Vertrieb und Aufführung neonazistischer Musik
der Abgeordneten Annelie Buntenbach und der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Vorbemerkung
In den letzten Jahren haben neonazistische Musikveranstaltungen sowie der Versand und Vertrieb von entsprechenden Tonträgern, Zeitschriften oder Fanartikeln eine zunehmende Bedeutung erlangt. Diese Entwicklung ist Bestandteil der Umstrukturierung der Neonaziszene, die durch die Vereinsverbote Anfang der 90er Jahre beschleunigt wurde.
Wenngleich die Skinhead-Szene in ihrem Ursprung keineswegs neonazistisch oder rechtsextrem eingestellt war und auch heute zwischen linksorientierten, antirassistischen, unpolitischen und neonazistischen Anhängern der Subkultur differenziert werden muß, so haben Neonazis doch seit den frühen 80er Jahren versucht, die Szene in ihrem Sinne systematisch zu beeinflussen.
Bereits der mittlerweile verstorbene Begründer der Vereinigung „Blood & Honour", Ian Stuart Donaldson, der als Idol der Szene gilt, formulierte als Ziel der Organisation: „Musik ist das ideale Mittel, Jugendlichen den Nationalsozialismus näherzubringen, besser als dies in politischen Veranstaltungen gemacht werden kann, kann damit Ideologie transportiert werden." (Drahtzieher im braunen Netz, Hamburg, 1996, S. 178).
Wenngleich der Verfassungsschutzbericht des Bundes von 1996 feststellt, die rechtsextremistische Skinhead-Szene sei „von einer Abneigung gegen feste Strukturen geprägt" (S. 100), so ist kaum zu verkennen, daß zum Teil bekannte Neonazis und Rechtsextreme wesentlichen Anteil an Organisation, Produktion und Vertrieb einschlägiger Tonträger, Zeitschriften und Fanartikeln haben. So die auflagenstarke, mehrfarbige Zeitschrift „Rock Nord", die von „Creative Zeiten Verlag und Vertrieb GmbH" herausgegeben wird, einer Gesellschaft, in der auch Torsten Lemmer, ehemaliger Manager der Gruppe „Störkraft", mitwirkt. „Rock Nord" hat ebenso wie die rechtsextreme Zeitschrift „Europa Vorn", die von dem Rechtsextremen Manfred Rouhs herausgegeben wird, ein umfangreiches einschlägiges Versandangebot.
Manfred Rouhs, ehemaliger Funktionär der „Jungen Nationaldemokraten" (JN), der „Republikaner" und der „Deutschen Liga für Volk und Heimat" ist ebenso wie Torsten Lemmer vom äußeren Erscheinungsbild sicherlich nicht der Skinhead-Szene zuzurechnen. Sein Motiv stellte er in „Europa Vorn spezial" Nr. 6/1993 dar: „Hat der (...) Jugendliche erst einmal an Bands, die patriotische Motive in ihren Texten verarbeiten, Gefallen gefunden, dann fragt er möglicherweise nach mehr, nach dem Woher und Warum des Nationalismus, das ist der Moment, indem wir von ,Europa Vorn' zuschlagen, ihm Inhalte und Kontakte bieten müssen." (Drahtzieher, S. 176). Der Verfassungsschutzbericht des Bundes von 1995 nennt Jens Pühse als Vertreiber von Skinhead-Musik (S. 122). Jens Pühses „Blitz-Versand" wird vom Autorenkollektiv des „Drahtzieher im braunen Netz" als alter Kader der verbotenen „Nationalistischen Front" (NF) eingeschätzt. Als Kontaktadresse Jens Pühses wird die Anschrift des Landesverbandes Bayern der rechtsextremen „Nationaldemokratischen Partei Deutschlands" (NPD) angegeben (S. 117 f.). Der Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen von 1994 nennt den „Donner Versand" , der von zwei ehemaligen Mitgliedern der NF betrieben wird (S. 152). Ebenso soll das Vorstandsmitglied der „Jungen Nationaldemokraten" , Dieter Koch, Inhaber eines Musikvertriebes sein (Drahtzieher, S. 128). Der Verfassungsschutzbericht des Bundes von 1995 berichtet zudem über ein Konzert auf dem Gelände des ehemaligen Landesvorsitzenden der verbotenen „Freiheitlichen Deutschen Arbeiterpartei" (FAP), das mit 1 000 Teilnehmern als „das mit Abstand größte Konzert in Deutschland" bezeichnet wird (S. 121).
Zwar gelten Skinheads als organisationsfeindlich, durch die Beeinflussung der Szene haben sich Neonazis jedoch ein Umfeld geschaffen, das für ihre Aufmärsche mobilisierbar ist und in ihrem Sinne agiert. In der Öffentlichkeit lassen sich vor allem Gewalttaten dann als Aktionen einzelner oder vermeintlich unpolitischer Jugendlicher darstellen. In dem 1996 in Berlin erschienenen „Handbuch Deutscher Rechtsextremismus" wertet der Historiker Jörg Weltzer die strategische Funktion der „rechten Skin-Szene" für die Neonazis als einer „Vorfeldorganisation und eines Durchlauferhitzers. Sie soll Klima schaffen und Jugendliche über Kultur an den Rechtsextremismus heranführen." (S. 786). Die große Anzahl von Konzerten garantiert den Neonazis einen ständigen Kontakt mit der Szene. In der 1993 erschienenen Broschüre des baden-württembergischen Verfassungsschutzes, „Skinheads", wird die Funktion der Veranstaltungen folgendermaßen beschrieben: „Da der Skinhead-Szene gefestigte organisatorische Strukturen nach wie vor weitgehend fremd sind und oft nur lose Zirkel bestehen, bieten insbesondere Konzertveranstaltungen die Möglichkeit, sich zu treffen und gemeinsam zu artikulieren." (S. 6). Auch in diesem Bericht wird bemerkt, daß Jugendliche über die Szene den Einstieg in den Rechtsextremismus finden (S. 1).
Für ein gewisses Maß an Organisation sprechen auch die internationalen Verbindungen der Szene insbesondere zu skandinavischen, britischen und US-amerikanischen Gleichgesinnten. Insbesondere Schriften oder Tonträger mit eindeutig strafbaren Inhalten werden derzeit aus dem Ausland heraus in die Bundesrepublik Deutschland eingeführt.
Wir fragen die Bundesregierung:
Fragen7
Wie viele einschlägig bekannte Rechtsextremisten von jeweils welchen Organisationen oder Gruppierungen sind der Bundesregierung bekannt, die durch Versände, die Herausgabe oder Verteilung von Zeitschriften, oder die Organisation von Konzertveranstaltungen Einfluß auf die Naziskinhead-Szene nehmen?
a) Wie viele davon gehörten rechtsextremen Gruppen an, die mittlerweile verboten sind?
b) Von welchen rechtsextremen Organisationen oder Gruppierungen wurde auf entsprechenden Konzertveranstaltungen Propagandamaterial verteilt oder verkauft?
Welche Tonträger jeweils welcher rechtsextremen Musikgruppen wurden jeweils 1991 bis 1996 von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften indiziert, und wie lange dauert durchschnittlich ein Indizierungsverfahren?
Ist der Bundesregierung bekannt, wie viele Strafverfahren mit jeweils welchem Ausgang jeweils in den Jahren 1991 bis 1996 gegen rechtsextreme Bands, Versände, Konzertorganisatoren oder Produktionsfirmen eingeleitet wurden?
In welchen Bundesländern fanden die vom Verfassungsschutzbericht des Bundes 1996 angegebenen 70 Konzertveranstaltungen statt?
Ist der Bundesregierung bekannt, zu wie vielen Straf- oder Gewalttaten es während dieser Konzerte gekommen ist und in welcher Anzahl Straf- oder Gewalttaten von Konzertbesuchern im Umfeld der Veranstaltungen verübt wurden?
In welchen Räumlichkeiten (Jugendzentren, Gaststätten o. a.) fanden die 70 genannten Konzerte jeweils statt und in wie vielen Fallen waren der Bundesregierung die Veranstaltungen bereits vor ihrer Durchführung bekannt?
a) Was hat die Bundesreglerung ggf. im Rahmen ihrer Zuständigkeiten jeweils unternommen, um die Durchführung von Konzerten zu verhindern?
b) Hat die Bundesregierung ggf. die Inhaber oder Verpächter von Räumlichkeiten informiert?
Welche Auskünfte kann die Bundesregierung über ausländische Gruppierungen, Versände, Produktionsfirmen oder Zeitschriften geben, zu denen deutsche Naziskins Kontakte pflegen und die Schriften und Tonträger in die Bundesrepublik Deutschland exportieren?
Welche Maßnahmen im Rahmen ihrer Zuständigkeit will die Bundesregierung ergreifen, um die weitere Verbreitung rechtsextremer Tonträger, entsprechender Schriften und die Veranstaltung von entsprechenden Konzerten zu verhindern?
a) Welche Maßnahmen hat die Bundesregierung insbesondere ergriffen, um Jugendzentren, Gastwirte, Konzertveranstalter oder Produktionsfirmen zu informieren?
b) Welche Maßnahmen hat die Bundesregierung insbesondere ergriffen, um im Hinblick auf den Import von rechtsextremen Tonträgern oder entsprechenden Zeitschriften eine Angleichung der rechtlichen Lage in Europa zu erreichen?