BundestagKleine Anfragen
Zurück zur Übersicht
Kleine AnfrageWahlperiode 18Beantwortet

Giftige Chemikalien in Sportkleidung und Sportprodukten

Häufigste Chemikalien, am stärksten belastete Kleidungsstücke bzw. Zubehöre, Auswirkungen auf Gesundheit und Umwelt bei Produktion, Gebrauch und Entsorgung, Gegenmaßnahmen und vorliegende Informationen betr. Grenzwerte und Meldepflichten, Selbstverpflichtungen, internationale Abkommen und Erfahrungen, Kontakte mit Verbänden und Nichtregierungsorganisationen, Verbraucherinformation, Importbeschränkungen, nationale und internationale Arbeitsschritte und Projekte, Unterstützung von Sportvereinen<br /> (insgesamt 28 Einzelfragen)

Fraktion

BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

Ressort

Bundesministerium für Wirtschaft und Energie

Datum

08.07.2014

Aktualisiert

26.07.2022

Deutscher BundestagDrucksache 18/175611.06.2014

Giftige Chemikalien in Sportkleidung und Sportprodukten

der Abgeordneten Renate Künast, Uwe Kekeritz, Peter Meiwald, Nicole Maisch, Matthias Gastel, Monika Lazar, Özcan Mutlu, Steffi Lemke, Luise Amtsberg, Volker Beck (Köln), Katja Keul, Irene Mihalic, Dr. Konstantin von Notz, Hans-Christian Ströbele und der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

Vorbemerkung

Einer Studie von Greenpeace1 zufolge sind in Sportbekleidung und -zubehör häufig giftige Chemikalien enthalten, die während der Herstellung eingesetzt wurden. Obwohl sich die großen Sportmarken dazu verpflichtet haben2, Chemikalien in der Produktion zu reduzieren, schnitten viele Produkte in der Studie, die Fußballschuhe, T-Shirts, Torwarthandschuhe und Fußbälle der drei großen Sportmarken Adidas, Nike und Puma untersuchte, schlecht ab. Unabhängige Labore haben in Proben der drei untersuchten Hersteller verschiedene Schadstoffe gefunden. Einige der nachgewiesenen Stoffe stören das Hormonsystem, schädigen die Fruchtbarkeit oder können sogar das Tumorwachstum fördern. Vor allem Adidas-Schuhe und -Handschuhe schnitten schlecht ab – so lag beispielsweise der PFC-Wert (per- und polyfluorierte Chemikalien) des Schuhmodels „Predator“ 14-fach über dem firmeneigenen Grenzwert.

In den Produktionsländern, welche zumeist in Südostasien liegen, gelangen die Chemikalien in die Umwelt und in die Nahrungskette. Vor allem bei den sogenannten Nass-Prozessen (das Färben, Bleichen, Waschen, Bedrucken und Veredeln) von Textilien werden große Mengen an schädlichen Chemikalien eingesetzt. Allein in China sind rund 60 Prozent des Grundwassers mit umwelt- und gesundheitsschädlichen Chemikalien verunreinigt3. Etwa 320 Millionen Menschen haben allein in diesem Produktionsland keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser. Ähnliches gilt für weitere Produktionsländer in Südostasien. Der Einsatz von Chemikalien in der Produktion von Sportkleidung und -zubehör trägt maßgeblich zu der weiteren Verschmutzung asiatischer Gewässer bei.

Der Verkauf von T-Shirts und Trikots, Fußballschuhen und Zubehör zur Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien ist ein Milliardengeschäft, das über 5 Mrd. US-Dollar (umgerechnet rund 3,6 Mrd. Euro) einbringt. Die beiden Top-Marken – Adidas und Nike – verfügen gemeinsam über einen 80-prozentigen Anteil am Markt für Fußballprodukte. Für das Jahr 2014 rechnet man mit einem Rekordumsatz4. Vor diesem Hintergrund scheint der Sport und die diesjährige Fußballweltmeisterschaft als Goldgrube missbraucht zu werden – auf Kosten von Mensch und Umwelt5.

Wir fragen die Bundesregierung:

Fragen28

1

Welche sind nach Kenntnis der Bundesregierung die am häufigsten vorkommenden Chemikalien in Sportkleidung und -zubehör?

2

Welche Kleidungsstücke bzw. Zubehöre sind nach Kenntnis der Bundesregierung am stärksten belastet?

3

Wie wirken sich diese enthaltenen Chemikalien nach Kenntnis der Bundesregierung

a) auf die Gesundheit der Trägerinnen und Träger aus,

b) auf die Gesundheit der Produzentinnen und Produzenten aus,

c) auf die Umwelt in den Produktionsländern aus,

d) nach ihrer Entsorgung auf die Umwelt in Deutschland aus?

4

Plant die Bundesregierung die Einführung gesetzlicher Grenzwerte für Risikochemikalien, wie sie in Norwegen jetzt u. a. für PFOA (Perfluoroctansäure) eingeführt wurden (vgl. „Norway Bans PFOA in Consumer Products“, August 2013 auf www.data.ciqol.com)?

a) Wenn ja, an welchen Richtwerten wird sich die Bundesregierung hierbei orientieren?

b) Wenn nein, warum nicht?

5

Sind Grenzwerte für chemische Inhaltsstoffe Teil des Siegels, das der Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, Dr. Gerd Müller, für die Textilproduktion einführen will (vgl. WELT am SONNTAG, 6. April 2014)?

6

Welche Möglichkeiten sieht die Bundesregierung, die Gesundheit der Arbeiterinnen und Arbeiter entlang der Lieferkette, insbesondere in Schwellen- und Entwicklungsländern, besser zu schützen?

7

Welche Informationen liegen der Bundesregierung zum Implementierungsstand der Selbstverpflichtungen der genannten Unternehmen im Anschluss an die Detox-Kampagne von Greenpeace (Greenpeace (2013), „Detox Campaign“, www.greenpeace.org/international/en/campaigns/toxics/water/detox/intro/) vor?

8

Welche Informationen liegen der Bundesregierung zum Implementierungsstand des Abkommens Zero Discharge of Hazardous Chemicals (ZDHC) vor (siehe Vorbemerkung der Fragesteller)?

9

Teilt die Bundesregierung grundsätzlich das Ziel des o. g. ZDHC-Abkommens, die Verwendung von Chemikalien in der Herstellung von meist teurer und damit erwartungsgemäß hochwertiger Marken-Sportkleidung bis zum Jahr 2020 auf null zu reduzieren?

10

Wenn ja, welche Bemühungen unternimmt die Bundesregierung, damit vor allem die größten Sportbekleidungshersteller Adidas, Nike und Puma dieses Ziel erreichen und sich von dem weit verbreiteten Vorwurf des Greenwashings (DER SPIEGEL (2013) „Nachhaltigkeits-Ranking: Greenpeace wirft Adidas und Nike Schönfärberei vor“, www.spiegel.de/wirtschaft/service/greenpeace-bezeichnet-adidas-und-nike-in-ranking-als-greenwasher-a-930973.html) befreien können?

11

Ist die Bundesregierung in Kontakt mit Verbänden oder Nichtregierungsorganisationen, um den Einsatz von giftigen und umweltschädlichen Chemikalien in der Herstellung von Sportkleidung und -zubehör zu reduzieren, um die gesundheitliche Belastung der Umwelt und der Gesundheit der Textilarbeiterinnen und Textilarbeiter zu verringern? Unterstützt die Bundesregierung entsprechende Projekte?

a) Wenn ja, mit welchen Verbänden/Nichtregierungsorganisationen?

b) Wenn nein, warum nicht?

12

Hält die Bundesregierung die geltenden Vorgaben bezüglich der Grenzwerte und Meldepflichten unter Gesundheits- und Umweltgesichtspunkten für ausreichend?

13

Für welche Risikochemikalien gibt es bei Textilien nach wie vor keine Grenzwerte, wie bewertet die Bundesregierung dies, und hält sie es für notwendig, weitere Grenzwerte festzulegen? Wenn ja, für welche Chemikalien, und wenn nein, warum nicht?

14

Ist der Bundesregierung bekannt, dass Norwegen ab Juni 2014 keine Textilien mehr zulässt, die mehr als 1 Mikrogramm Perfluoroctansäure (PFOA) pro Quadratmeter enthalten?

15

Hat die Bundesregierung bisher Anstrengungen unternommen, um die Verbraucherinnen und Verbraucher über mögliche Gesundheitsgefahren in Sportkleidung und Sportartikeln aufzuklären?

a) Wenn ja, in welcher Form?

b) Wenn nein, warum nicht?

16

Ist die Bundesregierung der Auffassung, den Import von Sportkleidung und -zubehör, die giftige Chemikalien enthalten, reduzieren zu müssen? Wenn ja, wie? Wenn nein, wie will sie auf anderem Wege gewährleisten, dass weniger Sportkleidung und -zubehör, die giftige Chemikalien enthalten, auf den deutschen und europäischen Markt kommen?

17

Welche Arbeitsschritte hat die Bundesregierung unternommen, um die Handelskette im Sportbekleidungssektor transparenter und damit kontrollierbarer zu gestalten? Welche Arbeitsschritte sind auf nationaler und europäischer Ebene geplant?

18

Welche konkreten Arbeitsschritte und Projekte hat die Bundesregierung unternommen und geplant, um sich weltweit, insbesondere in Südostasien, für das Menschenrecht auf sauberes Trinkwasser (vgl. Auswärtiges Amt (2014), Aktionsfelder deutscher Menschenrechtspolitik. www.china.diplo.de/Vertretung/china/de/02-pol/menschenrechte/aktionsfelder/2-4-menschenrecht-sauberes-trinkwasser.html) einzusetzen, das u. a. durch den massiven Einsatz von Chemikalien in der Textilproduktion gefährdet wird?

19

Welche Anstrengung hat die Bundesregierung unternommen, um sich insbesondere in Südostasien für einen besseren Schutz der Arbeiterinnen und Arbeiter in der globalen Lieferkette einzusetzen?

20

Welche konkreten Arbeitsschritte und Projekte hat die Bundesregierung unternommen und geplant, um China, als einen der wichtigsten deutschen Handelspartner im Bereich Sportkleidung in ihrer „Überlebensfrage“ zu unterstützen, „in ein nachhaltiges und umweltschonendes Wachstum zu investieren“ (Bundesminister für Wirtschaft und Energie, Sigmar Gabriel, auf seiner Delegationsreise in die Volksrepublik China im April 2014)?

21

Sieht die Bundesregierung einen Zusammenhang zwischen der großen Nachfragemacht der Konzerne und den Umweltbelastungen sowie prekären Arbeitsbedingungen in der Textilproduktion in Entwicklungsländern?

22

Hat sich die Bundesregierung im Rahmen der 5. Weltsportministerkonferenz im Jahr 2013, welche in Deutschland stattgefunden hat, für Nachhaltigkeits- und Gesundheitsstandards bei Sportbekleidung ausgesprochen?

a) Wenn ja, welche Maßnahmen hat sie angemahnt, und wann werden diese umgesetzt?

b) Wenn nein, warum nicht?

23

Gedenkt die Bundesregierung, sich auch auf nationaler Ebene für Nachhaltigkeits- und Gesundheitsstandards in der Sportindustrie einzusetzen?

a) Wenn ja, welche Initiativen sind derzeit geplant?

b) Steht sie diesbezüglich bereits in Kontakt mit dem Deutschen Fußball-Bund e. V. (DFB), damit auch in den nationalen Ligen fair gehandelte Produkte, wie z. B. der „Fairtrade-Sportball“, eingesetzt werden?

24

Steht die Bundesregierung mit anderen europäischen Mitgliedstaaten zu diesem Thema im Arbeitsaustausch?

25

Welche Anstrengungen unternimmt die Bundesregierung, um Sportvereine dabei zu unterstützen, nachhaltig produzierte Sportbekleidung einzukaufen, und welche weiteren Möglichkeiten sieht die Bundesregierung? Plant die Bundesregierung zur Unterstützung eine Initiative?

26

Inwieweit unterstützt die Bundesregierung die Nachhaltigkeitsaktivitäten des DFB bezogen auf Umwelt- und Gesundheitsfragen? Sollte aus Sicht der Bundesregierung auch das Thema nachhaltig produzierter Sportbekleidung in die Aktivitäten aufgenommen werden?

27

Gehört aus Sicht der Bundesregierung zu einem gesunden Freizeit- und Leistungssport, gerade im Marketing von Sportgroßveranstaltungen, auch eine gesunde Sportbekleidung, und kann aus Sicht der Bundesregierung von einer gesunden Sportbekleidung gesprochen werden, wenn die Herstellung der Sportbekleidung unter schwierigen sozialen Bedingungen ohne Beachtung von Mindeststandards des Arbeits- und Gesundheitsschutzes erfolgt?

28

Inwieweit unterstützt die Bundesregierung die Entwicklung, dass einzelnen Fußballspielern von den Sportartikelherstellern bis zu mehrere Millionen Euro für das Tragen eines bestimmten Fußballschuhs gezahlt werden? Passt dies zu einer nachhaltigen Ausrichtung des Sports, wie es im Nachhaltigkeitsbericht des DFB formuliert ist?

Berlin, den 11. Juni 2014

Katrin Göring-Eckardt, Dr. Anton Hofreiter und Fraktion

Ähnliche Kleine Anfragen