Arbeits- und Fachkräftemangel im Hotel- und Gastgewerbe
der Abgeordneten Stefan Schmidt, Beate Müller-Gemmeke, Markus Tressel, Filiz Polat, Claudia Müller, Sven-Christian Kindler, Markus Kurth, Corinna Rüffer, Matthias Gastel, Christian Kühn (Tübingen) und der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Vorbemerkung
Der Tourismusstandort Deutschland lebt von einem vielfältigen und starken Hotel- und Gastgewerbe. Trotz der großen Bedeutung der Branche klagt das Gewerbe über einen zunehmenden Mangel an Arbeits- und Fachkräften (vgl. www.ahgz.de/news/nachgefragt-es-gibt-keinen-grund-zur-entwarnung,200012256767.html).
Die Gründe für den Mangel an Arbeits- und Fachkräften sind vielfältig. Neben dem demographischen Wandel und der Tendenz zur Akademisierung werden viele Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer von den Arbeitsbedingungen in der Branche abgeschreckt. Wie aus der Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN hervorgeht, werden in der Branche die niedrigsten Löhne gezahlt, die Tarifbindung nimmt ab und die Minijobs werden immer mehr, während die Vollzeitstellen immer weniger werden (vgl. Bundestagsdrucksache 19/8260). Auch der Schichtdienst mit regelmäßigen Nacht-, Wochenend- und Feiertagschichten ist für viele Menschen wenig attraktiv. Die Folge des Personalmangels sind unfreiwillig Ruhetage, verkürzte Öffnungszeiten und eingeschränkte Angebote (vgl. www.wiwo.de/lifestyle/personalnot-wenn-kellner-und-koeche-in-der-gastronomie-fehlen/23756640.html).
Unter dem Arbeits- und Fachkräftemangel leiden Branche, Tourismus und Volkswirtschaft gleichermaßen. Zwar hat die Bundesregierung das generelle Problem des Fachkräftemangels in Deutschland erkannt und ein Fachkräfteeinwanderungsgesetz (FEG) vorgelegt, das zum 1. März 2020 in Kraft treten wird (Bundestagsdrucksache 19/8285), das adressiert aber nur qualifizierte Fachkräfte. Inwiefern das Gesetz den Arbeits- und Fachkräftemangel im Hotel- und Gastgewerbe lindern kann, ist nach Ansicht der Fragesteller unklar. Bereits in der Sachverständigenanhörung zu dem FEG wurde darauf hingewiesen, dass „(P)lausibilitätsüberlegungen, die sich auf die Erfahrungen der Wirksamkeit der bisherigen Regelungen in der Vergangenheit stützen“ nicht dafür sprechen, „dass durch das Gesetz eine erhebliche Steigerung der Arbeitsmigration aus Drittstaaten erreicht werden kann“ (Stellungnahme des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung – IAB – zur Anhörung im Ausschuss für Inneres und Heimat des Deutschen Bundestages am 3. Juni 2019).
Im Eckpunkte-Papier der Bundesregierung für eine nationale Tourismusstrategie sieht die Bundesregierung vornehmlich die Privatwirtschaft in der Pflicht, Maßnahmen zur Fachkräftesicherung zu ergreifen (vgl. www.bmwi.de/Redaktion/DE/Downloads/E/eckpunkte-tourismusstrategie.pdf?__blob=publicationFile&v=6, S. 8 f).
Für die Fragestellerinnen und Fragesteller allerdings steht außer Frage, dass auch geeignete politische Maßnahmen gefunden werden müssen, um die Arbeitsbedingungen im Hotel- und Gastgewerbe zu verbessern und damit das Problem des Arbeits- und Fachkräftemangels in der Branche zu lösen. Hierzu ist es nach Ansicht der Fragesteller notwendig, die Arbeitsmarktsituation sowie den Bedarf an Fachkräften auf der einen und ungelernten bzw. anders qualifizierten Arbeitskräften auf der anderen Seite festzustellen.
Wir fragen die Bundesregierung:
Fragen39
Wie definiert die Bundesregierung eine Fachkraft im Hotel- und Gastgewerbe?
a) Welche spezifischen Arbeitsstellen und Berufe gibt es nach Kenntnis der Bundesregierung im Hotel- und Gastgewerbe?
b) Welche der in Frage 2a erfragten Arbeitsstellen und Berufe müssen nach Kenntnis der Bundesregierung von Fachkräften, und welche der in Frage 2a erfragten Arbeitsstellen und Berufe können nach Kenntnis der Bundesregierung von ungelernten oder anders qualifizierten Arbeitskräften verrichtet werden (bitte aufschlüsseln)?
c) Wie hat sich nach Kenntnis der Bundesregierung die Anzahl der gesamten Arbeitsstellen im Hotel- und Gastgewerbe in den letzten fünf Jahren entwickelt (bitte nach Arbeitsstellen und Jahren aufschlüsseln)?
a) Welche Schul- und Berufsabschlüsse besaßen nach Kenntnis der Bundesregierung die ungelernten oder anders qualifizierten Arbeitskräfte im Hotel- und Gastgewerbe in den letzten fünf Jahren am häufigsten (bitte die drei häufigsten Schul- und Berufsabschlüsse pro Jahr angeben)?
b) Wie viele ungelernte oder anders qualifizierte Arbeitskräfte im Hotel- und Gastgewerbe haben sich nach Kenntnis der Bundesregierung in den letzten fünf Jahren durch Qualifizierungsmaßnahmen zu Fachkräften im Hotel- und Gastgewerbe weiterqualifiziert (bitte zusätzlich nach Berufen, Geschlecht und Jahren aufschlüsseln)?
a) Wie hat sich nach Kenntnis der Bundesregierung die Anzahl der im Hotel- und Gastgewerbe angestellten Fachkräfte in den letzten fünf Jahren entwickelt (bitte nach Arbeitsstellen, Geschlecht und Jahren aufschlüsseln)?
b) Wie hat sich nach Kenntnis der Bundesregierung die Anzahl der im Hotel- und Gastgewerbe angestellten ungelernten oder anders qualifizierten Arbeitskräfte in den letzten fünf Jahren entwickelt (bitte nach Arbeitsstellen, Geschlecht und Jahren aufschlüsseln)?
a) Wie lange waren nach Kenntnis der Bundesregierung Fachkräfte im Hotel- und Gastgewerbe in den letzten fünf Jahren durchschnittlich in einer Arbeitsstelle beschäftigt, bevor sie die Arbeitsstelle wechselten bzw. ausschieden (bitte nach Arbeitsstellen, Geschlecht und Jahren aufschlüsseln)?
b) Welche Ursachen und Gründe wurden nach Kenntnis der Bundesregierung am häufigsten für den Wechsel bzw. das Ausscheiden der Fachkraft aus der Arbeitsstelle vorgebracht (bitte nach den häufigsten drei Ursachen bzw. Gründen, nach Arbeitsstellen, nach Geschlecht und nach Jahren aufschlüsseln)?
a) Wie lange waren nach Kenntnis der Bundesregierung ungelernte oder anders qualifizierte Arbeitskräfte im Hotel- und Gastgewerbe in den letzten fünf Jahren durchschnittlich in einer Arbeitsstelle beschäftigt, bevor sie die Arbeitsstelle wechselten bzw. ausschieden (bitte nach Arbeitsstellen, Geschlecht und Jahren aufschlüsseln)?
b) Welche Ursachen und Gründe wurden nach Kenntnis der Bundesregierung am häufigsten für den Wechsel bzw. das Ausscheiden der ungelernte oder anders qualifizierten Arbeitskraft aus der Arbeitsstelle vorgebracht (bitte nach den häufigsten drei Ursachen bzw. Gründen, nach Arbeitsstellen, nach Geschlecht und nach Jahren aufschlüsseln)?
a) Wie hat sich nach Kenntnis der Bundesregierung die Fluktuationsquote in den Arbeitsstellen im Hotel- und Gastgewerbe in den letzten fünf Jahren entwickelt (bitte nach Arbeitsstellen und Jahren aufschlüsseln)?
b) Wie hat sich nach Kenntnis der Bundesregierung die Fluktuationsquote im Hotel- und Gastgewerbe in den letzten fünf Jahren insgesamt im Vergleich zum gesamten Dienstleistungssektor entwickelt (bitte nach Jahren aufschlüsseln)?
c) In welchen fünf Landkreisen (z. B. auch Inseln) war nach Kenntnis der Bundesregierung die Fluktuationsquote im Hotel- und Gastgewerbe in den letzten fünf Jahren am höchsten?
a) Wie hat sich nach Kenntnis der Bundesregierung die Anzahl der Vakanzen im Hotel- und Gastgewerbe in den letzten fünf Jahren entwickelt (bitte nach Arbeitsstellen und Jahren aufschlüsseln)?
b) Wie viele Vakanzen im Hotel- und Gastgewerbe waren nach Kenntnis der Bundesregierung in den letzten fünf Jahren ausschließlich für Fachkräfte ausgeschrieben (bitte nach Arbeitsstellen und Jahren aufschlüsseln)?
c) Wie viele Vakanzen im Hotel- und Gastgewerbe waren nach Kenntnis der Bundesregierung in den letzten fünf Jahren für ungelernte oder anders qualifizierte Arbeitskräfte ausgeschrieben (bitte nach Arbeitsstellen und Jahren aufschlüsseln)?
d) Was sind nach Einschätzung der Bundesregierung die wichtigsten Gründe für lange Vakanzen im Hotel- und Gastgewerbe?
d) Welche fünf Landkreise (z. B. auch Inseln) weisen nach Kenntnis der Bundesregierung die höchsten Zahlen von Vakanzen im Hotel- und Gastgewerbe in den letzten fünf Jahren auf?
e) Welche regionalen Besonderheiten (z. B. auf Inseln) sieht die Bundesregierung in Bezug auf überdurchschnittlich hohe Zahlen von Vakanzen im Hotel- und Gastgewerbe?
Wie viele Fachkräfte aus dem Hotel- und Gastgewerbe waren nach Kenntnis der Bundesregierung innerhalb der letzten fünf Jahre arbeitslos gemeldet (bitte nach Berufen, Geschlecht und Jahren aufschlüsseln)?
a) Wie hat sich nach Kenntnis der Bundesregierung die Anzahl der Fachkräfte aus dem Hotel- und Gastgewerbe entwickelt, die in den letzten fünf Jahren nicht im Hotel- und Gastgewerbe, sondern in fachfremden Branchen angestellt waren (bitte nach Branche, Geschlecht und Jahren aufschlüsseln)?
b) Aus welchen Gründen waren nach Kenntnis der Bundesregierung die Fachkräfte aus dem Hotel- und Gastgewerbe nach Kenntnis der Bundesregierung in fachfremden Branchen angestellt (bitte nach den häufigsten drei Ursachen bzw. Gründen, nach Branche und Jahren aufschlüsseln)?
Wie viele Personen sind nach Kenntnis der Bundesregierung in den letzten fünf Jahren mit einem Visum zum Zweck der Erwerbstätigkeit im Hotel- und Gastgewerbe eingereist (bitte nach Art des Visums und laut Visumsvermerk angestrebtem Aufenthaltstitel aufschlüsseln)?
Wie viele Fachkräfte aus dem Hotel- und Gastgewerbe mit ausländischer Berufsqualifikation haben nach Kenntnis der Bundesregierung Anträge zur Feststellung der Gleichwertigkeit ihrer beruflichen Qualifikation gestellt?
a) Wie hat sich die Bearbeitungsdauer nach Kenntnis der Bundesregierung für Anträge zur Feststellung der Gleichwertigkeit ihrer beruflichen Qualifikation in den letzten fünf Jahren entwickelt?
b) Bei wie vielen dieser Anträge wurde nach Kenntnis der Bundesregierung die Gleichwertigkeit, und bei wie vielen wurde ein Qualifizierungsbedarf festgestellt?
c) Welche staatliche, finanzielle Unterstützung erhalten nach Kenntnis der Bundesregierung die Fachkräfte aus dem Hotel- und Gastgewerbe mit ausländischer Berufsqualifikation bei der Anpassungsqualifizierung?
d) Welche Herausforderungen stellen sich nach Kenntnis der Bundesregierung im Rahmen von Anerkennungsverfahren von Fachkräften aus dem Hotel- und Gastgewerbe mit ausländischer Berufsqualifikation?
a) Wie viele Arbeitskräfte im Hotel- und Gastgewerbe wurden nach Kenntnis der Bundesregierung in den letzten fünf Jahren aus dem Ausland z. B. durch Vermittlungsabkommen angeworben (bitte zusätzlich nach Berufen, Geschlecht und Jahren aufschlüsseln)?
b) Wie viele Fachkräfte im Hotel- und Gastgewerbe wurden nach Kenntnis der Bundesregierung in den letzten fünf Jahren aus dem Ausland z. B. durch Vermittlungsabkommen angeworben (bitte zusätzlich nach Berufen, Geschlecht und Jahren aufschlüsseln)?
Welche Bedeutung hat nach Auffassung der Bundesregierung die Arbeitsmigration für die wirtschaftliche Entwicklung im Hotel- und Gastgewerbe?
Wie definiert die Bundesregierung einen Fachkräftemangel?
a) Liegt nach Einschätzung der Bundesregierung im Hotel- und Gastgewerbe ein Fachkräftemangel, ein Mangel an anderen Arbeitskräften oder sowohl ein Fachkräftemangel als auch ein Mangel an anderen Arbeitskräften vor (bitte begründen)?
b) Mit welchen konkreten Maßnahmen plant die Bundesregierung, den entsprechenden Mangel zu beseitigen?
a) Inwiefern wurde der Fachkräftemangel im Hotel- und Gastgewerbe beim Fachkräftegipfel im Bundeskanzleramt am 16. Dezember 2019 thematisiert?
b) Welche Effekte wird das Ergebnis des Fachkräftegipfels, also die Absichtserklärung zwischen Politik und Wirtschaft (Wirtschaft unterstützt Fachkräfte bei Spracherwerb, Wohnungssuche und Behördengängen, Bundesregierung beschleunigt Visa-Vergabe und erleichtert Anerkennung ausländischer Qualifikationen) nach Einschätzung der Bundesregierung auf die Fachkräftesicherung im Hotel- und Gastgewerbe haben (vgl. www.tagesschau.de/wirtschaft/fachkraefte-127.html)?
Welche konkreten Effekte des Fachkräfteeinwanderungsgesetzes, das zum 1. März 2020 in Kraft tritt, erwartet die Bundesregierung auf die Vakanzen im Hotel- und Gastgewerbe?