Gründungen und Unternehmensnachfolge in der Tourismuswirtschaft
der Abgeordneten Markus Tressel, Friedrich Ostendorff, Dr. Thomas Gambke, Brigitte Pothmer, Annalena Baerbock, Harald Ebner, Matthias Gastel, Bärbel Höhn, Oliver Krischer, Christian Kühn (Tübingen), Stephan Kühn (Dresden), Steffi Lemke, Nicole Maisch, Dr. Valerie Wilms und der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Vorbemerkung
Die Tourismuswirtschaft in Deutschland ist ein stabiler und wichtiger Stützpfeiler für den Wirtschaftsstandort Deutschland. Ihre Bruttowertschöpfung wird laut Studie „Wirtschaftsfaktor Tourismus“ auf über 97 Mrd. Euro geschätzt. Die gesamten Konsumausgaben der Touristen in Deutschland betrugen im Jahr 2010 278,3 Mrd. Euro, davon allein 241,7 Mrd. Euro von inländischen Touristen. Seit vielen Jahren ist der Deutschlandtourismus dabei auf Wachstumskurs. Im Jahr 2014 konnten 424 Millionen Übernachtungen registriert werden.
Die Tourismusbranche umfasst nicht nur das gesamte Beherbergungs- und Gastronomiegewerbe und viele Bereiche der Verkehrs-, Kultur-, Gesundheits- oder Unterhaltungswirtschaft, sondern auch die Anbieter im Outgoing-Geschäft, wie Reiseveranstalter, stationäre Reisebüros, digitale Buchungsstellen und Zulieferer von Content und Softwarelösungen. Durch seine klein- und mittelständisch geprägten Strukturen schafft die Tourismusbranche auch in strukturschwachen Regionen standortgebundene Erwerbsmöglichkeiten und nimmt aufgrund ihrer vielfältigen Verflechtungen mit anderen Wirtschaftszweigen eine zentrale Stellung für die gesamte wirtschaftliche Entwicklung einer Region ein.
Trotz der positiven Entwicklungen steht die Branche vor einem hohen Innovations- und Anpassungsdruck. Megatrends, wie der demographische Wandel, verändertes Mobilitätsverhalten, die fortschreitende Digitalisierung und der Klimawandel wirken sich unmittelbar auf die Branche aus. Längst konkurrieren traditionelle Urlaubsregionen in Deutschland und Europa mit Warmwasserzielen weltweit. Die klimatischen Veränderungen und die steigende Umweltbelastung durch mehr Touristen erfordern eine ressourcenschonende, an den Prinzipien der Nachhaltigkeit orientierte Destinationsentwicklung. Auf der Nachfrageseite steigen die Ansprüche an Qualität, Service und nachhaltige Produkte in der gesamten Reisekette.
Um diesem Anpassungsdruck Stand zu halten und positiv für eine nachhaltige Entwicklung der Branche zu nutzen, braucht es neben einer Verstärkung der Aus- und Weiterbildungsbemühungen in den Betrieben vor allem innovatives und kreatives Unternehmertum. Die Politik ist in der Verantwortung, die Rahmenbedingungen zu schaffen, welche es den Unternehmen vor Ort ermöglicht, neue (nachhaltige) touristische Produkte zu entwickeln und zu finanzieren und die die Chancen der Digitalisierung für die Vermarktung und den Vertrieb zu nutzen und damit für zukunftsweisende Destinationsentwicklung zu sorgen.
Dabei müssen vor allem Gründer gefördert, sowie die Herausforderungen im Bereich der Unternehmensnachfolge in den Fokus der Wirtschaftspolitik gerückt werden. Gründer können entscheidende Innovationsprozesse innerhalb der Branche in Gang setzen. Eine erfolgreiche Unternehmensnachfolge sichert bestehende Arbeitsplätze und langjähriges unternehmerisches Know-how. Gründungen und Unternehmensnachfolgen ermöglichen neue kreative Entwicklungen. Sie bieten eine Gelegenheit, Erfahrungen aus anderen Wirtschaftsbereichen in die Tourismusbranche einzubringen.
Derzeit bleiben die Potentiale durch Neugründung und erfolgreiche Unternehmensnachfolge häufig ungenutzt. Die Ergebnisse des jüngsten Gründerreportes des Deutschen Industrie- und Handelskammertages e. V. (DIHK) veranlassten den Präsidenten des DIHK, Erich Schweitzer, dazu, von einer Gründungsmisere in Deutschland zu sprechen (vgl. Artikel DIE WELT vom 25. Mai 2015). Im Jahr 2014 wies Erich Schweitzer in Reaktion auf die Ergebnisse einer DIHK-Umfrage darauf hin, dass es mittelständischen Unternehmen immer schwerer falle, einen Nachfolger für das Unternehmen zu finden (vgl. Artikel FAZ, 10. November 2014).
Wir fragen die Bundesregierung:
Branchenentwicklung allgemein
Fragen30
Wie hat sich die Anzahl der Hotelbetten in Deutschland nach Kenntnis der Bundesregierung seit dem Jahr 2005 bis heute entwickelt, und wie ist deren Auslastung?
In welchen Städten und Regionen Deutschlands ist nach Kenntnis der Bundesregierung ein Rückgang der Bettenkapazitäten zu verzeichnen, in welchen ein Anstieg, und wo ist die Entwicklung konstant?
Wie viele sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze werden durch das Beherbergungswesen gestellt, und wie hat sich diese Zahl seit dem Jahr 2005 entwickelt?
Wie hat sich nach Kenntnis der Bundesregierung der Umsatz in der Hotellerie seit dem Jahr 2005 entwickelt?
Wie haben sich nach Kenntnis der Bundesregierung die Löhne in der Hotellerie seit dem Jahr 2005 entwickelt (bitte nach Hierarchiestufen aufschlüsseln)?
Wie viele der Beherbergungsbetriebe sind nach Kenntnis der Bundesregierung klassifiziert (bitte nach Kategorie aufschlüsseln)?
Wie hat sich die Anzahl der Reisebüros nach Kenntnis der Bundesregierung seit dem Jahr 2005 entwickelt?
Wie haben sich die Umsätze der Reisebüros seit dem Jahr 2005 nach Kenntnis der Bundesregierung entwickelt?
Wie viele Menschen sind nach Kenntnis der Bundesregierung im stationären Reisebetrieb beschäftigt, und wie hat sich die Anzahl seit dem Jahr 2005 entwickelt?
Wie viele Menschen sind heute im Bereich des Online-(Reise-)Vertriebes nach Kenntnis der Bundesregierung beschäftigt, und wie hat sich diese Zahl seit dem Jahr 2005 entwickelt (bitte nach sozialversicherungspflichtig angestellt, selbstständig mit Angestellten, alleine selbstständig aufschlüsseln)?
Wie haben sich nach Kenntnis der Bundesregierung die Umsätze im Online-Reise-Vertrieb seit den Jahren 2005 entwickelt?
Haben nach Kenntnis der Bundesregierung seit dem Jahr 2005 Konzentrationsentwicklungen im stationären und digitalen Reisevertrieb stattgefunden, und wenn ja, welche, und welche Gründe sieht die Bundesregierung dafür?
Inwiefern betrifft das Problem der „Gründungsmisere“ in Deutschland nach Ansicht der Bundesregierung auch die Tourismuswirtschaft?
a) Wie viele Reisebüros wurden seit dem Jahr 2000 nach Kenntnis der Bundesregierung gegründet?
b) Wie viele Buchungsagenturen bzw. Online-Portale wurden seit dem Jahr 2000 nach Kenntnis der Bundesregierung gegründet?
c) Wie viele Hotelneugründungen fanden nach Kenntnis der Bundesregierung seit dem Jahr 2000 statt?
d) Wie viele Gastronomieneugründungen fanden seit dem Jahr 2000 nach Kenntnis der Bundesregierung statt?
Wie hoch ist nach Kenntnis der Bundesregierung der Anteil von Frauen bei Gründungen in der Tourismuswirtschaft (bitte nach stationärem Reisevertrieb, digitalem Reisevertrieb, Beherbergungswesen und Gastronomie aufschlüsseln)?
Wie hoch ist nach Kenntnis der Bundesregierung der Anteil an Migranten bei Gründungen in der Tourismuswirtschaft (bitte nach stationärem Reisevertrieb, digitalem Reisevertrieb, Beherbergungswesen und Gastronomie aufschlüsseln)?
Wie viele sozialversicherungspflichtige Jobs sind seit dem Jahr 2000 durch Gründungen in der Tourismuswirtschaft entstanden?
Wie häufig finden nach Kenntnis der Bundesregierung Gründungen im Tourismusbereich aus bestehender Arbeitslosigkeit heraus statt?
Wie viele Anträge auf Gründungszuschuss wurden bei der Bundesagentur für Arbeit für Gründungen im Bereich Tourismus- und Freizeitwirtschaft gestellt, und wie viele wurden bewilligt?
Welche Förderprogramme sieht der Bund für die Förderung von Gründungen im Bereich der Tourismuswirtschaft vor?
Inwieweit werden den Besonderheiten der Tourismusbranche (geringe Eigenkapitalquote, Investitionsstau) bei den Förderprogrammen der Bundesregierung und nach Kenntnis der Bundesregierung den Kreditprogrammen der Förder- und Hausbanken Rechnung getragen?
Welche Schlussfolgerungen und Konsequenzen zieht die Bundesregierung aus dem Grad der Tourismusexpertise in den Förder- und Hausbanken, um den Innovations- und Investitionsbedarf der Unternehmerinnen und Unternehmer finanziell abzusichern?
Wie hoch ist nach Kenntnis der Bundesregierung die Anzahl der eigentümergeführten Unternehmer in der Tourismuswirtschaft
a) im stationären Reisevertrieb,
b) im digitalen Reisevertrieb,
c) im Beherbergungsgewerbe,
d) in der Gastronomie?
Bei wie vielen der eigentümergeführten Unternehmen steht nach Kenntnis der Bundesregierung bis zum Jahr 2030 ein Unternehmenswechsel an?
Wie viele sozialversicherungspflichtig Beschäftigte sind nach Kenntnis der Bundesregierung von den anstehenden Übernahmen berührt?
Sieht die Bundesregierung eine Gefährdung von Arbeitsplätzen aufgrund der Schwierigkeiten der Unternehmerinnen und Unternehmer, einen geeigneten Nachfolger zu finden?
Wie häufig findet die Unternehmensübergabe in der Tourismuswirtschaft nach Kenntnis der Bundesregierung familienintern statt (bitte nach stationärem Reisevertrieb, digitalem Reisevertrieb, Beherbergungswesen und Gastronomie aufschlüsseln)?
Wie hoch ist nach Kenntnis der Bundesregierung der Anteil an Frauen bei Unternehmensübergaben in der Tourismuswirtschaft?
Wie hoch ist nach Kenntnis der Bundesregierung der Anteil an Migranten bei Unternehmensübergaben in der Tourismuswirtschaft?
Wie unterstützt die Bundesregierung die Unternehmer bei der Herausforderung der Unternehmensnachfolge? Stehen hierfür auch spezielle Förderprogramme zur Verfügung?
Sieht die Bundesregierung in dem Investitionsbedarf der Branche ein Hemmnis für eine erfolgreiche Unternehmensübergabe, und wenn ja, wie reagiert sie darauf?