Fehlender Halt des ICE-Zugpaares „Spreekurier" in Magdeburg
der Abgeordneten Dr. Winfried Wolf, Dr. Dagmar Enkelmann, Wolfgang Bierstedt, Dr. Uwe-Jens Rössel, Marita Böttcher, Rolf Kutzmutz, Dr. Heidi Knake-Werner, Dr. Gregor Gysi und der Gruppe der PDS
Vorbemerkung
Die beiden Fernverkehrszüge der Deutschen Bahn AG, der ICE 641 Spreekurier von Köln nach Berlin, Abfahrt Köln 5.51 Uhr, Ankunft Berlin-Zoo 11.10 Uhr, und der Gegenzug gleichen Namens, ICE 640, Abfahrt Berlin 18.48 Uhr, Ankunft Köln 0.04 Uhr, haben beide keinen einzigen Halt auf dem Gebiet der ehemaligen DDR.
Zwischen Hannover und Berlin-Zoo bzw. zwischen Berlin-Zoo und Hannover fährt der Zug ohne Halt und über eine Gesamtstrecke von 291 Kilometern. Zu- und Aussteigemöglichkeiten im Hauptbahnhof Magdeburg, den das ICE-Zugpaar passiert, bestehen nicht. Auf westdeutschem Gebiet hingegen werden viele Haltepunkte eingelegt, wobei es zwischen den einzelnen Haltepunkten oft Entfernungen in einer Größenordnung von weniger als einem Zehntel dessen gibt, was zwischen Hannover und Berlin-Zoo „übersprungen" wird. Es handelt sich dabei um die folgenden Haltepunkte und die folgenden dazwischen liegenden Entfernungen: Köln—Düsseldorf (39 km), Düsseldorf—Duisburg (24 km), Duisburg—Essen (20 km), Essen—Bochum (16 km), Bochum— Dortmund (19 km), Dortmund—Hamm (30 km), Hamm—Bielefeld (67 km), Bielefeld—Hannover (110 km) und schließlich Hannover—Berlin (291 km).
Das Ausbleiben eines Halts in Magdeburg bei diesen zwei ICE-Verbindungen bringt erheblich verschlechterte Schienenfernverbindungen für Bahnreisende nach und von Magdeburg mit sich. So liegt die Abfahrtszeit bei der (werktäglich) letzten Abendverbindung von Magdeburg nach Köln bei 19.30 Uhr ab Magdeburg, Ankunft Köln 0.04 Uhr. Bei dieser Verbindung ist in Hannover Umsteigen und eine Wartezeit von 23 Minuten angesagt. Der ICE „Spreekurier" passiert ungefähr um 20.20 Uhr den Magdeburger Hauptbahnhof — ohne anzuhalten. Ein Halt dieses ICE in Magdeburg würde also eine um eine Stunde später liegende und gegenüber der bisher letzten Verbindung eine qualitativ bessere Abendverbindung mit sich bringen.
Wer frühmorgens von Köln nach Magdeburg fahren will, kann entweder eine Interregio/IC-Verbindung nutzen (Köln ab 5.10 Uhr), bei welcher er einen vierzigminütigen Aufenthalt in Hannover einzulegen hat, oder er muß den ICE „Spreekurier" (Köln ab 5.51 Uhr) bis Hannover nehmen, und in diesem Fall 26 Minuten Aufenthalt in Hannover akzeptieren. Der ICE „Spreekurier" Köln—Berlin passiert Magdeburg ungefähr um 10.00 Uhr. Auch hier würde ein Halt in Magdeburg ein qualitativ verbessertes Schienenfernverkehrsangebot darstellen.
Wir fragen die Bundesregierung:
Fragen8
Warum legt das Zugpaar ICE „Spreekurier" Köln—Berlin bzw. Berlin—Köln keinen einzigen Halt im Gebiet der ehemaligen DDR, insbesondere keinen Halt im Hauptbahnhof Magdeburg, ein?
Um wieviel würde sich die Reisezeit im Fall eines in Magdeburg Hauptbahnhof eingelegten zusätzlichen Haltes verlängern?
Wenn Zeiteinsparungen als Grund für eine Durchfahrt in Magdeburg angegeben werden, warum wird das Argument Reisezeiteinsparung relevant, wenn es um den Wegfall eines Haltes in Magdeburg geht, nicht jedoch im Fall der Halte z. B. in Essen, Bochum, Hamm oder Bielefeld, d. h. von Städten geringerer Größe bzw. geringeren potentiellen Fahrgasteinzuges, zumal es sich bei der Stadt Magdeburg um die Landeshauptstadt von Sachsen-Anhalt, also um eine potentielle Wachstumsregion handelt?
Wenn als Argument für den Wegfall eines Haltes in Magdeburg ein zu geringes erwartetes Fahrgastaufkommen in Magdeburg genannt wird, ist das reale Fahrgastaufkommen in Essen, Bochum, Hamm, Duisburg oder Bielefeld größer als das für Magdeburg erwartbare, und welches sind die respektiven realen Fahrgastzahlen für die genannten Haltepunkte auf westdeutschem Gebiet im Vergleich zu den für einen Magdeburger Halt erwarteten?
Ist der Bundesregierung bzw. der Deutschen Bahn AG bekannt, daß der ICE auf längeren Abschnitten im ehemaligen Reichsbahngebiet nur eine sehr niedrige Geschwindigkeit fahren kann und daß er den Hauptbahnhof Magdeburg außerordentlich langsam, fast im Schrittempo, passiert, gelegentlich sogar einen Halt einlegt, ohne Aus- und Einsteigemöglichkeit zu gewähren (so am 30. Oktober 1995 der ICE „Spreekurier" Berlin—Köln)?
Stimmen die Bundesregierung bzw. die Deutsche Bahn AG der Feststellung zu, daß im Fall des Einlegens eines Haltes in Magdeburg Hauptbahnhof, verbunden mit dem Wegfall eines einzigen Halts in Westdeutschland — z. B. im Fall eines Hauptbahnhofs, der über eine S-Bahn-Verbindung zum nächsten ICE-Halt verfügt —, die gesamte Reisezeit Köln—Berlin bzw. Berlin—Köln zumindest nicht verlängert, wahrscheinlich sogar verkürzt werden würde, aufgrund der höheren Durchschnittsgeschwindigkeiten auf westdeutschem Gebiet und der damit verbundenen längeren Brems- und Anfahrtswege im Vergleich zu den Geschwindigkeiten, Brems- und Anfahrtswegen auf Sachsen-anhaltischem Gebiet?
Können die Bundesregierung bzw. die Deutsche Bahn AG eine Argumentation nachvollziehen, wonach das Nichteinlegen eines Haltes des ICE-Zugpaares „Spreekurier" in Magdeburg Hauptbahnhof selbst bei Vorliegen eines glaubwürdigen Reisezeitgewinns von wenigen Minuten von den Menschen in der Magdeburger Region als „typische Westpolitik" empfunden werden muß, wobei die Fahrt ohne Halt auf dem Gebiet der ehemaligen DDR an die Durchfahrten der ehemaligen „Interzonenzüge" erinnert?
Ist nach Fertigstellung der Schnellbahnverbindung Hannover—Stendal—Berlin damit zu rechnen, daß Magdeburg noch schlechtere Schienenfernverkehrsverbindungen erhält, als dies gegenwärtig bereits der Fall ist?