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Kleine AnfrageWahlperiode 19Beantwortet

Gesundheitsgefahr durch überlange Arbeitszeiten

(insgesamt 15 Einzelfragen)

Fraktion

FDP

Ressort

Bundesministerium für Arbeit und Soziales

Datum

09.08.2021

Antwortdauer

31 Tage

Aktualisiert

26.07.2022

Deutscher BundestagDrucksache 19/3144709.07.2021

Gesundheitsgefahr durch überlange Arbeitszeiten

der Abgeordneten Dr. Andrew Ullmann, Michael Theurer, Jens Beeck, Dr. Jens Brandenburg (Rhein-Neckar), Dr. Marco Buschmann, Dr. Marcus Faber, Otto Fricke, Reginald Hanke, Peter Heidt, Markus Herbrand, Ulla Ihnen, Gyde Jensen, Daniela Kluckert, Michael Georg Link, Frank Schäffler, Frank Sitta, Manfred Todtenhausen, Gerald Ullrich und der Fraktion der FDP

Vorbemerkung

Die Arbeitszeiten sind ein bemerkenswertes Kriterium der Arbeitsqualität und Lebensqualität innerhalb der Arbeitswelt. Oft werden Produktivität und Arbeitsstunden gleichgesetzt, wobei die Entwicklung der vergangenen Jahrzehnte zu einer deutlichen Verdichtung der Produktivität geführt hat und damit eine Verkürzung der Arbeitszeiten in der Industriesaat einherging. Dennoch gibt es soziale Milieus, in denen Überstunden den Sozialstatus positiv konnotieren (Charlie Giattino, Esteban Ortiz-Ospina and Max Roser (2013) – „Working Hours“. Published online at OurWorldInData.org. Retrieved from: https://ourworldindata.org/working-hours).

Seltener wird darüber gesprochen, welche gesundheitlichen Folgen zu viele Arbeitsstunden haben können. Studien zeigen, dass sie zu verschiedenen gesundheitlichen Problemen führen können wie Erschöpfung, Verletzungen am Arbeitsplatz und ein erhöhtes Risiko von chronischen Erkrankungen. Eine gemeinsamen Studie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und der internationalen Arbeitsorganisation (ILO) kommt zum Ergebnis, dass zu lange Arbeitszeiten im Jahr 2016 zu 745 000 Todesfälle weltweit geführt haben. Das ist ein Anstieg von 29 Prozent im Vergleich zum Jahr 2000. Den Schätzungen zufolge sind im Jahr 2016 aufgrund von zu langer Arbeitszeit 398 000 Menschen an einem Schlaganfall und 347 000 Menschen an einer koronaren Herzerkrankung gestorben. Zwischen den Jahren 2000 und 2016 hat sich die Zahl von Todesfällen durch Herzerkrankungen im Zusammenhang mit langen Arbeitszeiten um rund 40 Prozent erhöht. Die Zahl der durch zu lange Arbeitszeiten ausgelösten Schlaganfälle stieg um 19 Prozent. Die WHO deklarierte, dass Überarbeitung „der führende Risikofaktor für Berufskrankheiten“ ist. Die meisten der registrierten Todesfälle betrafen Menschen im Alter von 60 bis 79 Jahren, die im Alter von 45 bis 74 Jahren 55 Stunden oder mehr pro Woche gearbeitet hatten. Zu lange Arbeitszeiten sind für etwa ein Drittel der gesamten arbeitsbedingten Krankheitslast verantwortlich. Insgesamt gingen im Jahr 2016 23 Millionen gesunde Lebensjahre verloren. Der UN-Studie zufolge gefährden dauerhaft mehr als 55 Arbeitsstunden pro Woche die Gesundheit. Im Vergleicht zu einer 35 bis 40 Stundenwoche erhöht sich damit das Risiko eines Schlaganfalles um 35 Prozent und einer koronaren Herzerkrankung um 17 Prozent. Die Autoren warnen davor, dass die Zahl der Menschen mit langen Arbeitszeiten zunimmt. Sie beträgt derzeit 9 Prozent der Weltbevölkerung. (https://www.who.int/news-room/q-a-detail/global-regional-and-national-burdens-of-ischemic-heart-disease-and-stroke-attributable-to-exposure-to-long-working-hours-for-194-countries-2000-2016).

Den Angaben des Institutes für Arbeitsmarkt und Berufsforschung zufolge fielen im Jahr 2020 insgesamt 1,68 Milliarden Überstunden in Deutschland an. Laut DGB-Index, bei welchem Beschäftigte deutschlandweit zu ihrer Arbeit befragt werden, weist jeder zehnte Beschäftigte in Deutschland überlange Arbeitszeiten von mehr als 48 Stunden pro Woche auf (https://index-gute-arbeit.dgb.de/++co++b8f3f396-0c7f-11eb-91bf-001a4a160127). Das geht mit gesundheitlichen Einschränkungen einher. Arbeitsbedingter Stress ist einer der größten Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen sowie psychische Gesundheitsprobleme (https://www.verdi-gefaehrdungsbeurteilung.de/upload/leitfaden_zur_kampagne.pdf). Dem DGB-Index zufolge fühlten sich im vergangenen Jahr etwa die Hälfte der Befragten auf der Arbeit häufig gehetzt. Gleichzeitig zeigen Umfragen, dass durch die veränderte Arbeitsweise im Homeoffice während der COVID-19-Pandemie die Arbeitszufriedenheit und Produktivität gestiegen ist (https://www.zeit.de/arbeit/2021-02/homeoffice-pandemie-lockdown-produktivitaet-arbeitgeber-studie/komplettansicht). Die Sonderanalyse zum DAK-Gesundheitsreport zeigt, dass regelmäßiges Homeoffice während der Pandemie mit einer hohen Arbeitszufriedenheit und guten Work-Life-Balance einhergeht. 68 Prozent der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer schätzen vor allem den Zeitgewinn, weil der Weg zur Arbeit wegfällt. Für 65 Prozent lässt sich die Arbeitszeit im Homeoffice besser über den Tag verteilen, und für 54 Prozent ist sie zu Hause angenehmer als im Betrieb. Außerdem ist die Mehrheit im Homeoffice produktiver als am normalen Arbeitsplatz (https://www.dak.de/dak/bundesthemen/sonderanalyse-2295276.html#/). Ein neuer Bericht von McKinsey & Company zeigt, dass nach der Pandemie die meisten Mitarbeiter an drei Tagen in der Woche von zu Hause aus arbeiten wollen (https://www.weforum.org/agenda/2021/05/employers-pandemic-covid-19-mental-health/).

Die Arbeitszeit ist ein wesentlicher Aspekt für eine ausgewogene Work-Life-Balance laut den Autoren des OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) Better Life Index (http://www.oecdbetterlifeindex.org/#/11111111111). Im internationalen Vergleich haben Beschäftigte in den Niederlanden die beste Work-Life-Balance. Dort arbeiten nur 0,4 Prozent überlang, das bedeutet mehr als 50 Stunden pro Woche. Das ist eine der niedrigsten Raten in den OECD-Ländern, wo der Durchschnitt bei 11 Prozent liegt. In Deutschland liegt der Wert bei 4 Prozent. Die Autorinnen und Autoren verweisen darauf, dass lange Arbeitszeiten die Gesundheit beeinträchtigen, die Sicherheit gefährden und den Stress erhöhen können (https://www.weforum.org/agenda/2019/10/countries-work-play-life-balance-stress-netherlands/).

Wir fragen die Bundesregierung:

Fragen15

1

Wie beurteilt die Bundesregierung die physischen und psychischen Folgen von überlangen Arbeitszeiten, und welche Konsequenzen zieht sie daraus?

2

Teilt die Bundesregierung die Auffassung der WHO, dass Überarbeitung „der führende Risikofaktor für Berufskrankheiten“ ist?

3

Wie viele Todesfälle im Zusammenhang mit überlangen Arbeitszeiten gibt es nach Kenntnis der Bundesregierung pro Jahr in Deutschland (bitte nach Geschlecht und Alter aufschlüsseln)?

a) Wie viele davon sind nach Kenntnis der Bundesregierung auf Schlaganfälle zurückzuführen (bitte nach Geschlecht und Alter aufschlüsseln)?

b) Wie viele davon sind nach Kenntnis der Bundesregierung auf koronare Herzerkrankungen zurückzuführen (bitte nach Geschlecht und Alter aufschlüsseln)?

4

Wie hat sich die Anzahl der Todesfälle im Zusammenhang mit überlangen Arbeitszeiten nach Kenntnis der Bundesregierung in den vergangenen fünf Jahren in Deutschland entwickelt (bitte nach Geschlecht und Alter aufschlüsseln)?

5

Welche arbeitsbedingten Gesundheitsprobleme treten nach Kenntnis der Bundesregierung am häufigsten in Deutschland auf?

6

Wie hoch ist nach Kenntnis der Bundesregierung der jährliche Anteil an Arbeitsunfähigkeitstagen aufgrund von Überarbeitung in Deutschland?

7

Wie hoch ist nach Kenntnis der Bundesregierung der jährliche Anteil an Arbeitsunfähigkeitstagen aufgrund von arbeitsbedingtem Stress in Deutschland?

8

Wie hat sich die jährliche Anzahl der Überstunden in den vergangenen fünf Jahren in Deutschland entwickelt (bitte nach Berufsgruppe, Geschlecht und Alter aufschlüsseln)?

9

Wie hoch ist nach Kenntnis der Bundesregierung der Anteil der Beschäftigten in Deutschland, die überlange Arbeitszeiten von mehr als 55 Stunden pro Woche aufweisen (bitte nach Berufsgruppe, Geschlecht und Alter aufschlüsseln)?

10

Wie hoch sind nach Kenntnis der Bundesregierung die durch Überarbeitung entstandenen gesamtgesellschaftlichen und gesundheitlichen Kosten pro Jahr?

11

Welche Maßnahmen ergreift die Bundesregierung, um über die Folgen überlanger Arbeitszeiten aufzuklären?

a) Wenn die Bundesregierung bisher keine Aufklärungsmaßnahmen ergriffen hat, plant sie, für mehr Aufklärung für das Thema zu sorgen? Wenn nicht, warum nicht?

b) Wird nach Auffassung der Bundesregierung ausreichend Aufklärung zu den gesundheitlichen Folgen überlanger Arbeitszeiten betrieben?

12

Wie viele Arbeitsstunden wurden über die vertraglich vereinbarten wöchentlichen Arbeitsstunden hinaus nach Kenntnis der Bundesregierung 2020 in den Bundesministerien absolviert (bitte nach Ressort, angestellt, verbeamtet und Geschlecht aufschlüsseln)?

a) Welche Konsequenzen zieht die Bundesregierung daraus?

b) Welche Maßnahmen hat die Bundesregierung ergriffen, um die gesundheitlichen Folgen durch überlange Arbeitszeiten von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in den Bundesministerien und nachgeordneten Behörden des Bundes einzudämmen?

c) Welche Maßnahmen hat die Bundesregierung ergriffen, um bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in den Bundesministerien und nachgeordneten Behörden des Bundes für die Möglichkeit einer ausgewogenen Work-Life-Balance zu sorgen?

13

Wie hoch ist die Anzahl der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den jeweiligen Bundesministerien, die sich seit dem Ausbruch der COVID-19-Pandemie dauerhaft im Homeoffice befinden?

Wird die Bundesregierung zukünftig die dauerhafte Arbeit im Homeoffice für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Bundesministerien zum Infektionsschutz auch nach der COVID-19-Pandemie zum Beispiel während der Grippesaison einführen?

14

Geht die Bundesregierung davon aus, dass überlange Arbeitszeiten der Bundesministerinnen und Bundesminister Auswirkungen auf deren Produktivität haben?

Wie hoch sind die Wochenstunden der Bundesministerinnen und Bundesminister im Einzelnen?

15

In welcher Höhe, und mit welchen finanziellen Mitteln fördert die Bundesregierung Forschung zu den gesundheitlichen Folgen von überlangen Arbeitszeiten?

Berlin, den 6. Juli 2021

Christian Lindner und Fraktion

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