Prekäre Beschäftigung in Deutschland
der Abgeordneten Susanne Ferschl, Gökay Akbulut, Matthias W. Birkwald, Ates Gürpinar, Pascal Meiser, Heidi Reichinnek, Kathrin Vogler und der Gruppe Die Linke
Vorbemerkung
Menschen in atypischen Beschäftigungsformen wie Leiharbeit, Minijobs, Teilzeitbeschäftigung im Umfang von weniger als 20 Stunden pro Woche oder mit befristeten Arbeitsverträgen haben in Zeiten allgemeiner Teuerung besonders zu kämpfen. Denn es gehört zu den Merkmalen atypischer Beschäftigung, dass Betroffene aufgrund des geringen Stundenumfangs, niedrigerer Entlohnung, unregelmäßiger Arbeit sowie unsicherer Verträge ihren Lebensunterhalt meist nicht dauerhaft vollständig finanzieren können.
Trotz eines Mangels an Arbeits- und Fachkräften setzen einige Branchen unvermindert auf prekäre Beschäftigung, um den Mangel notdürftig zu bekämpfen (www.rnd.de/wirtschaft/jobs-in-der-gastronomie-warum-ein-umdenken-in-derbranche-stattfinden-muss-2LVW7NN6YRA6ZIMIPH3G3XFL3I.html). Das trifft nicht nur auf den Dienstleistungssektor zu, sondern scheint ein ungebrochener Trend auch in der Metall- und Elektroindustrie zu sein (www.igmetall.de/politik-und-gesellschaft/wirtschaftspolitik/arbeitsmarkt/tag-gegen-prekaere-beschaeftigung).
Gerade in krisenhaften Zeiten ist es aber umso wichtiger, Fehlentwicklungen am Arbeitsmarkt vorzubeugen und Beschäftigte wirksam zu schützen. Die Fragestellerinnen und Fragesteller wollen sich mit dieser Kleinen Anfrage ein aktuelles Bild über den Umfang prekärer Beschäftigungsformen am deutschen Arbeitsmarkt machen.
Wir erbitten die vollumfängliche Beantwortung der Kleinen Anfrage (bitte möglichst ohne Querverweise z. B. auf Bundesdrucksachen oder andere Veröffentlichungen).
Wir fragen die Bundesregierung:
Fragen28
Wie haben sich nach Kenntnis der Bundesregierung die Zahl und der Anteil der Beschäftigten in einem Normalarbeitsverhältnis sowie in einem atypischen Arbeitsverhältnis in den vergangenen zehn Jahren entwickelt (bitte für jedes Jahr einzeln die absoluten und relativen Werte darstellen; bitte nach Geschlecht, Alter, Beschäftigten mit und ohne deutschem Pass sowie nach Ost und West, Branchen und Bundesländern differenzieren)?
Wie haben sich nach Kenntnis der Bundesregierung die Zahl und der Anteil von sozialversicherungspflichtigen Vollzeitbeschäftigten sowie Teilzeitbeschäftigte bis zu 20 Stunden/Woche in den vergangenen zehn Jahren entwickelt (bitte für jedes Jahr einzeln die absoluten und relativen Werte darstellen; bitte nach Geschlecht, Alter, Beschäftigten mit und ohne deutschem Pass sowie nach Ost und West, Branchen und Bundesländern differenzieren)?
Wie haben sich nach Kenntnis der Bundesregierung die Zahl und der Anteil von sogenannten Soloselbstständigen im Vergleich zur Erwerbsbevölkerung und zu anderen Formen der Selbstständigkeit in den letzten zehn Jahren entwickelt (bitte für jedes Jahr einzeln die absoluten und relativen Werte darstellen; bitte nach Geschlecht, Alter, Ost und West, Branchen und Bundesländern differenzieren)?
Welche Erkenntnisse liegen der Bundesregierung über die Entwicklung der Zahl und des Anteils von Werkvertragsbeschäftigten in den vergangenen zehn Jahren vor (bitte für jedes Jahr, für das entsprechende Daten vorhanden sind, einzeln die Werte darstellen; bitte nach Geschlecht, Alter, Beschäftigte mit und ohne deutschem Pass sowie nach Ost und West, Branchen und Bundesländern differenzieren)?
Wie hoch ist nach Kenntnis der Bundesregierung der Niedriglohnanteil von Normalbeschäftigten im Vergleich zu atypisch Beschäftigten, und wie haben sich diese Werte in den vergangen zehn Jahren entwickelt (bitte für jedes Jahr, für das entsprechende Daten vorhanden sind, einzeln die Werte darstellen; bitte nach Geschlecht, Alter, Beschäftigte mit und ohne deutschem Pass sowie nach Ost und West, Branchen und Bundesländern differenzieren)?
Wie viele Beschäftigte verdienen aktuell einen Bruttostundenlohn von weniger als 14 Euro (bitte nach Geschlecht, Ost und West, Bundesländern differenzieren); und welche sind die zehn Branchen (Tätigkeitsfelder bzw. Berufsgruppen) mit dem höchsten Anteil an Beschäftigten mit Stundenlöhnen unterhalb von 14 Euro (bitte zusätzlich auch die jeweilige Anzahl ausweisen)?
Wie viele Beschäftigte beziehen nach Kenntnis der Bundesregierung Aufstockerleistungen nach dem Zweiten Buch Sozialgesetzbuch (SGB II; bitte die absoluten und relativen Werte für 2012, 2017, 2022 und den aktuellen Wert darstellen; bitte nach Geschlecht, Alter, Ost und West, Branchen und Bundesländern differenzieren)?
Wie viele Abgänge aus Arbeitslosigkeit erfolgen nach Kenntnis der Bundesregierung in eine sozialversicherungspflichtige Vollzeitbeschäftigung, wie viele in eine Teilzeitbeschäftigung von bis zu 20 Stunden, wie viele in eine befristete Beschäftigung, und wie viele in eine geringfügige Beschäftigung (bitte für die vergangenen zehn Jahre jeweils einzeln die relativen Werte bezogen auf alle Abgänge aus Arbeitslosigkeit darstellen; bitte nach Abgängen aus den Rechtskreisen des SGB III und SGB II unterscheiden sowie nach Geschlecht, Alter, Beschäftigten mit und ohne deutschem Pass sowie nach Bund, Ost und West, Branchen und Bundesländern differenzieren)?
Wie hat sich nach Kenntnis der Bundesregierung die Tarifbindung in den Jahren 2012, 2017, 2022 und aktuell entwickelt (bitte differenziert nach Bund, West und Ost sowie nach Bundesländern getrennt ausweisen); in welchen zehn Branchen ist die Tarifbindung in den vergangenen zehn Jahren am stärksten zurückgegangen?
Wie hat sich die betriebliche Mitbestimmung nach Kenntnis der Bundesregierung in den Jahren 2012, 2017, 2022 und aktuell entwickelt (bitte differenziert nach Bund, West und Ost sowie nach Bundesländern getrennt ausweisen)?
Wie viele deutsche Unternehmen haben nach Kenntnis der Bundesregierung in den vergangenen zehn Jahren die Rechtsform SE (Societas Europaea, Europäische Aktiengesellschaft) übernommen?
Welche Maßnahmen plant die Bundesregierung, um Betriebsräte besser zu schützen und gezielte Betriebsratsbehinderung zu vermeiden (bitte konkreten Zeitplan nennen)?
Wie viele Leiharbeitskräfte gibt es nach Kenntnis der Bundesregierung in Deutschland (bitte die aktuellen verfügbaren Daten ausweisen und jährlich seit 2018 sowohl in absoluten Zahlen als auch relativ zu allen Beschäftigten ausweisen und nach Teilzeit und Vollzeit, Alter und Geschlecht, Nationalität sowie Ost und West und nach Bundesländern differenzieren)?
Wie hoch ist die Anzahl der Leiharbeitskräfte ohne Berufsabschluss, mit anerkanntem Berufsabschluss und der Akademiker (bitte die aktuellen verfügbaren Daten ausweisen und jährlich seit 2016 ausweisen), und wie viele davon arbeiten in der Leiharbeit jeweils unterhalb ihres Qualifikationsniveaus?
Wie hoch ist nach Kenntnis der Bundesregierung derzeit der mittlere Monatsbruttoverdienst von vollzeitbeschäftigten Leiharbeitskräften, und wie hoch ist zum Vergleich der mittlere Monatsbruttoverdienst aller sozialversicherungspflichtigen Vollzeitbeschäftigten in der Gesamtwirtschaft (bitte die aktuellen verfügbaren Daten ausweisen und jährlich seit 2016 darstellen und nach Qualifikationsniveau, Geschlecht, Nationalität, Ost und West und Bundesländern differenzieren)?
Wie hoch sind nach Kenntnis der Bundesregierung die Anzahl und der Anteil der niedriglohnbeziehenden Leiharbeitskräfte aktuell, und wie hoch sind die entsprechenden Werte bezogen auf alle sozialversicherungspflichtigen Vollzeitbeschäftigten (bitte jährlich seit 2018 darstellen und nach Qualifikationsniveau, Geschlecht, Nationalität, Ost und West und Bundesländern differenzieren)?
In welchen zehn Tätigkeitsfeldern bzw. Berufsgruppen sind nach Kenntnis der Bundesregierung derzeit
a) zahlenmäßig die meisten Leiharbeitskräfte tätig (bitte je Tätigkeitsfeld die Anzahl der Leiharbeitskräfte und ihren prozentualen Anteil an der Gesamtbeschäftigung nennen; bitte für jedes Tätigkeitsfeld die Zahl der Leiharbeitskräfte auch nach Alter, Geschlecht, Nationalität, Bundesländern und Ost und West differenziert darstellen),
b) anteilsmäßig gemessen an der Gesamtzahl der jeweils sozialversicherungspflichtig Beschäftigten die meisten Leiharbeitskräften tätig (bitte für jede Tätigkeit den Anteil der Leiharbeitskräfte nach Alter, Geschlecht, Nationalität, Bundesländern und Ost und West differenziert darstellen)?
c) In welchen der in Frage 17 genannten Branchen bzw. Tätigkeitsfeldern hat sich der Anteil der Leiharbeitskräfte an den sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten seit 2018 am schnellsten erhöht, und wie hoch sind die jeweiligen Steigerungsraten?
In welchen Branchen (Tätigkeitsfeldern bzw. Berufsgruppen) liegt nach Kenntnis der Bundesregierung der durchschnittliche monatliche Bruttoverdienst von vollzeitbeschäftigten Leiharbeitskräften über und in welchen Branchen unter dem Durchschnittsverdienst aller sozialversicherungspflichtigen Vollzeitbeschäftigten (bitte nach Ost und West differenzieren sowie die prozentuale Abweichung in der jeweiligen Branche ausweisen)?
Wie viele Leiharbeitskräfte gibt es derzeit auf Basis der Auswertung des IAB-Betriebspanels (IAB = Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung), und wie hoch sind auf Basis dieser Auswertung die Zahl und der Anteil der Leiharbeitskräfte (an allen Leiharbeitskräften), die in der Metall- und Elektroindustrie tätig sind (bitte die Werte für die vergangenen fünf Jahre einzeln darstellen)?
Welche sind die drei Einsatzbranchen, die auf Basis der Auswertung des IAB-Betriebspanels den höchsten Anteil von Leiharbeitskräften bezogen auf alle Leiharbeitskräfte haben?
Wie viele Leiharbeitsverhältnisse werden nach Kenntnis der Bundesregierung nach
a) <9 Monaten,
b) >9 bis 15 Monaten,
c) >15 bis 18 Monaten,
d) >18 bis 24 Monaten und
e) >24 Monaten
beendet (bitte jährlich seit 2018 darstellen und die aktuellen verfügbaren Daten ausweisen)?
Welche Kenntnisse hat die Bundesregierung über die mittlere Verweildauer von Beschäftigten in Leiharbeitsverhältnissen?
Wie stellt sich nach aktuellen verfügbaren Zahlen sowie 2018, 2020, 2021, und 2022 nach Kenntnis der Bundesregierung der Verbleib der Leiharbeitskräfte nach Beendigung der Leiharbeitsverhältnisse dar (bitte nach 30 Tagen, nach 90 Tagen, nach sechs und zwölf Monaten sowie Alter, Geschlecht, Nationalität, Ost und West und Bundesländern differenzieren), und wie viele Leiharbeitskräfte wurden nach dreimonatiger Pause wieder an denselben Entleihbetrieb überlassen, bzw. welche Kenntnisse liegen der Bundesregierung hierzu vor?
Wie hoch lag nach Kenntnis der Bundesregierung seit 2018 die Anzahl der Minijobs in Deutschland (bitte jeweils aktuelle verfügbare Daten sowie Jahreswerte ausweisen und nach ausschließlich geringfügig beschäftigt, im Nebenjob geringfügig beschäftigt und zeitgeringfügig beschäftigt sowie nach Geschlecht, Staatsangehörigkeit und Alter – auch über 65 Jahre – sowie nach Bundesgebiet und Ost und West und Bundesländern differenzieren)?
Wie hoch lag nach Kenntnis der Bundesregierung seit 2018 der prozentuale Anteil von geringfügig Beschäftigten an allen sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten (bitte jeweils aktuelle verfügbare Daten sowie Jahreswerte ausweisen und nach ausschließlich geringfügig beschäftigt und im Nebenjob geringfügig beschäftigt sowie nach Geschlecht, Staatsangehörigkeit und Alter – auch über 65 Jahre – sowie für das Bundesgebiet und Ost und West differenzieren)?
Wie hoch lag nach Kenntnis der Bundesregierung seit 2018 der prozentuale Anteil von geringfügig entlohnten Beschäftigten im Nebenjob an allen geringfügig entlohnten Beschäftigten (bitte jeweils aktuelle verfügbare Daten sowie Jahreswerte ausweisen und nach Alter, Staatsangehörigkeit und Geschlecht sowie für das Bundesgebiet und Ost und West sowie Bundesländern differenzieren)?
Wie hoch lagen nach Kenntnis der Bundesregierung seit 2018 der durchschnittliche Bruttostundenlohn sowie die Anzahl und der Anteil von Minijob-Beschäftigten, die auf den Bruttostundenlohn bezogen unterhalb der Niedriglohnschwelle entlohnt wurden, an allen Minijobbenden, und wie stellen sich diese Werte im Vergleich dazu in der Gesamtwirtschaft dar (bitte Jahreswerte und nach ausschließlich geringfügig beschäftigt, im Nebenjob geringfügig beschäftigt und zeitgeringfügig beschäftigt sowie nach Geschlecht, Staatsangehörigkeit und Alter – auch über 65 Jahre , sowie für das Bundesgebiet und Ost und West differenzieren)?
Wie viele geringfügig Beschäftigte wechselten infolge der Reform im Oktober 2022, bei der der sogenannte Übergangsbereich gestärkt und Beschäftigte beim Übergang in sozialversicherungspflichtige Beschäftigung entlastet werden sollten, nach Kenntnis der Bundesregierung seit Oktober 2022 in ein reguläres, sozialversicherungspflichtiges Beschäftigungsverhältnis über (bitte nach Geschlecht, Staatsangehörigkeit und Alter sowie für das Bundesgebiet und Ost und West differenzieren)?