BundestagKleine Anfragen
Zurück zur Übersicht
Kleine AnfrageWahlperiode 13Beantwortet

Frauen und Tourismus (G-SIG: 13012685)

In der Tourismusbranche arbeitende Frauen, Frauen als Touristinnen

Fraktion

BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

Ressort

Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend

Datum

25.07.1997

Aktualisiert

26.07.2022

Deutscher BundestagDrucksache 13/820910. 07.97

Frauen und Tourismus

der Abgeordneten Halo Saibold, Gila Altmann (Aurich), Irmingard Schewe-Gerigk und der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

Vorbemerkung

Frauen spielen sowohl als Beschäftigte als auch als Touristinnen eine bedeutende Rolle im Tourismus. Trotzdem werden ihre Interessen häufig zu wenig berücksichtigt und sie sind in den Entscheidungsgremien der wichtigsten Tourismusunternehmen und -verbände kaum vertreten. Für eine Stärkung der Position von Frauen im Tourismus bieten sich Maßnahmen der Bundesregierung im Bereich der Förderung von Existenzgründungen, bei der Personalpolitik in öffentlich getragenen Verbänden und im Rahmen der internationalen Entwicklungszusammenarbeit an.

Insbesondere im Hotel- und Gaststättengewerbe ist die Arbeitssituation für Frauen aufgrund saisonal befristeter und sozialversicherungsloser Beschäftigungsverhältnisse sowie wechselnder Arbeitszeiten am frühen Morgen und späten Abend sehr schwierig. Es liegt die Vermutung nahe, daß die Benachteiligung von Frauen sich hier in doppelter Weise widerspiegelt: Frauen sind gerade in Branchen mit insgesamt niedrigem Lohnniveau (z. B. Hotel- und Gaststättengewerbe) stärker vertreten als in Branchen mit höherem Lohnniveau (z. B. Automobil- und Chemieindustrie). Innerhalb dieser Branchen wiederum sind sie besonders von prekären Beschäftigungsverhältnissen betroffen.

Nachdem das Reisen noch vor einem Jahrhundert ein männliches Privileg war, sind in Deutschland inzwischen auch Frauen zahlreich als Touristinnen unterwegs. Dabei machen sie jedoch häufig Erfahrungen mit der patriarchalisch geprägten Gesellschaft, die die Lust am Urlaub zum Frust werden lassen: Anmache im Restaurant, Gewalt gegenüber Frauen im öffentlichen Raum und das Überwiegen des männlichen Blicks bei der Darstellung der Kultur durch Reiseführer etc. sind nur einige der Faktoren. Die Bundesregierung sollte im Dialog mit der Tourismuswirtschaft auf die notwendigen Veränderungen hinwirken.

Wir fragen die Bundesregierung:

  • Frauen als Arbeitende in der Tourismusbranche
  • Fördermittel für Existenzgründerinnen im Tourismus

Fragen42

1

Wie hoch ist der Anteil der von Frauen gestellten Förderanträge an der Zahl aller Anträge bei den Förderprogrammen Eigenkapitalhilfeprogramm, ERP-Existenzgründungsprogramm (ERP: European Recovery Programme), Existenzgründungsprogramm der Deutschen Ausgleichsbank und Kreditprogramm der Kreditanstalt für Wiederaufbau - aufgeschlüsselt nach folgenden Bereichen:

a) Hotel- und Gaststättengewerbe,

b) Reisebüros,

c) Reiseveranstalterinnen und Reiseveranstalter,

d) Urlaub auf dem Bauernhof,

e) sonstige ausschließlich touristisch genutzte Dienstleistungen?

2

Wie hoch ist der Anteil der bewilligten Förderkredite bei den o. a. Förderprogrammen, den Frauen erhalten haben?

3

Wie hoch ist der Anteil der von Frauen in Anspruch genommenen Kreditsumme am Gesamtvolumen der in den o. a. Förderprogrammen vergebenen Kredite?

4

Wie bewertet die Bundesregierung die derzeitige Beteiligung von Frauen an Existenzgründungsprogrammen in der Tourismusbranche im Hinblick auf das Ziel einer gleichberechtigten Teilhabe von Frauen in der Wirtschaft?

5

Welche Maßnahmen ergreift die Bundesregierung, damit die Zahl der Unternehmensgründerinnen in der Tourismusbranche steigt? Gibt es spezielle Beratungsbüros für Existenzgründerinnen?

6

Welche Maßnahmen ergreift die Bundesregierung, um insbesondere den von hoher Arbeitslosigkeit betroffenen Frauen in den neuen Bundesländern eine Existenzgründung in der Tourismusbranche zu ermöglichen?

Frauen in Führungspositionen bei Tourismusinstitutionen und -verbänden

7

Wie hoch ist nach Kenntnis der Bundesregierung der Anteil von Frauen in Führungspositionen und im mittleren Management bei folgenden öffentlich getragenen oder teilfinanzierten Tourismusinstitutionen:

a) Deutsche Zentrale für Tourismus (DZT),

b) Deutsche Tourismus Marketing GmbH (DTM),

c) Deutschland Informations und Reservierungs GmbH (DIRG),

d) Deutsches Seminar für Fremdenverkehr (DSF),

e) Öffentliche Forschungseinrichtungen und tourismuswissenschaftliche Institute der Universitäten und Fachhochschulen?

8

Wie hoch ist nach Kenntnis der Bundesregierung der Anteil der Frauen in Führungspositionen und im mittleren Management bei den wichtigsten Verbänden der Tourismuswirtschaft (z. B. Deutscher Fremdenverkehrsverband [DFV] und regionale Tourismusverbände, Bundesverband der deutschen Tourismuswirtschaft [BTW], Deutscher Hotel- und Gaststättenverband [DEHOGA], Deutscher Reisebüro Verband [DRV], Bundesverband mittelständischer Reiseunternehmen [asr]) und Gewerkschaft Nahrung, Genuß, Gaststätten?

9

Teilt die Bundesregierung die Ansicht, daß aufgrund des Überwiegens von Männern in Führungspositionen bei den Tourismusinstitutionen und -verbänden in Deutschland von einer durch Männer dominierten Wirtschaft gesprochen werden muß? Wenn nein, wie bewertet die Bundesregierung das Überwiegen von Männern in diesen Führungspositionen?

10

Welche Folgerungen zieht die Bundesregierung aus der Personalunion von (zumeist männlichen) politischen Mandatsträgern und Tourismusverbänden (z. B. DFV, Landesfremdenverkehrsverbände Brandenburg und Sachsen, Hotel- und Gaststättenverband Baden-Württemberg, Bundesverband der deutschen Tourismuswirtschaft) im Hinblick auf ordnungspolitische Gesichtspunkte und auf die Trennung zwischen öffentlichen und privaten Aufgaben?

11

Welche Folgerungen zieht die Bundesregierung aus der Präsenz von wenigen (zumeist männlichen) Schlüsselfiguren in gleichzeitig mehreren Führungsgremien der wichtigsten Tourismusinstitutionen und -verbände (z. B. Verflechtung zwischen DZT, DFV, DIRG und DTM, zwischen DZT, DEHOGA und BTW, zwischen Lufthansa und DZT)?

12

Welche Zusammensetzung haben

a) der Initiativkreis Tourismus beim Bundesministerium für Wirtschaft,

b) die Bund-Länder-Kommission Tourismus, und welches Verfahren und welche Kriterien sind für die Aufnahme in diese Gremien maßgeblich?

Wie hoch ist der Anteil der Männer in diesen Gremien?

Arbeitsbedingungen für Frauen im Inlandstourismus

13

Welche Erkenntnisse liegen der Bundesregierung über Maßnahmen zur Erhöhung des Anteils von Frauen in Führungspositionen bei privaten Tourismusunternehmen vor?

14

Welche Unternehmen der Beherbergungs- und Gaststättenbranche, der Reiseveranstalterinnen und Reiseveranstalter, der Reisebüros, der Verkehrsunternehmen sowie weiterer Tourismusunternehmen haben Wettbewerbe für „frauenfreundliche" bzw. „familienfreundliche" Betriebe (im Hinblick auf Frauen als Beschäftigte) gewonnen? Falls Einzelaufzählung nicht möglich ist, wie hoch ist der Anteil der bei diesen Wettbewerben ausgezeichneten Betriebe aus der Tourismusbranche an der Gesamtzahl der ausgezeichneten Betriebe?

15

Auf welche Weise unterstützt die Bundesregierung alternative Arbeitszeitmodelle im Hotel- und Gaststättengewerbe, die an die Doppelbelastung von Berufstätigen und Erziehenden angepaßt sind?

16

Gibt es nach Kenntnis der Bundesregierung Kinderbetreuungsstätten, die auf die besondere Situation der früh am Morgen beginnenden und spät am Abend endenden Arbeitszeiten im Hotel- und Gaststättengewerbe eingerichtet sind, und werden diese im Rahmen von Modellprojekten oder mittels besonderer Förderprogramme unterstützt?

17

Wie hoch ist nach Kenntnis der Bundesregierung das Lohnniveau im Hotel- und Gaststättengewerbe

a) in der untersten Tarifgruppe für angelernte Beschäftigte, aufgeschlüsselt nach den neuen und den alten Bundesländern,

b) in der mittleren Tarifgruppe für Beschäftigte mit Ausbildung,

c) im Median für alle Beschäftigten - auch die nicht tariflich gebundenen - aufgeschlüsselt nach den neuen und den alten Bundesländern?

18

Wie hoch ist nach Kenntnis der Bundesregierung der Anteil der Frauen an den folgenden unterschiedlich sozial abgesicherten Arbeitsplätzen in der Tourismusbranche - jeweils aufgeschlüsselt nach den Bereichen Hotel- und Gaststättengewerbe, Reisebüros, Reiseveranstalterinnen und Reiseveranstaltern:

a) Vollzeitarbeitsplätze,

b) Teilzeitstellen,

c) saisonal befristete Arbeitsplätze,

d) sozialversicherunglose Beschäftigungen (sog. 610-DM-Jobs)?

19

Wie hoch ist der Anteil der saisonal befristeten und der sozialversicherungslosen Beschäftigten (weiblich und männlich) an der Gesamtzahl der Beschäftigten im Hotel- und Gaststättengewerbe?

20

Welche Maßnahmen ergreift die Bundesregierung, um die Zahl der sozialversicherungslosen Beschäftigungen im Gastgewerbe, die in den vergangenen fünf Jahren um ca. 100 000 gestiegen ist, in sozialversicherte und tariflich abgesicherte Beschäftigungen zu überführen?

21

Wie hoch ist nach Kenntnis der Bundesregierung der Anteil der tarifvertraglich geregelten Arbeitsplätze an der Gesamtzahl der Arbeitsplätze im Hotel- und Gaststättengewerbe differenziert nach den neuen und den alten Bundesländern?

22

Teilt die Bundesregierung aufgrund der Erkenntnisse aus den Antworten zu den o. a. Fragen die Ansicht, daß die Tourismusbranche - und darin insbesondere das Hotel- und Gaststättengewerbe - zu den Branchen mit besonderer Benachteiligung von Frauen in Form von prekären Beschäftigungsverhältnissen gehört?

23

Welche Maßnahmen ergreift die Bundesregierung, um die soziale Absicherung von Frauen, insbesondere im Beherbergungs- und Gaststättengewerbe, zu verbessern?

24

Welche Maßnahmen ergreift die Bundesregierung gegen die im Hotel- und Gaststättengewerbe zunehmende Scheinselbständigkeit?

Frauen und Fördermittel im internationalen Tourismus

25

Bei welchen der in den Anlagen 1 bis 5 in der Antwort der Bundesregierung auf die drei Kleinen Anfragen Internationaler Tourismus (Drucksache 13/7321) aufgeführten Tourismusförderprojekten (TRANSFORM-Programm, Deutsche Investitions- und Entwicklungsgesellschaft DEG, Weltbankgruppe, regionale Entwicklungsbanken, Europäische Kommission, Europäische Investitionsbank) waren Frauen zum Zeitpunkt der Förderung in der Geschäftsführung?

26

Welche Maßnahmen ergreift die Bundesregierung, damit in Zukunft die im Rahmen der multilateralen Förderprogramme vergebenen Mittel für die Tourismusentwicklung an die gleichberechtigte Beteiligung von Frauen in Führungspositionen geknüpft werden?

27

Teilt die Bundesregierung die Ansicht, daß der Schlüssel zur Stärkung der wirtschaftlichen Eigenständigkeit von Frauen in den sog. Entwicklungsländern vor allem in der Förderung kleiner und mittlerer Unternehmen liegt und daß die in Drucksache 13/7321 aufgelisteten Hotelprojekte der DEG und der Weltbankgruppe dazu ungeeignet sind? Wenn ja, welche Maßnahmen ergreift die Bundesregierung zur Änderung der Förderrichtlinien? Wenn nein, warum nicht?

28

Welche der von der Bundesrepublik Deutschland geförderten Projekte der Entwicklungszusammenarbeit mit Tourismusbezug haben einen Schwerpunkt in der Stärkung der sozialen und ökonomischen Stellung von Frauen?

II. Frauen als Touristinnen

29

Welche Informationen liegen der Bundesregierung bezüglich des geschlechtsspezifischen Reiseverhaltens vor, insbesondere im Hinblick auf Reisehäufigkeit, Reiseentfernung, Verkehrsmittelwahl und das Verhältnis zwischen Alleinreisenden, Gruppenreisenden und Reisenden mit Partner/Partnerin bzw. Familie?

30

Wie hoch ist nach Kenntnis der Bundesregierung der Anteil der aus dem Ausland nach Deutschland reisenden Frauen an der Gesamtzahl der ausländischen Gäste?

31

Welche speziell auf die Bedürfnisse von Frauen zugeschnittenen Angebote wurden von der DZT und den Tourismusverbänden in Deutschland entwickelt?

32

Welche frauenspezifischen touristischen Angebote - auch von Privatunternehmen in der Tourismusbranche - wurden mit öffentlichen Mitteln gefördert?

33

Bei welchen der in Frage 1 genannten Förderprogrammen gibt es Förderkriterien, die insbesondere auf die Erhöhung eines frauenspezifischen touristischen Angebotes zielen, und welche Kriterien sind dies?

34

Welche Möglichkeiten zur Verbesserung des touristischen Angebotes im Hinblick auf frauenspezifische Belange wurden von der Bundesregierung im Rahmen des Branchendialogs und des Tourismusbeirats beim Bundesministerium für Wirtschaft vorgeschlagen?

35

Wird sich die Bundesregierung zukünftig gegenüber der Tourismuswirtschaft für folgende Initiativen einsetzen:

a) Kampagne des DEHOGA zur Sensibilisierung des Personals in Hotels und Gaststätten gegen Belästigung weiblicher Gäste und weiblichen Personals durch Männer,

b) Kampagne des DEHOGA für organisatorische Maßnahmen in Hotels zur Erhöhung der Sicherheit von Frauen (z. B.: Frauenetage, hellere Beleuchtung, weibliches Personal für Zimmerservice)? Wenn nein, warum nicht?

36

Welche Fälle betrafen nach Kenntnis der Bundesregierung die vier im Jahre 1996 vom Deutschen Werberat zu entscheidenden Beschwerden im Zusammenhang mit Werbung im Bereich des Tourismus, und welche Stellungnahme gab der Werberat zu diesen Beschwerden ab?

37

Welche Maßnahmen ergreift die Bundesregierung gegen die weit verbreitete Praxis bei Reiseveranstalterinnen und Reiseveranstaltern, mit Abbildungen von Frauen zu werben, die das Klischee der sexuellen Verfügbarkeit von Frauen nähren?

38

Gibt es eine freiwillige Selbstverpflichtung der Reiseveranstalterinnen und Reiseveranstalter, solche klischeehaften und diskriminierenden Werbeformen einzuschränken, oder wird eine solche Selbstbeschränkung von der Bundesregierung angeregt? Wenn nein, warum nicht?

Bonn, den 10. Juli 1997

Halo Saibold Gila Altmann (Aurich) Irmingard Schewe-Gerigk Joseph Fischer (Frankfurt), Kerstin Müller (Köln) und Fraktion

Ähnliche Kleine Anfragen