ die Rede. In der Evaluation des Programms „Initiative Demokratie stärken“ hatte insbesondere im Bereich der Projekte zum Linksextremismus wurden teils schwere Mängel beanstandet.
Laut der Internetseite „Demokratie leben!“ werden aktuell drei Modellprojekte zur Radikalisierungsprävention im Bereich „linke Militanz“ gefördert. Eines davon ist das Projekt „Beratungs- und Bildungsstelle ‚Annedore‘ für Demokratie, Recht und Freiheit“ der Stiftung SPI – Sozialpädagogisches Institut Berlin „Walter May“. Der Träger richtet sich an Multiplikatorinnen und Multiplikatoren der Bildungs- und Jugendarbeit.
Ein weiteres Projekt wird von Minor – Projektkontor für Bildung und Forschung e. V. mit dem Titel „Frontaldiskurs – Konfrontationen die Stirn bieten mit Medien, Kunst und Kultur“ durchgeführt. Bereits im Bundesprogramm „Initiative Demokratie stärken“ war der Träger mit einem Projekt gegen Linksextremismus vertreten. In den Reflexionen über das Präventionsprojekt gegen Linksextremismus (2011 bis 2014) räumt der Träger erhebliche Schwierigkeiten ein, die Zielgruppe zu erreichen, und arbeitete nicht wie vorgesehen mit explizit linken Jugendlichen, sondern mit heterogenen Zielgruppen. Dies bewertete die wissenschaftliche Begleitung wie folgt: „Mit dieser Umsteuerung verliert das Projekt – aus Sicht der Wissenschaftlichen Begleitung – allerdings an Kontur“ (Ergebnisbericht der Wissenschaftlichen Begleitung des Bundesprogramms „Initiative Demokratie stärken“, Berichtszeitraum 1. Januar 2013 bis 31. Dezember 2013, S. 94).
Das dritte Projekt wird von der Stiftung Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen mit dem Titel „Linke Militanz in Geschichte und Gegenwart. Aufklärung gefährdeter Jugendlicher über Linksextremismus und Gewalt“ umgesetzt. Auch dieser Träger führte ein ähnliches Projekt im Programm „Initiative Demokratie stärken“ durch. Dieses Projekt wurde von der wissenschaftlichen Begleitung durchweg negativ bewertet. So heißt es bspw.: „Durch die offenbar weitreichend einseitige Materialauswahl und die suggestive Verbindung von Kontinuitäten zwischen einem totalitären Kommunismus und aktuellen Erscheinungsformen des ‚Linksextremismus‘ entsteht aus Sicht der Wissenschaftlichen Begleitung in der Projektpraxis die Problematik normativer Parteilichkeit. Mag Parteilichkeit als Prinzip der Erinnerungsarbeit an historischen Orten, denen es neben der Wissensvermittlung auch um das Gedenken an die Opfer von Unrecht geht, legitim und geboten sein, so ist sie als Prinzip politischer Bildung aufgrund der Pauschalität der vermittelten Inhalte problematisch. Entsprechende fachliche Grenzziehungen und Sensibilitäten waren in den beobachteten Seminarsequenzen nur bedingt erkennbar“ (Ergebnisbericht der Wissenschaftlichen Begleitung des Bundesprogramms „Initiative Demokratie stärken“, Berichtszeitraum 1. Januar 2013 bis 31. Dezember 2013; S. 81). Zudem moniert die Wissenschaftliche Begleitung „gesteuerte Beweisführung“ und „wenige Methodenwechsel, durch Formate des Frontalunterrichts und eine die Diskussion stark wertend kommentierende und hierdurch inhaltlich lenkende Rolle der Workshop-Leiterin bzw. des Workshop-Leiters“ (ebd., S. 80).
Wir fragen die Bundesregierung:
Fragen8
Gibt es bereits einen Zwischenbericht der wissenschaftlichen Begleitung zu den jeweiligen Programmsäulen im Programm „Demokratie leben!“? Wenn ja, warum wurde er noch nicht veröffentlicht? Wenn nein, wann ist mit der Fertigstellung und Veröffentlichung zu rechnen?
Welche Summen beantragten die Projekte aus dem Programmbereich „Modellprojekte zur Radikalisierungsprävention“? Welche Mittel wurden ihnen zur Verfügung gestellt, und welche wurden bisher abgerufen (bitte pro Jahr und Projekt auflisten)?
Aus welchen Gründen fördert die Bundesregierung Deradikalisierungsprogramme gegen linke Militanz?
a) Wie beschreibt die Bundesregierung das Problem der linken Militanz?
b) Gibt es erprobte Präventionsstrategien gegen linke Militanz, auf die die Projekte aufbauen können?
c) Gibt es in der Wissenschaft Reflexionen zu Deradikalisierung, die sich – neben Islamismus und Rechtsextremismus – mit linker Militanz beschäftigen? Wenn ja, welche?
d) Worin sieht die Bundesregierung Vorteile der Deradikalisierung linker Militanz gegenüber der umstrittenen Linksextremismusprävention?
Welche Zwischenergebnisse des Projekts der Stiftung SPI „Beratungs- und Bildungsstelle ‚Annedore‘ für Demokratie, Recht und Freiheit“ sind der Bundesregierung bekannt?
a) Wie viele Maßnahmen gegen linke Militanz konnte der Träger bereits umsetzen? Welche Ansätze wurden dabei verfolgt?
b) Berät der Träger im Rahmen des Projekts auch zu anderen Phänomenen (wie bspw. Rechtsextremismus)? Wenn ja, zu welchen Anteilen, und warum wird das Projekt als eines gegen linke Militanz gelistet?
c) Welche Zielgruppen möchte der Träger in seinem aktuellen Projekt erreichen, und wie strebt er dies an?
d) Welche Vorerfahrungen hat der Träger im Themenfeld „linke Militanz“?
e) Welche Problembeschreibung von linker Militanz nimmt der Träger vor, und welche Präventions- bzw. Deradikalisierungsstrategien verfolgt er?
Welche Zwischenergebnisse des von Minor – Projektkontor für Bildung und Forschung e. V. mit dem Titel „Frontaldiskurs – Konfrontationen die Stirn bieten mit Medien, Kunst und Kultur“ umgesetzten Projekts sind der Bundesregierung bekannt?
a) Welche Zielgruppen möchte der Träger in seinem aktuellen Projekt erreichen, und wie strebt er dies an?
b) Welche Vorerfahrungen hat der Träger im Themenfeld „linke Militanz“?
c) Welche Problembeschreibung von linker Militanz nimmt der Träger vor, und welche Präventions- bzw. Deradikalisierungsstrategien verfolgt er?
Hat die Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen in ihrem Antrag für das Projekt mit dem Titel „Linke Militanz in Geschichte und Gegenwart. Aufklärung gefährdeter Jugendlicher über Linksextremismus und Gewalt“ Bezug auf die in der Vorbemerkung angeführte Kritik der Wissenschaftlichen Begleitforschung an seinem früheren Projekt genommen? Wenn ja, wie plant der Träger zu gewährleisten, diese Kritikpunkte in seinem aktuellen Projekt nicht mehr zu wiederholen? Wenn nein, gibt es fachliche Auflagen der Bundesregierung an den Träger, die Kritikpunkte der Wissenschaftlichen Begleitung zu berücksichtigen?
a) Inwiefern ist das aktuell geförderte Projekt innovativ und neu? Worin bestehen die Unterschiede zum Vorgängerprojekt?
b) Welche Zwischenergebnisse des Projekts sind der Bundesregierung bekannt?
c) Welche Zielgruppen möchte der Träger in seinem aktuellen Projekt erreichen, und wie strebt er dies an?
d) Welche Vorerfahrungen hat der Träger im Themenfeld „linke Militanz“?
e) Welche Problembeschreibung nimmt der Träger vor, und welche Präventions- bzw. Deradikalisierungsstrategien verfolgt er?
f) Wie differenziert der Träger zwischen linker Militanz und Linksextremismus?
g) In welcher Höhe erhielt der Träger in den Jahren 2010 bis 2015 Fördergelder aus den Mitteln des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend? Für welchen Zweck waren diese bestimmt, und in welcher Höhe wurden sie abgerufen (bitte pro Jahr aufschlüsseln)?
Welche Aktivitäten des Landratsamts Göppingen, Kreisjugendamt, der Stadtverwaltung Herrenberg, der Stadt Kaufbeuren, Referat 500, Kaufbeuren aktiv, der Verbandsgemeindeverwaltung Höhr-Grenzhausen, des Regionalverbands Saarbrücken, Jugendamt Abteilung 51.5, der Einheitsgemeinde Stadt Genthin und des Altmarkkreises Salzwedel, die allesamt in der Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Fraktion DIE LINKE. auf Bundestagsdrucksache 18/4019 bezüglich der Programmsäule „Partnerschaften für Demokratie“ als Träger genannt worden sind, sind in Bezug auf linke Militanz der Bundesregierung bekannt (bitte nach Trägern aufschlüsseln)?
Sind der Bundesregierung weitere Träger im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie leben!“ bekannt, die Aktivitäten gegen linke Militanz entfalten? Wenn ja, welche Träger und welche Aktivitäten sind das?