Perspektiven der heimischen Wald- und Forstwirtschaft und der Holzindustrie
der Abgeordneten Heidemarie Wright, Ernst Bahr, Heinz Schmitt (Berg), Christel Deichmann, Reinhold Hemker, Marianne Klappert, Kurt Palis, Dr. Hermann Scheer, Horst Sielaff, Jella Teuchner, Matthias Weisheit, Hans Büttner (Ingolstadt), Petra Ernstberger, Gabriele Fograscher, Uwe Hiksch, Frank Hofmann (Volkach), Gerd Höfer, Barbara Imhof, Berthold Wittich, Brunhilde Irber, Susanne Kastner, Walter Kolbow, Horst Kubatschka, Brigitte Lange, Ulrike Mascher, Heide Mattischeck, Dr. Martin Pfaff, Georg Pfannenstein, Bernd Reuter, Gerhard Rübenkönig, Marlene Rupprecht, Erika Simm, Ludwig Stiegler, Uta Titze-Stecher, Adelheid Tröscher, Verena Wohlleben, Hanna Wolf (München)
Vorbemerkung
Die deutsche Wald- und Forstwirtschaft sowie deren vor- und nachgelagerte Wirtschaftszweige sehen sich immer mehr einem internationalen Konkurrenzdruck insbesondere aus Skandinavien und den ehemaligen Ostblockländern ausgesetzt. Die Kosten der Primär- und Sekundärproduktion von Holz werden immer weniger durch den Verkaufserlös getragen. Die Folge sind Einsparungen bei den Pflege- und Schutzmaßnahmen des Waldes sowie Rationalisierungsmaßnahmen im Betrieb und somit eine insgesamt rückläufige Beschäftigungssituation.
Zum anderen ist der deutsche Wald nach wie vor erheblichen Schadstoffeinträgen ausgesetzt, die den Wald in seiner Widerstandsfähigkeit gegenüber Witterungsbedingungen einschränken und der Wald- und Forstwirtschaft erhebliche Verluste bescheren. Emissionen aus Straßenverkehr und Landwirtschaft, hohe sommerliche Ozonkonzentrationen sowie Schwefeldioxid, das vor allem dem Energiebereich entstammt, verursachen gravierende Schäden in den Waldökosystemen. Versucht die Bundesregierung im jährlichen „Waldzustandsbericht" Optimismus zu verbreiten, belegt der jetzt zum ersten Mal für alle Bundesländer erschienene Waldbodenbericht, daß von einem stabilen Ökosystem nicht die Rede sein kann. Mit einer flächendeckenden Versauerung und Basenverarmung der Oberböden sowie den Engpässen in der Baumernährung und den Nährstoffungleichgewichten infolge erhöhter Stickstoffeinträge kann der Wald seine Funktion als Garant für Grundwasserspeicherung und -sanierung nicht mehr erfüllen.
Obwohl die deutsche Forstwirtschaft das Prinzip der nachhaltigen Wirtschaftsweise einmal geprägt und in den letzten 200 Jahren dafür gesorgt hat, daß die deutschen Wälder einen beträchtlichen Holzvorrat aufweisen, entstanden seit Anfang dieses Jahrhunderts, insbesondere aber nach 1945 unter dem Primat einer schnellen gewinnbringenden Holzerzeugung, Altersklassenwälder aus Mono- und Bikulturen, die vorwiegend durch Kahlschlag geerntet wurden. Von dieser verfehlten Wirtschaftsweise erholt sich der deutsche Wald nur allmählich.
Eine vorsorgende und zukunftsfähige Forstpolitik muß zum Ziel haben, daß die Fähigkeit des Naturwaldes zur Selbstregulierung und zur Widerstandsfähigkeit in den Wirtschaftswald zurückgeholt wird. Nur Vielfalt und Dynamik verleihen dem Waldökosystem die erforderliche Optionsbreite, um mit einer Vielzahl an biogenetischer Information sowohl auf schwierige Umweltbedingungen als auch auf die veränderten Marktrelationen und Verbraucherinteressen flexibel reagieren zu können.
Wichtig für die deutsche Wald- und Forstwirtschaft ist die Eroberung und Ausschöpfung neuer Marktsegmente (Bauen mit Holz, Holz als Wärmedämmung, energetische Nutzung von Holz, Umwelt und Erholungsleistungen des Waldes), die eine weitere ökonomisch tragfähige Perspektive bieten.
So lassen sich beispielsweise durch vernünftige Marketingstrategien und eine überbetriebliche Zusammenarbeit zwischen privaten und kommunalen Waldbesitzern die Umwelt- und Erholungsleistungen des Waldes besser vermarkten. Im Gegensatz zu der weitgehend homogenen Produktstruktur bei der Holzproduktion mit einer Vielzahl von Anbietern, haben die Anbieter von Umwelt- und Erholungsfunktionen meist eine Alleinstellung, die einen großen Preisgestaltungsspielraum zuläßt.
Wir fragen daher die Bundesregierung:
Fragen11
Wie hat sich der Export von Holz aus deutschen Wäldern und der Import von ausländischem Holz nach Deutschland in den letzten zehn Jahren verändert?
Welche Preisschwankungen waren in diesem Zeitraum zu verzeichnen gewesen?
Wie hat sich nach Erkenntnissen der Bundesregierung die Zahl der in der Wald- und Forstwirtschaft beschäftigten Personen im Laufe der letzten zehn Jahre geändert (untergliedert nach alten und neuen Ländern)?
Wie hat sich nach Erkenntnissen der Bundesregierung die Struktur der Forstbetriebe und der holzverarbeitenden Industrie (Anzahl und Größe der Betriebe) in Deutschland entwickelt?
Wie hat sich die Beschäftigungssituation in der holzverarbeitenden Industrie verändert?
Wie stellt sich nach Erkenntnissen der Bundesregierung die Struktur der Sägeindustrie in Deutschland dar, und zwar in bezug auf: Kapazität und Marktsegmente, Stand der technischen Ausstattung, Auslastungsgrad, Beschäftigung.
Gibt es diesbezügliche Vergleichsdaten zu den wichtigsten anderen europäischen Produzentenländern?
Mit welcher Entwicklung rechnet die Bundesregierung?
Wie hoch ist nach Angaben der Bundesregierung das nutzbare Potential an Schwach- und Durchforstungsholz, ohne daß die Kriterien einer nachhaltigen Waldbewirtschaftung verletzt werden?
Welche Erkenntnisse hat die Bundesregierung bez. der Vermarktungssituation bei Schwachholz?
Welche Maßnahmen hält die Bundesregierung für geeignet, um den Absatz von Schwachholz zu fördern?
Hält die Bundesregierung die Errichtung neuer Zellstoffkapazitäten für möglich und notwendig, um diese Vermarktungsprobleme zu entschärfen?
Wie schätzt die Bundesregierung die Entwicklung des Absatzes an Holzbrennstoffen für die energetische Verwertung in den nächsten Jahren ein?
Wie bewertet die Bundesregierung die Höhe der gegenwärtigen Energiepreise für die Wirtschaftlichkeit des Energieträgers Holz?
Welche Rahmenbedingungen müßten sich nach Ansicht der Bundesregierung ändern, um das Energieträgerpotential von Holz (Schwachholz, Industrierestholz und Altholz) zu erhöhen und auszuschöpfen?
Inwieweit sieht die Bundesregierung in einer Erhöhung der Energiepreise (ökologische Steuerreform) eine Möglichkeit, den Anteil der energetischen Nutzung von Holz zu steigern?
Hält die Bundesregierung eine gesicherte Anschubfinanzierung für die Holzenergienutzung für notwendig?
Aus welchen Gründen hat die Bundesregierung die Förderungen für Holzfeuerungsanlagen mehr als halbiert?
Mit welchen positiven Beschäftigungseffekten ist bei einer höheren energetischen Nutzung des Energieträgers Holz in der Wald- und Forstwirtschaft zu rechnen?
Welche positiven wirtschaftlichen Impulse und Beschäftigungseffekte sind im Anlagenbau und Betrieb von Holzhackschnitzel-Heizkraftwerken zu erwarten?
Wie beurteilt die Bundesregierung die Zertifizierung von Forstbetrieben als Instrument zur Durchsetzung von ökologisch nachhaltigen und naturnahen Bewirtschaftungsmethoden?
Teilt die Bundesregierung die Ansicht vieler Umweltschutzverbände, daß die Kriterien des Zeichens „HOLZ aus nachhaltiger Forstwirtschaft. Gewachsen in Deutschlands Wälder" nicht ausreichen, da lediglich eine quantitative (d. h. die Holznutzung übersteigt nicht den Holzzuwachs), nicht aber eine qualitative Bewertung (Anbau- und Verjüngungsverfahren, biologische Vielfalt, Art der Holzernte) herangezogen wird?
Wie bewertet die Bundesregierung die verschiedenen, derzeit sowohl auf nationaler als auch auf internationaler Ebene im Umlauf befindlichen Gütesiegel (FSC, Eco Timber usw.), und welche Chancen räumt sie diesen Siegeln auf dem Markt ein?
Wie schätzt die Bundesregierung die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Forst-, Holz- und Papierwirtschaft in dem Marktsegment „zertifiziertes Holz" ein, wenn wichtige ausländische Wettbewerber sich diese Option aufrechterhalten?
Welche Initiativen unternimmt die Bundesregierung, um ein abgestimmtes Zertifizierungsmodell im europäischen Binnenmarkt zu erarbeiten und zu realisieren?
Welche Möglichkeiten sieht die Bundesregierung, durch eine stärkere Vermarktung von Umwelt- und Erholungsleistungen des Waldes neue wirtschaftliche Perspektiven zu eröffnen?
Welche Konzepte hat die Bundesregierung hierzu?
Sieht die Bundesregierung Gefahren für den Zustand der deutschen Wälder durch die Werbung für eine verstärkte Nutzung der Erholungsfunktion des Waldes?
Wenn ja, welche?