Abwanderung hochqualifizierter Wissenschaftler aus Deutschland
der Abgeordneten Dr. Marc Jongen, Nicole Höchst, Dr. Götz Frömming, Dr. Michael Kaufmann, Martin Reichardt, Norbert Kleinwächter, Barbara Lenk, Gereon Bollmann und der Fraktion der AfD
Vorbemerkung
In der Ausgabe 3/2021 des Infoletters „Demografische Forschung. Aus Erster Hand“, einer gemeinsamen Publikation verschiedener deutscher und österreichischer Institute (S. 3, https://www.demografische-forschung.org/archiv/defo2103.pdf), wird mit Blick auf die Ab- und Zuwanderung von hochqualifizierten Forschern für Deutschland eine „negative Bilanz“ gezogen.
Der Beitrag fasst die wesentlichen Ergebnisse der 2021 publizierten Studie „International Migration in Academia and Citation Performance: An Analysis of German-Affiliated Researchers by Gender and Discipline Using Scopus Publications 1996–2020“ von Xinyi Zhao, Samin Aref, Emilio Zagheni und Guy Stecklov zusammen (https://arxiv.org/ftp/arxiv/papers/2104/2104.12380.pdf).
Eine Auswertung der Datenbank Scopus seitens der Autoren dieser Studie – die Datenbank gibt einen umfassenden Überblick über den weltweiten Forschungsausstoß in den Bereichen Naturwissenschaft, Technologie, Medizin, Sozialwissenschaften, Kunst und Geisteswissenschaften – hat ergeben, dass deutsche Top-Wissenschaftler immer öfter den Weg in das Ausland wählen, sodass Deutschland hier einen negativen Wanderungssaldo zu verzeichnen hat. Allein an die USA, an Großbritannien und die Schweiz habe Deutschland im Zeitraum von 1996 bis 2020 „rund 9.000 Forscherinnen und Forscher“ verloren (S. 3, https://www.demografische-forschung.org/archiv/defo2103.pdf). Unter dem Strich verliere die Bundesrepublik Deutschland im „Austausch mit wissenschaftlichen Kräften“ „mehr wissenschaftliche Köpfe als sie gewinnen kann“ (https://www.mpg.de/17639327/0930-defo-drehscheibe-der-wissenschaft-154642-x).
Dieses Ergebnis ist auch deshalb bemerkenswert, weil Deutschland, so die Autoren der o. g. Studie, einen „höheren Anteil seines BIP für Forschung und Entwicklung“ investiere als die meisten Länder mit entwickelten Volkswirtschaften. Deshalb bestehe die Erwartung, „dass Deutschland in der Lage sein sollte, internationale Wissenschaftler anzuziehen und zu halten, die eine hohe Zitationsleistung“ aufwiesen (https://www.demogr.mpg.de/en/publications_databases_6118/publications_1904/book_chapters/international_migration_in_academia_and_citation_performance_an_analysis_of_german_affiliated_researchers_6999/; Übersetzung durch die Fragesteller).
Dieser Befund korrespondiert mit einer Erhebung des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (BiB) und des Instituts für Soziologie der Universität Duisburg-Essen aus dem Dezember 2019, die zu dem Ergebnis kam, dass statistisch „pro Jahr ein Minus von rund 51.000 [gut ausgebildeten] Menschen [die ausgewandert sind]“ bleibe, „die nicht nach Deutschland zurückkehren“ (https://www.bib.bund.de/DE/Service/Presse/2019/2019-11-Policy-Brief-Gewinner-der-Globalisierung-Konsequenzen-von-Auslandsaufenthalten-und-internationaler-Mobilitaet.html).
Prof. Dr. Gabriel Felbermayr, damals Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW), kommentierte die Ergebnisse dieser Erhebung mit den Worten: „Deutschland ist ein Auswanderungsland. Im Durchschnitt gehen 180.000 gut ausgebildete Menschen, 130.000 kehren wieder heim. Die [o. g.] Studie beschwichtigt, aber hier liegt ganz klar Brain Drain vor, in zehn Jahren eine halbe Million Leistungsträger“. Das sei, so Prof. Dr. Gabriel Felbermayr, „für eine Volkswirtschaft wie die deutsche, die stark auf gut ausgebildete Menschen angewiesen ist, keine gute Nachricht“ (https://www.dw.com/de/einmal-auswandern-und-zur%C3%BCck-manchmal/a-51564332). Diese Erkenntnisse müssen nach Auffassung der Fragesteller vor dem Hintergrund eines zunehmenden, alarmierenden Fachkräftemangels in Deutschland, und zwar auch bei Hochqualifizierten, alarmieren (https://www.iwkoeln.de/studien/alexander-burstedde-paula-risius-dirk-werner-fachkraeftemangel-bei-hochqualifizierten-wieder-ueber-vor-corona-niveau-513248.html).
Aus Sicht der Fragesteller liegt damit ein hinreichender Anlass dafür vor, die Bundesregierung dahin gehend zu befragen, ob und ggf. mit welchen Maßnahmen sie diesem „Brain Drain“ (s. o.) mit Blick auf die Abwanderung von hochqualifizierten Wissenschaftlern, wie er u. a. in der Studie „International Migration in Academia and Citation Performance“ mit Blick auf Deutschland konstatiert wird, entgegenzusteuern beabsichtigt (https://arxiv.org/ftp/arxiv/papers/2104/2104.12380.pdf).
Wir fragen die Bundesregierung:
Fragen10
Sind der Bundesregierung die Ergebnisse der 2021 veröffentlichten Studie „International Migration in Academia and Citation Performance: An Analysis of German-Affiliated Researchers by Gender and Discipline Using Scopus Publications 1996–2020“ (2021; https://arxiv.org/ftp/arxiv/papers/2104/2104.12380.pdf) zum „Brain Drain“ (vgl. Vorbemerkung der Fragesteller) deutscher Top-Wissenschaftler bekannt?
Wenn ja, welche Schlussfolgerungen hat die Bundesregierung bisher ggf. aus dieser Studie gezogen?
Wie erklärt sich die Bundesregierung, dass trotz vergleichsweise hoher Ausgaben für Forschung und Entwicklung in Deutschland mehr hochqualifizierte Wissenschaftler in das Ausland abwandern als nach Deutschland zurückkehren (vgl. Vorbemerkung der Fragesteller)?
Kann die Bundesregierung angeben, welche Forschungsbereiche von dieser Entwicklung am meisten betroffen sind (bitte ggf. ausführen)?
Hält die Bundesregierung trotz der in Frage 1 angesprochenen Entwicklung an ihrer Auffassung fest, nach der „zeitweilige Aufenthalte“ von Wissenschaftlern im Ausland „Teil der wissenschaftsimmanenten ,Brain Circulation‘“ seien, die „zum Wesen der Wissenschaft“ gehörten (Bundestagsdrucksache 19/5763, S. 2)?
a) Wenn ja, kann die Bundesregierung vor dem Hintergrund der in Frage 1 angeführten Studie Erhebungen dafür anführen, dass diese „zeitweiligen Aufenthalte“ tatsächlich nur „zeitweilig“ sind?
b) Wenn nein, welche Entwicklungen haben dazu geführt, dass die Bundesregierung in dieser Frage ihre Meinung geändert hat?
Hat die Bundesregierung Erkenntnisse darüber, wo die Gründe dafür zu suchen sind, dass die USA, Großbritannien und die Schweiz die wichtigsten Zielländer der deutschen „wissenschaftlichen Migration“ sind (s. o. International Migration in Academia and Citation Performance, S. 9 f.)?
a) Wenn ja, welche Erkenntnisse sind das (bitte im Einzelnen erläutern)?
b) Wenn nein, warum hat die Bundesregierung hierzu keine Erkenntnisse?
Hat die Bundesregierung zu den Gründen der Abwanderung hochqualifizierter deutscher Wissenschaftler ins Ausland eine Studie in Auftrag gegeben, um deren Motive zu erfassen?
a) Wenn ja, welche Ergebnisse hat diese Studie erbracht?
b) Wenn nein, warum hat die Bundesregierung hierzu keine Studie in Auftrag gegeben?
Sieht die Bundesregierung, wenn ihr die in Frage 1 genannte Studie bekannt ist, gemäß der Deutschland im „Austausch mit wissenschaftlichen Kräften mehr wissenschaftliche Köpfe“ verliere, „als sie gewinnen“ könne, im Hinblick auf ihre Auskunft auf Bundestagsdrucksache 19/5763, nach der „internationale Wissenschaftlermobilität“ nicht „zu einer Reduktion der Forschungsqualität in Deutschland“ beitrage (Antwort zu Frage 1 auf Bundestagsdrucksache 19/5763), einen Widerspruch?
a) Wenn ja, hat sich die Bundesregierung hierzu eine Positionierung erarbeitet (bitte in der Antwort auch angeben, wie diese ggf. lautet)?
b) Wenn nein, warum sieht die Bundesregierung hier keinen Widerspruch?
Plant die Bundesregierung eine Initiative, um die Abwanderung hochqualifizierter deutscher Wissenschaftler zum Gegenstand der amtlichen Statistik zu machen?
a) Wenn ja, kann die Bundesregierung bereits angeben, wann hierzu zum ersten Mal Daten erhoben werden?
b) Wenn nein, warum plant die Bundesregierung keine derartige Initiative?
Hat die Bundesregierung, wenn ihr die in Frage 1 genannte Studie bekannt ist, zu dem dortigen Befund, nach dem diejenigen Forscher aus Deutschland hohe Zitationsraten ihrer Publikationen aufwiesen, die nach Dänemark, Schweden oder Österreich abgewandert seien, eine Positionierung erarbeitet, und wenn ja, wie lautet diese (International Migration in Academia and Citation Performance, S. 10)?
Hat die Bundesregierung, wenn ihr die in Frage 1 genannte Studie bekannt ist, aus dem Befund, nach dem aus Deutschland abgewanderte Forscher in den genannten Ländern Dänemark, Schweden oder Österreich ein besseres Forschungsumfeld vorfinden, Schlussfolgerungen für ihr eigenes Handeln gezogen (bitte in der Antwort auch angeben, ob die Bundesregierung hier ggf. gezielte Initiativen eingeleitet hat, und wenn ja, welche)?
Ist der Bundesregierung die Auffassung von Prof. Dr. Jan Pieter Krahnen, Vorstandsmitglied des Leibniz-Instituts für Finanzmarktforschung SAFE, bekannt, nach der wir uns im „Wissenschaftsbereich auf einem internationalen Markt“ befänden, was dazu führe, dass die „besten Talente dorthin“ gingen, „wo sie die besten Bedingungen“ vorfänden (https://www.tagesschau.de/wirtschaft/technologie/vwl-braindrain-abwanderung-wirtschaftswissenschaft-101.html)?
Wenn ja, wie beurteilt die Bundesregierung vor dem Hintergrund des Kampfes „um die besten Talente“ die „Bedingungen“ – z. B. im Hinblick auf Einkommen, Forschungsinfrastruktur, Karrieremöglichkeiten, Publikationsmöglichkeiten, Betreuungsmöglichkeiten für Kinder etc. – der deutschen Forschungs- und Wissenschaftslandschaft (bitte in der Antwort auch darlegen, ob und ggf. wo die Bundesregierung Verbesserungsbedarf sieht)?