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Kleine AnfrageWahlperiode 20Beantwortet

Mögliche Benachteiligung von Jungen im deutschen Bildungssystem

(insgesamt 10 Einzelfragen)

Fraktion

AfD

Ressort

Bundesministerium für Bildung und Forschung

Datum

16.06.2023

Aktualisiert

26.06.2023

Deutscher BundestagDrucksache 20/710502.06.2023

Mögliche Benachteiligung von Jungen im deutschen Bildungssystem

der Abgeordneten Dr. Götz Frömming, Nicole Höchst, Dr. Marc Jongen, Dr. Michael Kaufmann, Norbert Kleinwächter, Barbara Lenk, Matthias Moosdorf, Martin Reichardt und der Fraktion der AfD

Vorbemerkung

Nach der Studie der Bertelsmann Stiftung im Jahr 2023 namens „Jugendliche ohne Hauptschulabschluss, Demographische Verknappung und qualifikatorische Vergeudung“ (Klemm, Klaus, Jugendliche, ohne Hauptschulabschluss, Demographische Verknappung und qualifikatorische Vergeudung, Bertelsmann Stiftung, S. 26, abrufbar: https://www.bertelsmann-stiftung.de/de/publikationen/publikation/did/jugendliche-ohne-hauptschulabschluss-1, Stand: 24. April 2023) waren im Jahr 2020 ganze 38 Prozent aller Schüler, welche die Schule ohne Hauptschulabschluss verlassen haben, Mädchen. Das heißt im Umkehrschluss, dass 62 Prozent derer, die ohne Hauptschulabschluss die Schule verlassen haben, Jungen waren. Dabei werden diese in der Statistik nicht mal als solche bezeichnet. Allein dies wirft für die Fragesteller spezifische Fragen auf.

Schon im Jahr 2002 wurde in dem Artikel „Bringing boys back in“ eine wissenschaftliche Untersuchung von Diefenbach und Klein veröffentlicht, die die soziale Ungleichheit zwischen den Geschlechtern mit Bezug zum deutschen Bildungssystem evaluiert. Die Ergebnisse der Auswertung brachten hervor, dass Jungen, anders als vielfach in der breiten Öffentlichkeit dargestellt, im Bereich der Schulbildung schon lange hinter den Mädchen zurückblieben. Demnach erreichten sie im Untersuchungszeitraum 1994/1995 bis 1999/2000 über alle Bundesländer hinweg seltener das Abitur oder einen Realschulabschluss. Dagegen besuchten sie jedoch häufiger eine Hauptschule und verließen die Schule auch öfter ohne Abschluss. Die Publikation konnte zudem einen statistisch signifikanten Zusammenhang zwischen der Zahl an männlichen Grundschullehrern und der Anzahl an Jungen ohne Schulabschluss aufzeigen – so ginge ein höherer Anteil an männlichem Lehrpersonal in der Primarstufe mit einem geringeren Anteil an männlichen Schulabbrechern einher (vgl. Heike Diefenbach und Michael Klein (2002), „Bringing boys back in“. Soziale Ungleichheit zwischen den Geschlechtern im Bildungssystem zuungunsten von Jungen am Beispiel der Sekundarschulabschlüsse, Zeitschrift für Pädagogik 48 (2002) 6, 938 bis 958, abrufbar: https://www.pedocs.de/volltexte/2011/3868/pdf/ZfPaed_6_2002_Diefenbach_Klein_Bringing_Boys_Back_In_D_A.pdf, letzter Stand: 26. April 2023).

Die Geschlechterdisparität zum Nachteil von Jungen im Bildungsbereich hat sich bis heute fortgesetzt. Im Zeitraum zwischen 1999 und 2019 lag der Anteil von Jungen an Schülern ohne Schulabschluss beständig bei etwa 60 Prozent (vgl. Statistisches Bundesamt, Allgemeinbildende Schulen – Fachserie 11 Reihe 1 – Schuljahr 2019/2020, Tabelle 6.1, abrufbar: https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Bildung-Forschung-Kultur/Schulen/Publikationen/Downloads-Schulen/allgemeinbildende-schulen-2110100207005.html, letzter Stand: 26. April 2023). Auch die jüngsten empirischen Befunde belegen, dass es Jungen auf ihrem Bildungsweg oft schwerer haben als Mädchen. Diese Beobachtung geht u. a. aus den aktuellsten Erhebungen der Geschlechtervergleichsstudien IQB-Bildungstrend 2018 hervor (vgl. https://www.iqb.hu-berlin.de/bt/BT2018/Bericht, letzter Stand: 27. April 2023) und PISA 2018 (vgl. https://www.pisa.tum.de/pisa/pisa-2000-2018/pisa-2018/, letzter Stand: 26. April 2023). Die Ergebnisse zeigen, dass Jungen vermehrt später und Mädchen häufiger vorzeitig eingeschult werden. Auch der Anteil von männlichen Schülern mit Förderbedarf ist im Vergleich fast doppelt so hoch (vgl. Deutsches Schulportal vom 26. Mai 2020, Schneiden Jungen in der Schule schlechter ab?, https://deutsches-schulportal.de/bildungswesen/schneiden-jungen-in-der-schule-schlechter-ab/, letzter Stand: 27. April 2023, sowie Bundestagsdrucksache 19/31951).

Ähnliche Tendenzen lassen sich auch bei den Übergangsempfehlungen für weiterführende Schulen erkennen. Dabei fallen die Beurteilungen ebenso wie die Besuchsquoten verschiedener Schularten zugunsten der Schülerinnen aus: Jungen der 9. Klasse sind vor allem an Hauptschulen (13 zu 10 Prozent), Mädchen der 9. Klasse hingegen an Gymnasien überrepräsentiert (39 zu 32 Prozent; vgl. https://www.iqb.hu-berlin.de/bt/BT2018/Bericht, letzter Stand: 27. April 2023).

Viel weist nach Auffassung der Fragesteller darauf hin, dass die teilweise deutlichen Leistungsunterschiede zwischen Mädchen und Jungen keineswegs vererbt werden. Stattdessen scheint u. a. auch eine Bildungsbenachteiligung durch das deutsche Bildungssystem zu persistierenden Geschlechterdisparitäten auf Kosten der Jungen beizutragen.

Wir fragen die Bundesregierung:

Fragen10

1

Welche Gründe gibt es nach Kenntnis und aus Sicht der Bundesregierung dafür, dass Jungen in Deutschland später eingeschult werden, häufiger in die Sonderschule bzw. Förderschule überwiesen werden, schlechtere Noten erzielen, seltener eine Empfehlung für ein Gymnasium erhalten, an Hauptschulen überrepräsentiert sind, öfter die Schule abbrechen und keinen Schulabschluss erwerben sowie geringere und schlechtere Bildungsabschlüsse erzielen als Mädchen (vgl. Vorbemerkung der Fragesteller)?

2

Kennt und teilt ggf. die Bundesregierung die Auffassung vieler Experten (u. a. Allan Guggenbühl [2001], Böse Buben: Weshalb vor allem Knaben in der Schule Probleme machen, in: Neue Zürcher Zeitung, abrufbar: https://www.nzz.ch/folio/bose-buben-ld.1617858, letzter Stand: 14. Juli 2021; Frank Dammasch [2008], Die Krise der Jungen: Das schwache Geschlecht? Psychoanalytische Überlegungen, S. 18, abrufbar: https://www.pedocs.de/volltexte/2010/1699/pdf/Dammasch_Die_Krise_der_Jungen_2008_D_A.pdf, letzter Stand: 27. April 2023), dass die Schule die geschlechtsspezifischen Verhaltensweisen von Jungen sowie deren Lern- und Entwicklungsbedürfnisse nicht angemessen berücksichtigt und dass dies u. a. mit der zunehmenden „Feminisierung“ im Bildungswesen zusammenhängt?

3

Welche Gründe gibt es nach Kenntnis und aus Sicht der Bundesregierung für die vorliegende Korrelation der statistisch belegten Rückläufigkeit von männlichen Schulabbrechern bei einem höheren Anteil an männlichem Lehrpersonal, speziell in der Grundschule (siehe Vorbemerkung der Fragesteller)?

4

Gab es im Zeitraum von 2021 bis 2023 vom Bund geförderte Maßnahmen im Bildungsbereich exklusiv für Mädchen im schulfähigen Alter, wenn ja, welche, und welche finanziellen Mittel wurden im Zeitraum von 2021 bis 2023 vom Bund für diese Förderprojekte bereitgestellt (bitte nach Maßnahme, Fördervolumen in Euro, Zeitraum und Gesamtfördervolumen aller Maßnahmen in Euro aufschlüsseln)?

5

Gab es im Zeitraum von 2021 bis 2023 vom Bund geförderte Maßnahmen im Bildungsbereich exklusiv für Jungen im schulfähigen Alter, wenn ja, welche, und welche finanziellen Mittel wurden im Zeitraum von 2021 bis 2023 vom Bund für diese Förderprojekte bereitgestellt (bitte nach Maßnahme, Fördervolumen in Euro, Zeitraum und Gesamtfördervolumen aller Maßnahmen in Euro aufschlüsseln)?

6

Hat die Bundesregierung seit dem Bildungsbericht 2008 konkrete Maßnahmen ergriffen, um die im Bericht benannten, zunehmenden Misserfolge von Jungen in der Schule zu bekämpfen, und wenn ja, welche (vgl. Bildungsbericht 2008, „Geschlechtsspezifische Disparitäten: Mädchen und junge Frauen werden im Bildungssystem immer erfolgreicher, neue Problemlage bei den Jungen“, S. 11, abrufbar: https://www.bildungsbericht.de/de/bildungsberichte-seit-2006/bildungsbericht-2008/pdf-bildungsbericht-2008/bb-2008.pdf/view, letzter Stand: 27. April 2023; bitte die vom Bund geförderten Maßnahmen für Mädchen, junge Frauen bzw. Jungen und junge Männer von 2008 bis heute, aufgeschlüsselt nach Maßnahme, Fördersumme in Euro, Zeitraum und Gesamtvolumen aller Maßnahmen in Euro gegenüberstellen)?

7

Wurden seit 2002 von der Bundesregierung Studien und Forschungsprojekte im Bereich der Bildungs- und Geschlechterforschung zur Benachteiligung von Mädchen und jungen Frauen im deutschen Bildungswesen initiiert bzw. gefördert, wenn ja, welche, und wie hoch waren ggf. die jeweiligen Fördergelder (bitte nach Forschungsprojekt, Zeitraum, Fördersumme in Euro und Gesamtfördervolumen aller Projekte in Euro aufschlüsseln)?

8

Wurden seit 2002 von der Bundesregierung Studien und Forschungsprojekte im Bereich der Bildungs- und Geschlechterforschung zur Benachteiligung von Jungen und jungen Männern im deutschen Bildungswesen initiiert bzw. gefördert, wenn ja, welche, und wie hoch waren ggf. die jeweiligen Fördergelder (bitte nach Forschungsprojekt, Zeitraum, Fördersumme in Euro und Gesamtfördervolumen aller Projekte in Euro aufschlüsseln)?

9

Hat sich die Bundesregierung zu den anhaltenden und deutschlandweit auftretenden schulischen Leistungsdefiziten, die Jungen gegenüber Mädchen aufweisen (siehe Vorbemerkung der Fragesteller) eine eigene Auffassung gebildet, und wenn ja, wie lautet diese?

10

Welche Konsequenzen zieht die Bundesregierung aus der nach Auffassung der Fragesteller beunruhigenden Entwicklung, dass Jungen im deutschen Schulsystem seit mehr als 20 Jahren persistent schlechter abschneiden als Mädchen (siehe Vorbemerkung der Fragesteller) für ihr eigenes Handeln?

Berlin, den 26. Mai 2023

Dr. Alice Weidel, Tino Chrupalla und Fraktion

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