Herausforderungen und möglicher Verbesserungsbedarf in der generalistischen Pflegeausbildung
der Abgeordneten Martin Sichert, Kay-Uwe Ziegler, Dr. Christina Baum, Carina Schießl, Alexis L. Giersch, Nicole Hess, Tobias Ebenberger, Claudia Weiss, Thomas Dietz, Dr. Christoph Birghan und der Fraktion der AfD
Vorbemerkung
Im Jahr 2020 wurde in Deutschland die generalistische Pflegeausbildung eingeführt, die eine grundlegende Reform des Ausbildungssystems für Pflegeberufe darstellt (www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2021/07/PD21_356_21 2 .html). Diese Reform führte die Ausbildungen in der Altenpflege, Gesundheits- und Krankenpflege und Gesundheits- und Kinderkrankenpflege zu einem einheitlichen Abschluss als Pflegefachfrau oder Pflegefachmann zusammen.
Vor der Einführung gab es erhebliche Herausforderungen in den bestehenden Ausbildungsgängen, darunter hohe Abbrecherquoten und Durchfallquoten. Die Abbrecherquote lag beispielsweise bereits vor der Reform bei 30 Prozent (www.pflegenot-deutschland.de/ct/pflegeausbildung-abbruchquote/), wobei bis zu 20 Prozent der Auszubildenden ihre Ausbildung bereits im ersten Jahr abbrachen (www.bibliomed-pflege.de/news/hohe-abbrecherquote-zu-ausbildungs beginn). Ein besonderes Problem bestand in der Durchfallquote, die teilweise sehr hoch war, wie 2019 in der Akademie für medizinische Berufe der Uniklinik Freiburg, wo 50 Prozent durch die Prüfung fielen (www.badische-zeitun g.de/fast-jeder-zweite-pflegeschueler-faellt-bei-abschlusspruefung-durch).
Mit der Einführung der generalistischen Ausbildung wurde nun eine Verschlechterung der Ausbildungssituation berichtet, z. B., dass die Zahl der Auszubildenden rückläufig ist und die Abbrecherquote gestiegen sei. Insbesondere Jugendliche, die sich ursprünglich auf die Altenpflege konzentrieren wollten, könnten durch zusätzliche medizinische Inhalte aus dem Krankenhausbereich abgeschreckt werden. Es wurde eine Abbrecherquote von 46 Prozent für den neuen Ausbildungsgang gemeldet (www.bibliomed-pflege.de/news/sorge-um-d ramatische-abbrecherquoten-in-der-pflegeausbildung).
Der Arbeitgeberverband warnte, dass die neue Pflegeausbildung Berufsanfänger überfordere und „mit Anforderungen eines Studiums ‚Medizin light‘“ abschrecke (www.t-online.de/finanzen/beruf-karriere/id_83651904/arbeitgeber-w arnen-neue-pflegeausbildungueberfordert-berufsanfaenger.html).
In Beantwortung einer Kleinen Anfrage (Bundestagsdrucksache 20/11109) teilte die Bundesregierung mit, dass statistische Daten zur Abbrecherquote und zur Durchfallquote erst ab dem Jahr 2023 verfügbar sind, weil der Beruf erst ab dem Jahr 2020 erlernt werden konnte und der erste Jahrgang im Jahr 2023 die Ausbildung abschließen konnte. Daten zur Verteilung von Ausbildungsverträgen würden nicht systematisch erfasst, daher sei eine differenzierte Analyse nur begrenzt möglich. Zur Beurteilung der Entwicklung der Ausbildungseintritte wurde festgestellt, dass die Zahl der abgeschlossenen Ausbildungsverträge von 2020 bis 2023 gestiegen sei. Der Bundesregierung fehlten differenzierte Daten zur Struktur der in den Pflegeberuf eintretenden Mitarbeiter nach der Ausbildung, weil es keine trennscharfe Unterscheidung zwischen den Berufen Gesundheits- und Krankenpflege und Altenpflege gäbe.
Die Fragesteller möchten mit diesen Fragen zu den neuen Entwicklungen den Status quo ermitteln und mögliche Maßnahmen zur Verbesserung identifizieren. Angesichts des Pflegenotstands erscheint es ihnen wichtig, die Effektivität der Ausbildung zu hinterfragen und auf erforderliche Anpassungen hinzuarbeiten, die eine optimale Ausbildung sicherstellen.
Wir fragen die Bundesregierung:
Fragen13
Wie haben sich die mit der Kleinen Anfrage „Erste Erfahrungen mit der generalistischen Pflegeausbildung“ (Bundestagsdrucksache 20/10885) erfragten Zahlen in den Jahren 2023 und 2024 weiterentwickelt?
Welche Maßnahmen ergreift die Bundesregierung ggf., um die hohe Abbrecherquote in der Pflegeausbildung zu reduzieren und die Ausbildungskapazitäten zu erhöhen?
Hat sich die Bundesregierung zu der Entwicklung, dass die generalistische Pflegeausbildung mit den höheren fachlichen und theoretischen Anforderungen einige Auszubildende angesichts der hohen Abbrecher- und Durchfallquoten offenbar überfordert, insbesondere solche ohne akademische Vorbildung oder Abitur, eine eigene Auffassung gebildet, und wenn ja, wie lautet diese?
Welche Maßnahmen werden nach Kenntnis der Bundesregierung ggf. ergriffen, um sicherzustellen, dass Auszubildende ausreichend Unterstützung und Begleitung erhalten, um die Anforderungen der neuen generalistischen Ausbildung zu bewältigen, insbesondere im Hinblick auf die Praxisanleitung und die theoretische Ausbildung?
Gibt es Hinweise darauf, dass die gestiegenen Anforderungen in der generalistischen Pflegeausbildung dazu führen, dass vermehrt Menschen ohne Abitur den Beruf meiden, und wenn ja, wie plant ggf. die Bundesregierung, diesen Trend zu stoppen?
Berücksichtigt die Bundesregierung in ihren Ausbildungsreformen die mögliche Gefahr, dass durch die Einführung eines einheitlich hohen fachlichen Niveaus potenzielle Bewerber, insbesondere ohne Abitur abgeschreckt, werden, und wenn ja, inwieweit?
Hat sich die Bundesregierung zu den Abbruchquoten der neuen Pflegeausbildung in Bezug auf den schulischen Hintergrund der Auszubildenden eine eigene Auffassung gebildet, wenn ja, wie lautet diese, gibt es nach Kenntnis der Bundesregierung Unterschiede in den Erfolgsraten zwischen Auszubildenden mit und ohne Abitur, und wenn ja, welche Maßnahmen werden ggf. getroffen, um diese Unterschiede zu verringern?
Gibt es Überlegungen seitens der Bundesregierung, zusätzliche Ausbildungswege oder Qualifizierungsmaßnahmen einzuführen, die Menschen ohne Abitur den Zugang zur Pflegeausbildung erleichtern, ohne die Qualität der Ausbildung zu mindern?
Sind seitens der Bundesregierung Anpassungen (ggf. nach Kenntnis der Bundesregierung in den Lehrplänen und didaktischen Konzepten) vorgesehen, um sicherzustellen, dass auch Auszubildende ohne akademische Vorbildung oder Abitur den Anforderungen der Ausbildung gerecht werden können, und wenn ja, welche sind dies?
Wie unterstützt die Bundesregierung ggf. Pflegeeinrichtungen und Berufsschulen, um individuellere Ausbildungspläne und Ausbildungsstrukturen anzubieten, die den verschiedenen Bildungsniveaus der Auszubildenden gerecht werden?
Welche Unterstützung erhalten ggf. Auszubildende mit Sprachschwierigkeiten in der neuen generalistischen Ausbildung?
Gibt es nach Kenntnis der Bundesregierung spezielle Programme, um Quereinsteiger in die Pflegeausbildung zu integrieren, und ggf. welche?
Sind seitens der Bundesregierung Anpassungen geplant, um die Ausbildung praxisnäher zu gestalten, und ggf. welche?