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Kleine AnfrageWahlperiode 20Beantwortet

Potenzielle Risiken für Kinder durch überdosierte Nahrungsergänzungsmittel

(insgesamt 17 Einzelfragen)

Fraktion

AfD

Ressort

Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft

Datum

27.03.2024

Aktualisiert

06.05.2024

Deutscher BundestagDrucksache 20/1050628.02.2024

Potenzielle Risiken für Kinder durch überdosierte Nahrungsergänzungsmittel

der Abgeordneten Peter Felser, Stephan Protschka, Frank Rinck, Bernd Schattner, Dietmar Friedhoff, Steffen Janich, Enrico Komning, Uwe Schulz und der Fraktion der AfD

Vorbemerkung

Laut einer Studie bekommen etwa 10 Prozent der 2- bis 18-Jährigen hierzulande täglich Nahrungsergänzungsmittel und/oder mit Vitaminen oder Mineralstoffen angereicherte Lebensmittel (vgl. www.verbraucherzentrale.nrw/pressemeldungen/presse-nrw/nahrungsergaenzungsmittel-fuer-kinder-oft-ueberdosiert-und-meist-unnoetig-86814). Jedoch sind Kinder in aller Regel ausreichend mit den meisten Vitaminen und Mineralstoffen versorgt (vgl. edoc.rki.de/bitstream/handle/176904/552/29R1BsXR8XBc.pdf?sequence=1&isAllowed=y, S. 85). Ausnahmen davon sind Vitamin D und Folat sowie bei Sechs- bis Elfjährigen Vitamin E, Vitamin A und Calcium und bei Mädchen in allen Altersgruppen Eisen (ebd.).

Mittels einer Steigerung des Verzehrs von Gemüse und weiteren pflanzlichen Lebensmitteln kann die Zufuhr von einigen der zuvor genannten kritischen Vitaminen deutlich verbessert werden (ebd.). Kinder und Jugendliche, die sich ausschließlich vegan ernähren, können ohne die Einnahme zusätzlicher Vitamin- und Nährstoffpräparate einen Mangel an wichtigen Nährstoffen erleiden (vgl. www.quarks.de/gesundheit/ernaehrung/darum-kann-vegane-ernaehrung-kindern-schaden/#:~:text=Klar%20ist%3A%20Eine%20vegane%20Ernährung,Proteinen%20erhalten%2C%20schreibt%20die%20DGKJ.).

Verbraucherschützer haben im letzten Jahr das Angebot der Nahrungsergänzungsmittel für Kinder zwischen vier und sieben Jahren geprüft und dabei festgestellt, dass die Mehrzahl der untersuchten Produkte deutlich überdosiert sind (www.verbraucherzentrale.nrw/pressemeldungen/presse-nrw/nahrungsergaenzungsmittel-fuer-kinder-oft-ueberdosiert-und-meist-unnoetig-86814). Eine Überdosierung von einigen Vitaminen und Nährstoffen kann jedoch schädlich für den Körper werden. So kann es beispielsweise bei Vitamin D, da es ein fettlösliches Vitamin ist und sich im Körper anreichert, zu einer schleichenden Überdosierung kommen, die in schweren Fällen zu Nierenschädigung, Herzrhythmusstörungen und Bewusstlosigkeit führen kann (vgl. www.ndr.de/ratgeber/verbraucher/Nahrungsergaenzung-Gefahr-durch-Ueberdosierung,nahrungsergaenzungsmittel104.html). Umso gefährlicher ist demnach auch die „Kinder-Optik“ solcher Produkte. Hierbei sehen Ernährungsfachleute die Verwechslungsgefahr mit Süßigkeiten besonders kritisch (vgl. www.verbraucherzentrale.nrw/pressemeldungen/presse-nrw/nahrungsergaenzungsmittel-fuer-kinder-oft-ueberdosiert-und-meist-unnoetig-86814).

Grundsätzlich gelten Nahrungsergänzungsmittel rechtlich als Lebensmittel und werden beispielsweise in Supermärkten und Drogerien zum freien Verkauf angeboten (vgl. www.verbraucherzentrale.de/wissen/projekt-klartext-nahrungsergaenzung/informationen/rechtliches/nahrungsergaenzungsmittel-und-ihre-vertriebswege-13246#:~:text=Nahrungsergänzungsmittel%20werden%20in%20Supermärkten%20und,Sachkundenachweis%20(IHK-Prüfung).

Anders als bei Arzneimitteln werden Nahrungsergänzungsmittel vor dem Inverkehrbringen somit nicht behördlich auf ihre Sicherheit und Qualität überprüft (vgl. www.verbraucherzentrale.nrw/sites/default/files/2021-03/21-02-16_positionspapier_vzbv_und_vzn_nem.pdf, S. 3). Der Hersteller von Nahrungsergänzungsmitteln ist hierfür selbst verantwortlich (vgl. www.bvl.bund.de/DE/Arbeitsbereiche/01_Lebensmittel/04_AntragstellerUnternehmen/03_NEM/lm_nahrungsErgMittel_node.html). Die Lebensmittelüberwachungsbehörden der Bundesländer überprüfen lediglich stichprobenartig, ob die Nahrungsergänzungsmittel auf dem deutschen Markt sicher sind und wirken (vgl. www.klartext-nahrungsergaenzung.de/wissen/projekt-klartext-nahrungsergaenzung/informationen/rechtliches/allgemeine-rechtliche-aspekte-zu-nahrungsergaenzungsmitteln-13248).

Laut einer Forsa-Umfrage der Verbraucherzentralen glauben jedoch fast die Hälfte der Befragten und die Mehrzahl der Käufer von Nahrungsergänzungsmitteln irrtümlich, dass die Produkte vor dem Inverkehrbringen staatlich geprüft würden (vgl. www.verbraucherzentrale.nrw/sites/default/files/2021-03/21-02-16_positionspapier_vzbv_und_vzn_nem.pdf).

Überdies gibt es bisher weder auf nationaler noch auf europäischer Ebene Höchstmengenbeschränkungen für die Inhaltstoffe von Nahrungsergänzungsmitteln (vgl. www.faz.net/aktuell/wirtschaft/schneller-schlau/nahrungsergaenzungsmittel-sind-nicht-so-harmlos-wie-sie-denken-19396564.html). Zwar existiert bereits seit dem Jahr 2002 eine EU-Richtlinie, die genau das regeln soll, doch bislang konnten sich die Mitgliedstaaten nicht auf einheitliche Höchstmengen einigen (vgl. www.ndr.de/ratgeber/verbraucher/Nahrungsergaenzung-Gefahr-durch-Ueberdosierung,nahrungsergaenzungsmittel104.html, eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/PDF/?uri=CELEX:32002L0046).

Schon seit Längerem fordert daher die Verbraucherzentrale, die Lebensmittelüberwachung für solche Produkte zu verstärken und vom Gesetzgeber Regelungslücken bei Kindernahrungsergänzungsmitteln zu schließen (vgl. www.verbraucherzentrale.nrw/pressemeldungen/presse-nrw/nahrungsergaenzungsmittelfuer-kinder-oft-ueberdosiert-und-meist-unnoetig-86814).

Im Rahmen des Koalitionsvertrages zwischen SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und FDP haben die Regierungsparteien vereinbart, insbesondere mit Blick auf Kinder eine gesunde Ernährung zu schaffen (vgl. Koalitionsvertrag zwischen SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und FDP, www.spd.de/fileadmin/Dokumente/Koalitionsvertrag/Koalitionsvertrag_2021-2025.pdf, S. 36, Ernährung).

Wir fragen die Bundesregierung:

Fragen17

1

Fördert die Bundesregierung derzeit Forschungsprojekte oder Studien zum Thema „Nahrungsergänzungsmittel für Kinder“, und wenn ja, welche, und wie hoch werden diese Projekte bzw. Studien finanziell von der Bundesregierung gefördert (bitte nach Projekt bzw. Studie aufschlüsseln), und aus welchen Haushaltstiteln stammen die Ausgaben?

2

Wie viele Nahrungsergänzungsmittel, die an Kinder gerichtet sind, sind nach Kenntnis der Bundesregierung auf dem deutschen Markt erhältlich, und um welche zu supplementierende Vitamine oder Mineralstoffe handelt es sich hierbei überwiegend?

3

Wie hat sich nach Kenntnis der Bundesregierung die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die täglich Nahrungsergänzungsmittel und oder mit Vitaminen oder Mineralstoffen angereicherte Lebensmittel bekommen, in den letzten zehn Jahren entwickelt?

4

Welche Gründe gibt es nach Kenntnis der Bundesregierung dafür, dass 10 Prozent der 2- bis 18-Jährigen hierzulande täglich Nahrungsergänzungsmittel und/oder mit Vitaminen oder Mineralstoffen angereicherte Lebensmittel bekommen, obwohl Kinder in aller Regel ausreichend mit den meisten Vitaminen und Mineralstoffen versorgt sind (vgl. www.verbraucherzentrale.nrw/pressemeldungen/presse-nrw/nahrungsergaenzungsmittel-fuer-kinder-oft-ueberdosiert-und-meist-unnoetig-86814, edoc.rki.de/bitstream/handle/176904/552/29R1BsXR8XBc.pdf?sequence=1&isAllowed=y, S. 85)?

5

Liegen der Bundesregierung Zahlen vor, wie viele Nahrungsergänzungsmittel, im Besonderen solche, die an Kinder gerichtet sind, jährlich stichprobenartig von den Lebensmittelüberwachungsbehörden der Bundesländer überprüft werden?

Wenn ja, wie viele, und wie viele Nahrungsergänzungsmittel werden hierbei aufgrund zu hoher Dosen einzelner Inhaltstoffe und/oder fragwürdiger Inhaltstoffe bemängelt?

Wenn ja, wie viele Nahrungsergänzungsmittel müssen hierbei aufgrund bestehender Sicherheitsmängel vom Markt genommen werden (bitte nach Gründen wie Überdosierung einzelner Inhaltstoffe und/oder fragwürdiger Inhaltstoffe auflisten)?

6

Liegen der Bundesregierung Zahlen darüber vor, wie viele Verbraucher, insbesondere Kinder, in den letzten zehn Jahren von Überdosierungen durch die Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln betroffen waren (wenn ja, bitte nach Zahl der Fälle, Ausgang bzw. Nebenwirkungen, Überdosierung welches Nährstoffes aufschlüsseln)?

7

Ist der Bundesregierung bekannt, dass Studien zufolge etwa 10 Prozent der 2- bis 18-Jährigen hierzulande täglich Nahrungsergänzungsmittel und/oder mit Vitaminen oder Mineralstoffen angereicherte Lebensmittel bekommen, obwohl Kinder in Deutschland in aller Regel ausreichend mit den meisten Vitaminen und Mineralstoffen versorgt sind, und wenn ja, zieht die Bundesregierung hieraus Schlussfolgerungen für ihr eigenes Handeln, und welche sind das gegebenenfalls (vgl. www.verbraucherzentrale.nrw/pressemeldungen/presse-nrw/nahrungsergaenzungsmittel-fuer-kinder-oft-ueberdosiert-und-meist-unnoetig-86814)?

8

Welche bisher wissenschaftlich belegten Gefahren verbergen sich nach Kenntnis der Bundesregierung hinter überdosierten Nahrungsergänzungsmitteln für Kinder?

9

Welche Möglichkeiten gibt es nach Kenntnis der Bundesregierung, sich über die potenziellen Risiken von Nahrungsergänzungsmitteln zu informieren?

10

Plant die Bundesregierung Aufklärungsmaßnahmen, damit die Bürger über die möglichen negativen Auswirkungen von Nahrungsergänzungsmitteln für Kinder aufgeklärt werden?

11

Gibt es nach Kenntnis der Bundesregierung eine aktuelle Studie, die zeigt, wie viele Deutsche darauf vertrauen, dass Nahrungsergänzungsmittel staatlich auf ihre Wirksamkeit und Sicherheit geprüft sind (vgl. www.verbraucherzentrale-mv.eu/sites/default/files/migration_files/media242284A.pdf, S. 23, Klartext bei Nahrungsergänzungsmitteln), und wenn ja, wie lautet nach Kenntnis der Bundesregierung das Ergebnis dieser Studie?

12

Zieht die Bundesregierung Schlussfolgerungen aus dem an sie gerichteten Appell der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen (NRW), dem Beschluss der Verbraucherschutzministerkonferenz zu folgen und insbesondere Nahrungsergänzungsmittel für Kinder stärker zu regulieren, und wenn ja, welche (vgl. www.verbraucherzentrale.nrw/pressemeldungen/presse-nrw/nahrungsergaenzungsmittel-fuer-kinder-oft-ueberdosiert-und-meist-unnoetig-86814)?

Hat sich die Bundesregierung zu der Tatsache, dass grundsätzlich Nahrungsergänzungsmittel, auch wenn sie an Kinder gerichtet sind, keinem Zulassungsverfahren unterliegen, wodurch überdosierte Produkte auf den deutschen Markt gelangen und teilweise eine Gefahr insbesondere für Kinder darstellen können, eine eigene Auffassung gebildet, und wie lautet diese gegebenenfalls?

Plant die Bundesregierung aktuell Maßnahmen, um Regelungslücken bei Nahrungsergänzungsmitteln zu schließen, und wenn ja, welche?

13

Ist der Bundesregierung die Kritik von Ernährungsfachleuten bekannt, dass Nahrungsergänzungsmittel in „Kinder-Optik“ (z. B. Aufmachung mit Abbildungen von Comichelden oder Tieren) zu Verwechslungen mit Süßigkeiten und dadurch zu einem überhöhten Konsum bis zu einer Überdosierung führen könnten, und wenn ja, welche Schlussfolgerungen für ihr eigenes Handeln zieht sie hieraus (vgl. Vorbemerkung der Fragesteller)?

14

Wie lautet nach Kenntnis der Bundesregierung der aktuelle Stand bei der Erarbeitung von Höchstgehalten für die in der Europäischen Union festgelegten Zutaten von Nahrungsergänzungsmitteln (vgl. Bundestagsdrucksache 20/7519, S. 80)?

15

Hat sich die Bundesregierung in die aufgenommenen Arbeiten auf EU-Ebene für die bereits im EU-Recht vorgesehenen EU-weiten Höchstmengenregelungen für Vitamine und Mineralstoffe in Nahrungsergänzungsmitteln und in angereicherten Lebensmitteln zur Sicherstellung eines hohen gesundheitlichen Schutzniveaus für Verbraucher und zur Schaffung fairer Wettbewerbsbedingungen im gemeinsamen Binnenmarkt bereits aktiv eingebracht, und wenn ja, wie (vgl. Bundestagsdrucksache 19/28783, Antrag der Fraktionen der CDU/CSU und SPD „Gesundheitlichen Verbraucherschutz bei Nahrungsergänzungsmitteln und angereicherten Lebensmitteln verbessern“, S. 4, erste Forderung auf EU-Ebene), und wenn nein, warum nicht?

16

Inwiefern wurden die Forderungen, die in dem mehrheitlich angenommenen Antrag der Fraktionen der CDU/CSU und SPD „Gesundheitlichen Verbraucherschutz bei Nahrungsergänzungsmitteln und angereicherten Lebensmitteln verbessern“ (s. o.) aufgestellt wurden, bereits umgesetzt, bzw. wie lautet der aktuelle Umsetzungsstand?

17

Plant die Bundesregierung Maßnahmen, um eine Positivliste und/oder verbindliche nationale Höchstmengen für bestimmte Zutaten von Nahrungsergänzungsmitteln (NEM) festzulegen, damit schnellstmöglich ein hohes gesundheitliches Schutzniveau für Verbraucher in Deutschland geschaffen wird (vgl. www.verbraucherzentrale.de/aktuelle-meldungen/lebensmittel/nahrungsergaenzungsmittel/endlich-hoechstmengen-fuer-vitamine-und-mineralstoffe-46711)?

Wenn ja, welche Maßnahmen sollen hierzu umgesetzt werden, und wann?

Wenn ja, gibt es nach Kenntnis der Bundesregierung bestimmte Zutaten in Nahrungsergänzungsmitteln (NEM), bei denen bekannt ist, dass sie oftmals hochdosiert in NEM zu finden sind, und von denen potenzielle Risiken ausgehen, und sollten aus Sicht der Bundesregierung diese zuerst mit gesetzlichen Höchstmengen versehen werden?

Wenn nein, warum nicht?

Berlin, den 27. Februar 2024

Dr. Alice Weidel, Tino Chrupalla und Fraktion

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