Waldschäden durch Schwammspinnerraupen
der Abgeordneten Dr. Klaus Kübler, Susanne Kastner, Brigitte Adler, Robert Antretter, Friedhelm Julius Beucher, Rudolf Bindig, Hans Büttner (Ingolstadt), Marion Caspers-Merk, Dr. Herta Däubler-Gmelin, Klaus Daubertshäuser, Dr. Marliese Dobberthien, Eike Ebert, Ludwig Eich, Gernot Erler, Lothar Fischer (Homburg), Monika Ganseforth, Gerlinde Hämmerle, Dr. Liesel Hartenstein, Erwin Horn, Siegrun Klemmer, Walter Kolbow, Horst Kubatschka, Uwe Lambinus, Dorle Marx, Ulrike Mascher, Heide Mattischeck, Ulrike Mehl, Rudolf Müller (Schweinfurt), Horst Peter (Kassel), Bernd Reuter, Otto Schily, Horst Schmidbauer (Nürnberg), Renate Schmidt (Nürnberg), Dr. Rudolf Schöfberger, Dr. R. Werner Schuster, Erika Simm, Dr. Hartmut Soell, Joachim Tappe, Uta Titze-Stecher, Siegfried Vergin, Rudi Walther (Zierenberg), Dr. Konstanze Wegner, Reinhard Weis (Stendal), Dr. Axel Wernitz, Hermann Wimmer (Neuötting), Dr. Hans de With, Berthold Wittich, Verena Wohlleben, Hanna Wolf, Uta Zapf
Vorbemerkung
Nach den vier Trockenjahren 1989 bis 1992 haben sich Schwammspinner- und andere Schmetterlingsraupen in den Bundesländern Hessen, Baden-Württemberg und Bayern in einem so starken Maße vermehrt, daß große ökologisch wertvolle Waldbestände, insbesondere bei den Altbeständen von Eiche, Buche und Linde, durch Raupenfraß geschädigt wurden.
Angesichts der Notwendigkeit, die Fraßschäden in den befallenen und durch zahlreiche Umweltstressoren bereits stark geschädigten Wäldern einzudämmen, und vor dem Hintergrund der Tatsache, daß der Höhepunkt der Massenvermehrung des Schwammspinners noch nicht erreicht ist und in den Folgejahren noch weitaus größere Waldschäden zu befürchten sind, ist es jetzt notwendig, Klarheit über den Umfang der Schäden herzustellen, die Ursachen des Massenauftretens des Schwammspinners zu ergründen und dessen Bekämpfungsmöglichkeiten vorzubereiten.
Daher fragen wir die Bundesregierung:
Fragen16
Welche forstwirtschaftlichen Schäden erwartet die Bundesregierung durch den Befall durch Schwammspinner- und andere Schmetterlingsraupen für das Jahr 1993, und wie ist die voraussichtliche Verteilung dieser Schäden nach Regionen und Baumarten?
Inwieweit sind von dem Befall durch Schwammspinner- und andere Schmetterlingsraupen neben Laubbäumen auch Nadelhölzer und die Bodenvegetation betroffen?
Welche Ursachen sieht die Bundesregierung für die Massenvermehrung der Schwammspinnerraupen, die in Deutschland schon 1851 bis 1853, 1874 und 1875 zu beobachten war, und stimmt die Bundesregierung der Auffassung zu, daß vor dem Hintergrund einer Reihe von anomal milden Wintern und heißen Sommern, Trockenjahren, Grundwasserabsenkungen, Sturmschäden und der allgemeinen Schwächung der Wälder durch den anthropogenen Schadstoffeintrag die durch die Schwammspinnerraupen verursachten Waldschäden in die Kategorie „Umweltschäden" einzustufen sind?
Wird die Bundesregierung den geschädigten Waldbauern Hilfsleistungen für eventuelle materielle Verluste anbieten?
Wie beurteilt die Bundesregierung den Zusammenhang zwischen der seit den 1980er Jahren zu beobachtenden Häufung von relativ milden Wintern und sehr warmen Sommern und dem massiven Auftreten des ursprünglich in wärmeren südosteuropäischen Regionen stärker verbreiteten Schwammspinners, und erwartet sie zukünftig noch weitere zusätzliche Waldschäden durch bislang in unseren Breiten nicht so stark vertretene Schädlinge?
Liegen der Bundesregierung Erkenntnisse darüber vor, daß die durch den großen Stickstoffeintrag in unsere Wälder verursachten Stoffwechsel- und Ernährungsstörungen, insbesondere in Laubwäldern, zu einem besseren Ernährungsangebot für Schädlinge wie die Schwammspinnerraupe geführt haben?
Stimmt die Bundesregierung der Auffassung zu, daß aufgrund des im nächsten Jahr zu erwartenden Zusammentreffens von a) einem starken Flugjahr für Maikäfer und b) dem Schlüpfen der Raupen aus der diesjährigen extrem großen Schwammspinner-Population eine derartige Gefährdung von ökologisch besonders wertvollen Waldbeständen zu befürchten ist, daß dies eine besondere Bekämpfung unter Beteiligung der Bundesregierung erforderlich macht, oder sollte auf eine besondere Bekämpfung verzichtet werden, um so nachteilige Nebenwirkungen zu vermeiden?
Welche Maßnahmen hält die Bundesregierung für geeignet, um die Weiterverbreitung des Schwammspinners zu beobachten, und wird die Bundesregierung die betroffenen Bundesländer und deren Forstämter bei der Beobachtung und Dokumentation der Eiablage der Schwammspinner-Weibchen unterstützen?
Welche umweltschonenden Bekämpfungsmaßnahmen des Schwammspinners und seiner Raupe existieren, und wie sind die bisherigen Erfahrungen mit deren Anwendung?
Bestehen bereits Erfahrungen mit sogenannten biologischen Bekämpfungsarten, also mit natürlichen Freßfeinden des Schwammspinners, wie z. B. mit Schlupfwespen, und wie sind diese?
Welche Erfahrungen bei der Bekämpfung von Schmetterlingsraupen und insbesondere von Schwammspinnerraupen bestehen mit dem „Bacillus thuringiensis var. Kurstaki" (BtK), und wie hoch ist der „Wirkungsgrad" von BtK?
In welcher Form und unter welchen Bedingungen ist der Einsatz von BtK möglich?
Welches sind die Auswirkungen von BtK auf die natürlichen Feinde der Raupen?
Ist die Ungefährlichkeit des BtK für Menschen, Wirbeltiere und „Nutzinsekten", wie z. B. Bienen, wissenschaftlich eindeutig und unstrittig nachgewiesen?
Wenn BtK — wie z. B. das Institut für biologischen Pflanzenschutz der Biologischen Bundesanstalt für Land- und Forstwirtschaft in Darmstadt erklärt — für den Menschen unbedenklich ist, warum wird BtK dann nur mit einem großen Sicherheitsabstand zu Autobahnen und Bundesstraßen, nur mit Ausnahmegenehmigung in der Zone II von Wasserschutzgebieten und überhaupt nicht in der Zone I von Wasserschutzgebieten eingesetzt?
Welche anderen biologisch-chemischen Bekämpfungsarten des Schwammspinners und seiner Raupe sind bekannt, und unter welchen Bedingungen können diese — den bestmöglichen Schutz von Mensch und Umwelt vorausgesetzt — zur Anwendung gebracht werden?