Dioxin-Kontaminationen durch die Vernichtung des flüssigen Kampfmittels „Schwefel-Lost" und arsenhaltiger Kampfstoffe und Rückstände in den ehemaligen Lagerstätten: Löcknitz in Mecklenburg-Vorpommern, Dessau in Sachsen-Anhalt, Munster in Niedersachsen, Lübbecke in Nordrhein-Westfalen, St. Georgen in Bayern und Halle-Ammendorf in Sachsen-Anhalt
der Abgeordneten Ulrike Höfken, Steffi Lemke, Dr. Jürgen Rochlitz und der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Vorbemerkung
Im Zweiten Weltkrieg wurden bis 1945 in Deutschland rund 70 000 Tonnen der Kampfstoffe hergestellt. Über 50 Prozent der produzierten Kampfstoffe entfielen auf den flüssigen Kampfstoff „Schwefel-Lost (S-Lost)" sowie den arsenhaltigen Kampfstoff „Arsinöl". Letzterer diente als Vorprodukt für die „Clark-Kampfstoffe" und gleichzeitig als Verschnittmittel für Schwefel-Lost zur Herstellung des sogenannten „Winterlost". Schwefel-Lost und arsenhaltige Kampfstoffe zählen zu der Gruppe der Hautkampfstoffe, deren Aufnahme in den menschlichen Organismus nicht über die Atemwege, sondern über Hautkontakt erfolgt.
Schwefel-Lost ist gut fettlöslich und dringt deshalb nach der Berührung innerhalb weniger Minuten in den Organismus ein. Nach wenigen Stunden treten erste schwere Hautentzündungen sowie Schädigungen der Lunge, des Nerven- und Herz-Kreislaufsystems auf, die meist zum Tode führen. Als Spätfolgen können Krebs und Veränderungen des Erbgutes sowie Leber-, Blut- und Nierenschäden auftreten. Alle nicht reversiblen Schädigungen können nicht therapiert werden und es bestehen nur symptomatische Behandlungsmöglichkeiten.
Von den bis zum Kriegsende hergestellten 70 000 Tonnen Kampfstoffen wurden bis Kriegsende etwa 58 000 Tonnen in Bomben und Granaten verfüllt. 12 000 bis 14 000 Tonnen flüssige, chemische Kampfstoffe verblieben bei Kriegsende in sechs großen chemischen Munitionsanstalten und -lagern:
- Löcknitz in Mecklenburg-Vorpommern,
- Dessau in Sachsen-Anhalt,
- Munster in Niedersachsen,
- Lübbecke in Nordrhein-Westfalen,
- St. Georgen in Bayern,
- Halle-Ammendorf in Sachsen-Anhalt.
Die nach Kriegsende verbliebenen flüssigen Kampfstoffe wurden in Behältern und Vorratsbunkern, versehen mit mehreren Kampfstoffzellen, gelagert. Die einzelnen Kampfstoffzellen hatten eine durchschnittliche Kapazität von 500 Tonnen und verfügten über eine Spezialauskleidung zum Schutz des Betons gegenüber den aggressiven Chemikalien. Die Entleerung der Kampfstoffzellen wurde über ein Absaugrohr mittels Vakuum bewerkstelligt. Da die Zellen über keinerlei Ablauf oder Sumpf verfügten und die Absaugrohre 1 bis 3 cm über den Boden der Zellen installiert waren, konnten diese nicht vollkommen von den Kampfstoffen entleert werden. Man muß daher davon ausgehen, daß zwischen 80 und 150 Tonnen Kampfstoffe in den Bunkern verblieben.
Die abgepumpten Kampfstoffe wurden durch alliierte Truppen gesichert und vernichtet. Die Vernichtung der flüssigen Kampfstoffe erfolgte durch eine Verbrennung mit Dieselöl oder Benzin und Chlorkalk in Wasser gelöst.
Den in den Bunkerzellen verbleibenden Kampfstoffen wurde zur Neutralisation Chlorkalk zugesetzt. Dabei wurde keine oder nur eine unzureichende Durchmischung der Kampfstoffe vorgenommen, so daß davon auszugehen ist, daß die Zellen mit drei Schichten Ablagerungen besetzt sind:
- die obere Schicht bestehend aus Wasser,
- die mittlere Schicht bestehend aus Chlorkalk und Zersetzungsprodukten der Kampfstoffe und
- die untere Schicht bestehend aus Kampfstoffen.
Untersuchungen in Löcknitz (Mecklenburg-Vorpommern) im Jahr 1994 haben hohe Dioxin- und Arsenbelastungen des Bodens auf dem Gebiet des ehemaligen Munitionslagers nachgewiesen. Diese Dioxine stammen ursächlich aus der Verbrennung der flüssigen Kampfstoffe aus den Jahren 1945 bis 1947. Die chemischen Zusammenhänge der Dioxinentstehung sind bis heute nicht bekannt, sie werden jedoch auf die Vernichtung der flüssigen Kampfstoffe zurückgeführt. Die Haupthypothese stützt sich bei der Dioxinentstehung auf die Verwendung von Brand- (Dieselöl und Benzin) und Entgiftungsmitteln (Chlorkalk) bei der Vernichtung und Neutralisation der flüssigen Kampfstoffe.
In vier der fünf Lager wurden Kampfstoffe durch gleichartige Verbrennungsmethoden unschädlich gemacht. Es ist daher davon auszugehen, daß auch in diesen Lagern (außer Halle-Ammendorf) erhebliche Dioxin- und Arsenrückstände bestehen. Für diese Lager liegen jedoch nach unserer Kenntnis bis heute keine Dioxin- und Arsenmessungen und Bewertungen vor.
Auch das BMFT-Forschungsvorhaben „Modellhafte Sanierung von Altlasten des kampfstoffkontaminierten Rüstungsaltlastenstandortes Löcknitz" gibt keinen Aufschluß darüber, wie mit Dioxinkontaminationen verfahren werden soll.
Die Kampfstoffabrik in Halle-Ammendorf (Sachsen-Anhalt) hatte die größte Kapazität (26 000 Tonnen der 70 000 Tonnen wurden in Halle produziert) unter den deutschen Kampfstoffabriken. Nach Kriegsende waren hier rund 650 Tonnen flüssige Kampfstoffe verblieben. Ab 1945 wurde die Kampfstoffabrik von der Roten Armee entseucht und ein Großteil der Kampfstoffe vernichtet (verbrannt) und das Gebiet als gereinigt übergeben. Aufgrund der bereits erwähnten schlechten Konstruktion der Zellen blieben in sechs Zellen etwa 150 Tonnen Kampfstoffe zurück. 1952 wurden durch die damalige DDR rund 70 Tonnen Kampfmittel entfernt und nach Dessau zur Verbrennung verbracht. Nach Unterlagen aus dem Jahr 1959 wurde der betreffende Bunker angeblich „leer und besenrein" übergeben und das Gelände mit etwa drei Meter Erdreich aufgeschüttet und für 100 Jahre gesperrt. Anfang der 70er Jahre wurde das benachbarte Betriebsgelände mit Baracken bebaut.
Im März 1990 wurde der Bunker wieder ausgegraben und festgestellt, daß etwa 80 Tonnen flüssige Kampfstoffe zurückgeblieben waren. Durch eine Spezialeinheit der Nationalen Volksarmee mußten erneut Entgiftungsarbeiten mit dem Ziel der Neutralisation der verbliebenen Kampfstoffe durchgeführt werden. 1990 wurde für Halle-Ammendorf vom Bundesminister für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit, Dr. Klaus Töpfer, ein Projektvolumen von 4 Mio. DM zur Sofortmaßnahme und Erkundung von Kampfstoffaltlasten bewilligt und zusätzlich durch 2 Mio. DM Landesmittel ergänzt. Mit der Durchführung war der Magistrat von Halle beauftragt. Bis Ende 1993 wurden zwei Gutachten durch eine Tochtergesellschaft der MIBRAG, die auf dem betroffenen Gelände ihren Sitz hat, und ein Unternehmen aus Merseburg erstellt, die zu dem Schluß kamen, daß keine Kampfstoffe vor Ort liegen und somit vom ehemaligen Kampfstofflager keine Gefahren ausgehen. Im Rahmen der Gutachten wurden über 200 Bodenproben analysiert. Die technologischen Wege des Kampfstoffes von der Synthese zum Lager und zur Weiterverarbeitung wurden nicht untersucht, da sie nicht lokalisiert wurden. Es gibt keine Aussagen zur Neutralisation der Kampfstoffrückstände, die sich jetzt noch in den Kampfstoffzellen befinden. Gleichfalls gibt es keine Aussagen darüber, was sich in der Auffangwanne unter den Kampfstoffzellen befindet. Dioxinuntersuchungen wurden nicht durchgeführt. Rund 2,5 Mio. DM aus dieser Sofortmaßnahme zur Erkundung von Kampfstoffaltlasten wurden 1993 zurückgegeben.
In Munster (Niedersachsen) steht wie in Halle ein baugleicher Lagerbunker. Bis heute ist nicht bekannt, was in diesem Lagerbunker enthalten ist, da der Eingang 1947 durch die Briten zugesprengt wurde. Der Bunker befindet sich etwa 300 Meter neben der derzeit betriebenen Verbrennungsanlage. Die Erschließungsarbeiten für eine zweite noch näher gelegene Verbrennungsanlage sind bereits begonnen.
Vier der ehemaligen Lagerstandorte befinden sich heute in einer Nutzung bzw. in unmittelbarer Nähe von Wohngebieten:
- Das ehemalige Lager Halle-Ammendorf befindet sich in der Nähe einer Plattenbausiedlung mit rund 50 000 Einwohnern.
- In St. Georgen sind die Lagerzisternen und die direkt daneben befindlichen Verbrennungszisternen mit Gebäuden überbaut, die von der Firma Siemens genutzt werden.
- Munster ist Truppenstandort und Übungsplatz sowie Standort für Verbrennungsanlagen von Rüstungsaltlasten.
- In Dessau wurde das Grundstück von einem Stuttgarter Unternehmen erworben. Die Firma erschloß das Areal zur Nutzung als Gewerbepark. Direkt auf dem Gelände befindet sich der Kampfstoffhochbunker. Ende der 50er Jahre wurden hier die Kampfstoffreste aus den Lagerzellen eingemauert. Nach Schätzungen befinden sich etwa 150 bis 200 Tonnen Kampfstoffgemisch und deren Zersetzungsprodukte in dieser ungesicherten Deponie mit etwa 15 Tonnen organisch gebundenen Arsen im Bunker.
Vor diesem Hintergrund fragen wir die Bundesregierung:
Ende 1945 lagerten in Deutschland zwischen 12 000 und 14 000 Tonnen flüssige Kampfstoffe wie „Schwefel-Lost" oder andere arsenhaltige Kampfmittel.
Wir fragen die Bundesregierung:
Fragen32
Wieviel flüssige Kampfmittel (Schwefel-Lost und arsenhaltige Kampfmittel) lagerten 1945 in Deutschland und den sechs genannten Lagerstandorten?
Wie sind diese Kampfmittel entsorgt worden, und gibt es Aufzeichnungen über die vernichteten Mengen?
Welche Mengen flüssige Kampfmittel wurden, wann, an welchen Standorten
— durch Verbrennung vernichtet,
— durch Zusatz von Chlorkalk neutralisiert oder
— durch andere Weise vernichtet oder
— abtransportiert?
Welche Mengen flüssiger Kampfmittel blieben in den Zellen der Lagerbunker zurück?
Wurden alle zurückgebliebenen Mengen mit Chlorkalk durchmischt?
Welche Erkenntnisse bestehen über Neutralisation der verbliebenen Reststoffe?
Ist gewährleistet, daß die gesamten Restkampfstoffe neutralisiert sind?
Wie will die Bundesregierung ihrer Verantwortung bezüglich der Sanierung der Altlasten in den ehemaligen Lagerstandorten nachkommen, da die Kommunen und Ländern offensichtlich überfordert sind?
Welche vorbeugenden Maßnahmen wurden seitens der Bundesregierung ergriffen, damit eine Gefährdung von Mensch, Tier und Umwelt durch Kampfmittelreste sowie durch Kontaminationen der Kampfmittelvernichtung ausgeschlossen werden können?
Warum wurden nur in Löcknitz und nicht an den anderen fünf ehemaligen Lagerstandorten Dioxin- und Arsenmessungen durchgeführt?
Welche einzelnen Dioxin-Konzentrationen wurden an verschiedenen Meßpunkten in Löcknitz bei den Untersuchungen gemessen?
Welche Meßergebnisse wurden durch die Bundeswehr nachuntersucht?
Wo wurden vergleichbare Dioxin-Konzentrationen schon einmal in Deutschland oder Europa gemessen?
Welche Arsenwerte wurden an den verschiedenen Meßpunkten in Löcknitz gefunden?
Welche Bewertung wurde aus den Ergebnissen der Messung hinsichtlich der Altlastensanierung gezogen?
Warum werden in dem BMFT-Projekt zur Altlastensanierung in Löcknitz keine Aussagen zur Dioxinproblematik gemacht?
In welchem Umfang werden im Rahmen des BMFT-Projekts zur modellhaften Sanierung dioxinkontaminierte Böden saniert?
Wie sieht der Stand der aktuellen Sanierung in Löcknitz aus, und wie sind Kampfstoffmittelreste gesichert?
Wie sieht der aktuelle Stand der Sanierung in Dessau aus, und wie sind die Kampfmittelreste gesichert?
Welche Maßnahmen sind für die Erfassung der Umwelt- und Bodenbelastungen mit Dioxinen und Arsen in Dessau vorgesehen?
Wie wird in der Zwischenzeit eine mögliche Gefährdung der im entstehenden Gewerbepark Beschäftigten ausgeschlossen.
Warum wurde in Dessau nicht bereits vorrangig mit Dioxin- und Arsenuntersuchungen aufgrund der alarmierenden Werte aus Löcknitz und der konkreten Nutzung der Gelände in Dessau und damit möglicherweise verbundener Gesundheitsgefährdung der näher gelegenen Bevölkerung begonnen?
Wie sieht der aktuelle Stand der Sanierung in Munster aus, und wie sind die Kampfstoffmittelreste gesichert?
Welche Maßnahmen sind für die Erfassung der Umwelt- und Bodenbelastungen mit Dioxinen und Arsen in Munster vorgesehen?
Wie schätzt die Bundesregierung die akuten und potentiellen Gesundheitsgefahren für die Bevölkerung und auf dem Gelände Beschäftigten durch die verbliebenen Kampfstoffreste und möglichen Dioxin- und Arsenbelastungen ein?
Wie wird in der Zwischenzeit eine mögliche Gefährdung der am Truppenstandort Beschäftigten ausgeschlossen?
Wie sieht der aktuelle Stand der Sanierung in Lübbecke aus, und wie sind die Kampfstoffmittelreste gesichert?
Welche Maßnahmen sind für die Erfassung der Umwelt- und Bodenbelastungen mit Dioxinen und Arsen in Lübbecke vorgesehen?
Wie sieht der aktuelle Stand der Sanierung in St. Georgen aus, und wie sind die Kampfstoffmittelreste gesichert?
Welche Maßnahmen sind für die Erfassung der Umwelt- und Bodenbelastungen mit Dioxinen und Arsen in St. Georgen vorgesehen?
Wie schätzt die Bundesregierung die akuten und potentiellen Gesundheitsgefahren für die Bevölkerung und auf dem Gelände Beschäftigten durch die verbliebenen Kampfstoffreste und möglichen Dioxin- und Arsenbelastungen ein?
Wie wird in der Zwischenzeit eine mögliche Gefährdung der in dem überbauten Gelände Beschäftigten ausgeschlossen?
Liegen der Bundesregierung Unterlagen (US-Dokumente, Lagepläne und Fotos) des Kampfstofflagers St. Georgen vor, und wurden diese hinsichtlich der Untersuchung und Sanierung des Geländes eingesehen und bewertet?
Wie sieht der aktuelle Stand der Sanierung in Halle-Ammendorf aus, und wie sind die Kampfmittelreste gesichert?
Welche Maßnahmen sind für die Erfassung der Umwelt- und Bodenbelastungen mit Dioxinen in Halle-Ammendorf vorgesehen?
Wie schätzt die Bundesregierung die akukten und potentiellen Gesundheitsgefahren für die Bevölkerung und auf dem Gelände Beschäftigten durch die verbliebenen Kampfstoffreste und möglichen Dioxinbelastungen ein?
Warum wurde in Halle nicht bereits vorrangig mit Dioxinuntersuchungen aufgrund der alarmierenden Werte aus Löcknitz und der konkreten Nutzung der Gelände in Halle und damit möglicherweise verbundener Gesundheitsgefährdung der näher gelegenen Bevölkerung begonnen?