Ursachen und ökologische Folgen der Verschmutzung der Meere durch Kunststoffabfälle
der Abgeordneten Sylvia Kotting-Uhl, Undine Kurth (Quedlinburg), Nicole Maisch, Rainder Steenblock, Hans-Josef Fell, Bettina Herlitzius, Winfried Hermann, Peter Hettlich, Bärbel Höhn, Dr. Anton Hofreiter, Renate Künast, Fritz Kuhn und der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Vorbemerkung
Die Verschmutzung der Meere mit Kunststoffabfällen ist ein riesiges ökologisches Problem. Da diese Abfälle leichter sind als Wasser und sich nicht zersetzen, treiben diese Abfälle oft jahrelang in den Meeren oder werden an den Küsten angespült. Die Meeresschutzorganisation Oceana schätzt, dass weltweit jede Stunde rund 675 Tonnen Müll direkt ins Meer geworfen werden, die Hälfte davon aus Plastik. Im Nordostpazifik zwischen Kalifornien und Hawaii treibt inzwischen ein rund drei Millionen Tonnen schwerer Plastikteppich, der etwa so groß ist wie Mitteleuropa.
Aber nicht nur im Pazifik treibt ein riesiger Abfallteppich. Jeder Ozean ist betroffen. Vor allem in Nord- und Ostsee werden nach wie vor regelmäßig große Mengen von Abfällen im Spülsaum aufgefunden. Nach Angaben des Forschungs- und Technologiezentrums Westküste der Universität Kiel (Büsum) gehört die Deutsche Bucht als Teil der südöstlichen Nordsee trotz bestehender Schutzmaßnahmen zu den am stärksten mit Müll belasteten Regionen in der Nordsee. Vor allem an den naturbelassenen Stränden, der unbewohnten Inseln Mellum oder Minsener Oog, die im Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer liegen, zeigt sich das Ausmaß der Verschmutzung.
Dort wird seit Jahren der angespülte Müll erfasst. Nach Angaben des Mellumrates, einer Natur-schutz- und Forschungsgemeinschaft ergab die Auswertung der regelmäßigen Überprüfung von drei Strandabschnitten von je 100 Metern Länge, dass im Zeitraum von 1991 bis 2002 im Schnitt fast 80 Prozent der gefunden Müllteile aus Plastik, Styropor oder Schaumgummi waren. Es wurden insgesamt mehr als 25 600 Stücke erfasst. Darunter vor allem Plastiktüten, Planen und Folien. Der Kunststoffmüll machte dabei den höchsten Anteil aus.
Diese Verschmutzung der Meere und Küsten durch Kunststoffabfälle ist nicht nur eine Umweltkatastrophe und beträchtlicher Kostenfaktor für den Tourismus, sie ist vor allem eine Gefahr für die Meeresbewohner. Vögel und andere Meeresbewohner verletzen sich an Abfällen, werden geschwächt, verhungern durch die Aufnahme von Plastik anstelle von Nahrung oder verenden qualvoll in Schnüren und Netzen. Mehr als 180 tote Vögel, die entlang der deutschen Küste gefunden wurden, sind seit 2002 in der Studie untersucht worden. Die Studie kam zu dem Ergebnis, dass fast 93 Prozent der Vögel Plastikmüll im Magen hatten (Forschungs- und Technologiezentrum Westküste der Universität Kiel [Büsum]).
Aber nicht nur der Müll selber ist eine Gefahr. Hinzu kommt, dass sich in den Kunststoffabfällen im Wasser schwer lösliche Schadstoffe anreichern und so den Müll zu einer besonderen Gefahr machen. An Kunststoffabfällen, die im Meer treiben, können sich giftige und krebserregende Chemikalien, wie DDT oder Polychlorierte Biphenyle anlagern. In Untersuchungen konnte nachgewiesen werden, dass die Konzentration einzelner Giftstoffe an solchen Kunststoffteilchen bis zu einer Million Mal höher waren, als im umgebenden Wasser.
Kunststoffabfälle zersetzten sich zwar nicht, sie werden aber im Wasser durch Wellenbewegung und Sonneneinstrahlung zu winzigen Teichen zermahlen. In Untersuchungen vor der schwedischen Westküste fand man zwischen 200 und 100 000 solcher Teilchen pro Kubikmeter Meerwasser. Solche mikroskopisch kleinen Plastikteilchen können über das Plankton in den Fisch und so mitsamt ihrer Giftfracht in der Nahrungskette weiter bis hin zum Menschen gelangen.
Wir fragen die Bundesregierung:
Fragen28
Welche Mengen an Abfällen wurden nach Kenntnis der Bundesregierung seit 1990 in den deutschen Meeresgewässern gefunden (Auflistung nach Fundort Nord- oder Ostsee), und werden diese Abfallmengen jährlich erfasst?
Welche Art von Müll, wie z. B. Plastik, Styropor oder Schaumgummi, werden nach Kenntnis der Bundesregierung in den deutschen Meeresgewässern im Durchschnitt gefunden (Auflistung nach Fundort Nord- oder Ostsee), und existiert ein offizielles Register der Mengen von Müll in den deutschen Meeresgewässern?
Welche Indikatoren für die Meeresverschmutzung mit Abfällen gibt es nach Kenntnis der Bundesregierung?
Was sind nach Erkenntnis der Bundesregierung die Ursachen, bzw. Hauptquellen für die zu beobachtende Vermüllung der Meere, vor allem mit Kunststoffabfällen?
Welcher Anteil der Abfälle ist nach Erkenntnis der Bundesregierung der Schifffahrt und der Fischerei zuzuordnen?
Gibt es nach Kenntnis der Bundesregierung einen Zusammenhang zwischen Müllbelastung und hoher Intensität des Schiffverkehrs?
Wie hoch ist der Eintrag nach Kenntnis der Bundesregierung von der Landseite, und welches sind hier die Hauptquellen der Verschmutzung?
Welche Art von Auswirkungen auf das Ökosystem Meer sind nach Kenntnis der Bundesregierung durch den Müll im Meer zu verzeichnen, und welche maritimen und küstennahen Lebensräume, Meeresorganismen, -tiere und -pflanzen sind von der Vermüllung der Meere besonders betroffen, und welche aktuellen Untersuchungen und Zahlen liegen der Bundesregierung hierzu vor?
Wie beurteilt die Bundesregierung die ökologischen Auswirkungen der Verschmutzung der Meere mit Abfällen, und welche Untersuchungen und Zahlen liegen der Bundesregierung hierzu vor?
Wie schätzt die Bundesregierung die Belastungen der Meeresumwelt durch Schadstoffe aus den Abfällen im Meer ein, und welches sind hier die Hauptquellen dieser chemischen Belastung?
Welche Gefährdungen sieht die Bundesregierung durch die Anreicherung von Schadstoffen in der Nahrungskette der Meerestiere durch feingemahlene Kunststoffteilchen, und teilt die Bundesregierung die Auffassung, dass diese Schadstoffe auch in den menschlichen Organismus durch die Nahrung aufgenommen werden können?
Von welchen sozialen, ökologischen und ökonomischen Schäden geht die Bundesregierung durch die Verschmutzung der Meere durch Abfälle aus, und wer muss für diese Schäden jährlich aufkommen?
Welchen Handlungsbedarf sieht die Bundesregierung aufgrund der Schäden?
Welche Techniken werden nach Kenntnis der Bundesregierung zur Müllentfernung in den Meeren und für die Säuberung von Stränden angewendet, und welche Erfahrungen wurden mit diesen Techniken gemacht?
Herrscht nach Auffassung der Bundesregierung aufgrund der Erfahrungen mit den Techniken noch Forschungsbedarf, und wenn ja, welche aktuellen Forschungsprojekte werden zurzeit durchgeführt?
Wie hoch sind nach Kenntnis der Bundesregierung vor allem die jährlichen Kosten, die durch die Säuberung von Stränden entstehen, und wer hat diese Kosten zu tragen?
Wie bewertet die Bundesregierung die Auswirkungen und Folgen der Meeresverschmutzung durch Abfälle insbesondere für den Tourismus, und liegen der Bundesregierung hierzu Untersuchungen und Zahlen vor?
Welche weiteren Branchen sind nach Kenntnis der Bundesregierung durch die zunehmende Vermüllung der Meere und Küstengebiete betroffen, und welche Auswirkungen und Folgen sind der Bundesregierung bekannt?
Wie bewertet die Bundesregierung, dass trotz des bestehenden besonderen Schutzes der Nordsee die Abfallmengen seit Jahren nicht zurückgehen?
Hält die Bundesregierung die bestehenden internationalen und nationalen Regelungen vor diesem Hintergrund für ausreichend?
Welche weiteren Maßnahmen will die Bundesregierung ergreifen, um der zunehmenden Vermüllung der Weltmeere durch Abfälle und insbesondere Kunststoffabfälle entgegenzuwirken, und welche Initiativen verfolgt sie derzeit in diesem Zusammenhang?
Wie gut funktionieren nach Erkenntnis der Bundesregierung vor allem Kontrolle und Vollzug (z. B. das Internationale Übereinkommen zur Verhütung der Meeresverschmutzung durch Schiffe (MARPOL))?
Konnten in der Vergangenheit Verursacher von Verschmutzungen ermittelt und zur Rechenschaft gezogen werden, und wie hoch ist nach Erkenntnissen der Bundesregierung die Aufklärungsquote bei Verstößen?
Was bringt nach Ansicht der Bundesregierung der „Blaue Engel“ für die Seeschifffahrt um der Vermüllung der Meere entgegenzuwirken?
Welche Rolle kommt nach Ansicht der Bundesregierung den Häfen zu, und sollten nach Auffassung der Bundesregierung die Häfen eine kostenfreie Müllentsorgung anbieten, um der Entsorgung auf dem Meer entgegenzuwirken?
Welche weiteren ordnungsrechtlichen Maßnahmen sind nach Auffassung der Bundesregierung erforderlich, um der Müllentsorgung auf dem Meer zu begegnen, und wie bewertet die Bundesregierung unter anderem die Einführung von härteren Strafen für illegale Müllentsorger?
Welche Strategie verfolgt die Bundesregierung zur Reduzierung der Verpackungsmaterialien in der Bundesrepublik Deutschland und Europa, und welche Erfolge konnten seit 1990 verzeichnet werden?
Wie beurteilt die Bundesregierung vor dem Hintergrund der Belastung der Meere vor allem mit Kunststoffabfällen die Materialeigenschaft der biologischen Abbaubarkeit, insbesondere von Verpackungskunststoffen, und welche Maßnahmen ergreift die Bundesregierung, um die Einführung von biologisch abbaubaren Materialien auf dem Markt zu fördern?