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Kleine AnfrageWahlperiode 19Beantwortet
Rüstungspolitische Sachstandsermittlung zum Taktischen Luftverteidigungssystem
(insgesamt 42 Einzelfragen)
Fraktion
FDP
Ressort
Bundesministerium der Verteidigung
Datum
04.09.2019
Aktualisiert
26.07.2022
BT19/1213305.08.2019
Rüstungspolitische Sachstandsermittlung zum Taktischen Luftverteidigungssystem
Kleine Anfrage
Volltext (unformatiert)
[Deutscher Bundestag Drucksache 19/12133
19. Wahlperiode 05.08.2019
Kleine Anfrage
der Abgeordneten Dr. Marcus Faber, Alexander Graf Lambsdorff,
Grigorios Aggelidis, Renata Alt, Jens Beeck,
Dr. Jens Brandenburg (Rhein-Neckar), Christian Dürr, Otto Fricke,
Katrin Helling-Plahr, Markus Herbrand, Katja Hessel, Manuel Höferlin,
Dr. Christoph Hoffmann, Reinhard Houben, Ulla Ihnen, Dr. Christian Jung,
Thomas L. Kemmerich, Konstantin Kuhle, Oliver Luksic, Alexander Müller,
Roman Müller-Böhm, Bernd Reuther, Matthias Seestern-Pauly, Frank Sitta,
Bettina Stark-Watzinger, Michael Theurer, Gerald Ullrich, Nicole Westig
und der Fraktion der FDP
Rüstungspolitische Sachstandsermittlung zum Taktischen
Luftverteidigungssystem
Die Luftverteidigung Deutschlands, der EU und der NATO wird aufgrund
zahlreicher technischer und politischer Entwicklungen in den kommenden Jahren
an Bedeutung gewinnen (https://dgap.org/de/think-tank/publikationen/dgapkompakt/
die-neue-qualitaet-von-luftbasierten-bedrohungen). Das mögliche Ende des INF-
Vertrages sei hier exemplarisch genannt. Gerade in dem besonders kritischen
Bereich der Luftverteidigung besteht, nach Auffassung der Fragesteller, aktuell eine
deutliche Fähigkeitslücke der Bundeswehr, die im Sinne des Fähigkeitsprofils der
Bundeswehr dringend geschlossen werden muss. Zentral ist dabei die
Modernisierung der bodengebundenen Luftverteidigung, bei der es sich aktuell um eines
der größten Rüstungsprojekte der Bundeswehr handelt.
Seit Beginn der Planungen für ein neues Luftverteidigungssystem, dem
Taktischen Luftverteidigungssystem (TLVS), das auf den
Entwicklungsergebnissen des abgebrochenen Programms Medium Extended Air Defense System
(MEADS) basiert, haben sich die militärpolitischen Gegebenheiten, die
Bedrohungslage und die technologischen Möglichkeiten signifikant verändert und
somit auch die Anforderungen an die Luftverteidigung. Mit Vorlage eines neuen
Angebots im Juni 2019 für die Modernisierung sollten zahlreiche
Nachbesserungen seitens des Anbieters erfüllt werden (FAZ 25. Juni 2019, Seite 20).
Anfang des Jahres 2019 bezeichneten Medienberichte das Rüstungsprojekt TLVS
noch als eine teure „Reanimation“ (www.handelsblatt.com/politik/deutschland/
verteidigung-neues-luftabwehrsystem-wird-milliarden-euro-teurer/23932420.html
?ticket=ST-3178224-nQThxmt6PI9d1xfcSB2b-ap2). Somit ist nach einer
Wiederbelebung laut Fragesteller ein aktueller und ausführlicher Sachstand
unerlässlich.
Wir fragen die Bundesregierung:
1. Welche grundsätzlichen konzeptionellen Vorstellungen zur Entwicklung und
Beschaffung von Flugabwehr- sowie bodengebundenen
Luftverteidigungssystemen hat die Bundesregierung?
2. Welche und wie viele bodengebundene Luftverteidigungssysteme von
mittlerer bis großer Reichweite sind aktuell (Stand: 31. Juni 2019) im Bestand
der Bundeswehr?
3. Welche und wie viele Flugabwehrsysteme für den Objektschutz bzw. für den
Selbstschutz der Truppe sind aktuell (Stand: 31. Juni 2019) im Bestand der
Bundeswehr?
4. Wie hoch ist der zusätzliche Bedarf von Flugabwehr- und bodengebundenen
Luftverteidigungssystemen von kurzer, mittlerer und großer Reichweite für
die Bundeswehr (bitte nach den Kategorien kurze, mittlere und große
Reichweite aufschlüsseln)?
5. Welche grundsätzlichen Bedrohungsanalysen liegen der Entwicklung und
eventuellen Beschaffung von TLVS zugrunde, und inwiefern und zu
welchem Teil kann TLVS diese identifizierten Bedrohungen abdecken?
6. Wie soll innerhalb der Bündnis- und Landesverteidigung TLVS eingesetzt
werden, und von welchen Einsatzszenarien ist dabei auszugehen?
7. Wurden seit 2009 in den Auslandseinsätzen der Bundeswehr
Flugabwehroder Luftverteidigungssysteme eingesetzt, und wenn ja, welche, in welchem
Einsatz?
8. Wie viele Systeme des TLVS sind nach Planungen der Bundesregierung
vonnöten, um allen Einsatzszenarien aus der Konzeption der Bundeswehr und
dem davon abgeleiteten Fähigkeitsprofil der Bundeswehr gleichzeitig und
gleichrangig nachkommen zu können?
9. Welche Studien und Forschungsaufträge zur örtlichen Flugabwehr und
räumlichen Luftverteidigung der Bundeswehr im Allgemeinen und zu TLVS
im Besonderen wurden durch die Bundesregierung bisher vergeben bzw.
sind in der Planung (bitte Jahr, Auftragsvolumen, Auftragnehmer, beteiligte
Unternehmen bzw. Forschungsinstitute, Gegenstand des Studienprojektes
nennen)?
10. Wie viele Haushaltsmittel sind bisher insgesamt und davon national für die
Entwicklung von TLVS einschließlich des trinationalen Rüstungsprojektes
MEADS ausgegeben worden?
11. Wie hoch beziffert die Bundesregierung derzeit den Finanzbedarf für die
Entwicklung und Beschaffung von TLVS (bitte nach Gesamtkosten und
zusätzlich separat nach Entwicklung und Beschaffung in Jahresscheiben
aufschlüsseln)?
12. Inwiefern weicht diese Kostenprognose vom ermittelten Finanzbedarf ab,
der zu Beginn des Projektes veranschlagt wurde bzw. der dem zweiten
aktuellen Angebot (Stand: 21. Juni 2019) zugrunde liegt, und womit begründen
sich die abweichenden Kosten?
13. Wie bewertet die Bundesregierung die Kostensteigerung in den einzelnen
Schritten und insgesamt?
14. Wie steht die Bundesregierung zur damaligen Aussage, dass die von der
Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung (HSFK) angesetzten
Systemkosten von 10 bis 12 Mrd. Euro für einen „1 zu 1“-Ersatz für PATRIOT
anzusehen seien (Bundestagsdrucksache 16/13752), im Verhältnis zu der
aktuellen Kostenprognose für TLVS, die das bisherige
Flugabwehrraketensystem PATRIOT ablösen soll?
15. Welche Systemzahlen liegen der aktuellen Kostenprognose für TLVS
zugrunde, und kann damit die maximale operative Schutzleistung des
abzulösenden Flugabwehrraketensystems PATRIOT bedrohungsgerecht
kompensiert werden?
16. Wann und mit welchen Begründungen erfolgte eine Kostensteigerung bei
TLVS?
17. Wie bewertet die Bundesregierung die „innovativen Elemente der Agenda
Rüstung – wie Transparenz und dauerhaftes Risikomanagement“ bei der
Planung und Umsetzung von TLVS (www.bmvg.de/de/aktuelles/
startschussfuer-ruestungsprojekte-meads-und-mehrzweckkampfschiff-11588)?
18. Welche Zeitplanungen verfolgt die Bundesregierung für die Entwicklungs-
und Nutzungsphase von TLVS?
19. Mit welchen zeitlichen Verzögerungen im Programm rechnet die
Bundesregierung?
20. Welche Entwicklungsrisiken hat die Bundesregierung bei der Realisierung
von TLVS identifiziert?
21. Wie bewertet die Bundesregierung die Qualität und Quantität des bisherigen
Entwicklungsstandes von TLVS?
22. Welche Meilensteine hat die Bundesregierung für die Entwicklung von
TLVS gegenüber den Anbietern festgelegt?
23. Wie bewertet die Bundesregierung diese Entwicklungsrisiken in Anbetracht
möglicherweise entstehender Fähigkeitslücken in der bodengebundenen
Luftverteidigung?
24. Wie bewertet die Bundesregierung den Zeitdruck zur Einführung eines
modernen bzw. modernisierten Luftverteidigungssystem für die Landes- und
Bündnisverteidigung, für den Schutz unserer Soldaten beim internationalen
Krisenmanagement (IKM) und für die speziell der NATO gemeldeten
Fähigkeiten?
25. Welche „Abbruchkriterien“ und „Zwischenziele“ sind für TLVS vereinbart
worden?
26. Unter welchen Bedingungen der technischen Machbarkeit von TLVS wäre
ein Ausstieg im Sinne eines Kosten-Nutzen-Verhältnisse angebracht?
27. Welche vertraglichen und finanziellen Konsequenzen hätte ein Ausstieg aus
TLVS?
28. Unter welchen Bedingungen würde die Bundesregierung in Anbetracht
dieser Konsequenzen zukünftig aus TLVS aussteigen?
29. Welche Kosten fallen für die Bundesregierung insgesamt für TLVS an, wenn
der Ausstieg nun nach dem zweiten Angebot vom 21. Juni 2019 erfolgen
sollte?
30. Welche Prognose liegt der Bundesregierung zu den Lebenszykluskosten vor,
auf welchen Parametern gründet sich diese Prognose, und wie sind deren
Risiken einzuschätzen?
31. Welche Effektoren sollen für TLVS, neben den in der Beschaffung
befindlichen MSE-Flugkörpern, eingesetzt werden, welche Kosten entstehen durch
evtl. weitere Beschaffungsmaßnahmen für Effektoren, und welche kämen
dafür in Frage?
32. Was ist mit den für PATRIOT beschafften Flugkörpern geplant, die ggf. bei
TLVS nicht mehr genutzt werden können?
33. Wie stellt die Bundesregierung sicher, dass die bedrohungsrelevanten Daten
der operationellen Software von TLVS, die für einen wirkungsvollen Einsatz
des Luftverteidigungssystems kontinuierlich überprüft und angepasst werden
müssen, verifiziert sind und etwaige Softwareanpassungen stets
bereitstehen?
34. Welche Alternativen zu TLVS prüft die Bundesregierung derzeit oder
welche sind in der Vergangenheit geprüft worden?
35. Wenn keine Alternativen geprüft werden oder wurden, inwiefern stellt die
Bundesregierung sicher, dass die technische, wirtschaftliche und
operationelle Bewertung von TLVS ausreichend ist (Stichwort „Vergleichbarkeit“)?
36. Wie bewertet die Bundesregierung die militärischen Anforderungen (zum
Beispiel die Forderung nach hoher Mobilität, Fahrzeugschutz, 360°-
Abdeckung, netzwerkbasierter Einsatz, einsatzoptimierte Zusammenstellung
durch Nutzung von intelligenten Schnittstellen) für das neue PATRIOT
(Next-Generation-System) im Vergleich zu TLVS?
37. Wie bewertet die Bundesregierung die Sicherung von Hochtechnologie-
Arbeitsplätzen in Deutschland bei einer evolutionären Kampfwertsteigerung
von PATRIOT (Next Generation) im Gegensatz zu TLVS?
38. Welche Priorität hat die Interoperabilität der im Einsatz bzw. in der
Beschaffung befindlichen bodengebundenen Luftverteidigungsysteme von Partnern
in der NATO und in der EU mit TLVS, und wird diese in allen Bereichen
hinlänglich gewährleistet?
39. Wie bewertet die Bundesregierung die Möglichkeiten einer umfassenden
Kooperation im Rahmen des Rahmennationenkonzeptes, wenn alle
europäischen Staaten, die sich in letzter Zeit zur Beschaffung eines
bodengebundenen Luftverteidigungssystems entschlossen haben, andere Waffensysteme
angeschafft haben?
40. Welche maßgeblichen Gründe haben dazu geführt, dass TLVS gegenüber
allen anderen Alternativen der Vorzug gegeben wurde?
41. Wie begründet die Bundesregierung die sogenannte Insellösung
Deutschlands bei der Anschaffung des TLVS im Gegenzug zur Entscheidung
zahlreicher europäischer Bündnispartnern, die eigenen PATRIOT-Systeme zu
modernisieren (www.welt.de/wirtschaft/article174951381/Patriot-Nachfolger-
Kampf-um-Mega-Auftrag-fuer-deutsche-Raketenabwehr.html)?
42. Wie bewertet die Bundesregierung die Umsetzung der nationalen
Systemhoheit, da auch beim europäisch dominierten TLVS Freigaben der USA
benötigt werden (https://augengeradeaus.net/2019/06/firmen-geben-angebot-fuer-
taktisches-luftverteidigungssystem-ab/), und inwiefern unterscheidet sich
diese Einschränkung der Systemhoheit zu PATRIOT Next Generation, bei
dem möglicherweise deutsche Firmen als Partner dabei sein werden?
Berlin, den 17. Juli 2019
Christian Lindner und Fraktion
Satz: Satzweiss.com Print, Web, Software GmbH, Mainzer Straße 116, 66121 Saarbrücken, www.satzweiss.com
Druck: Printsystem GmbH, Schafwäsche 1-3, 71296 Heimsheim, www.printsystem.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.betrifft-gesetze.de
ISSN 0722-8333]
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