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Kleine AnfrageWahlperiode 14Beantwortet

Sicherheit von Transport- und Lagerbehältern für hochradioaktiven Atommüll (G-SIG: 14010813)

Zugelassene Transport- und Lagerbehälter, durchgeführte Tests, Sicherheitsüberprüfung und konstruktive Änderungen bei Castor-Behältern

Fraktion

PDS

Datum

07.03.2000

Aktualisiert

26.07.2022

Deutscher BundestagDrucksache 14/256020. 01. 2000

Sicherheit von Transport- und Lagerbehältern für hochradioaktiven Atommüll

der Abgeordneten Eva-Maria Bulling-Schröter, Rosel Neuhäuser, Angela Marquardt und der Fraktion der PDS

Vorbemerkung

Die Sicherheit von Transportbehältern bzw. Transport- und Lagerbehältern für abgebrannte Brennelemente und Glaskokillen ist umstritten. 1998 kam ans Licht, dass jahrelang bei Atomtransporten Grenzwerte für radioaktive Außenkontamination am Behälter überschritten worden waren („Castor-Skandal“). Dieser Rechtsbruch ist den beteiligten Nuklearunternehmen bekannt, wurde aber verschwiegen. Den Aufsichtsbehörden, die für die Sicherheit der Transporte und den Schutz der Bevölkerung verantwortlich sind, ist es über Jahre nicht gelungen, diese Grenzwertüberschreitung aufzudecken und zu beenden. Insgesamt waren die Vorgänge rund um die Abwicklung der Atomtransporte von mangelnder Transparenz, mangelnder Kommunikation zwischen den Verantwortlichen und inakzeptabler Informationspolitik geprägt.

Neben dem Castor-Skandal sind jedoch in den vergangenen Jahren weitere Sicherheitsprobleme bei Atomtransportbehältern bekannt geworden:

  • Behälter NTL 11 Wegen mehrmaligen Versagens der Befestigungsbolzen des Deckelstossdämpfers beim Falltest wurden die Behälterzulassungen in Großbritannien, Frankreich und Deutschland zurückgezogen. Nach seiner ersten Zulassung war die Behälterkonstruktion geändert worden, ohne dass die Stabilität in neuen Falltests geprüft wurde.
  • Behälter NTL 10 und TN 13/2 1998 wurde bekannt, dass es bei einigen Behältern zum Abschmelzen bzw. Abtropfen von Neutronenmoderatormaterial gekommen ist. Dieses Material soll die gefährliche Neutronenstrahlung abschirmen und so reduzieren. Defekte beim Moderatormaterial können entsprechend zu erhöhter Neutronenstrahlung an der Außenseite der Behälter führen. Potenziell könnten auch beim Behälter TN 17/2 wegen ähnlicher Konstruktion Probleme mit dem Moderatormaterial auftauchen.
  • Castor – Moderatorstab-Bohrungen 1999 wurde öffentlich, dass die Löcher, in denen Spezialstäbe zur Abschirmung der Neutronenstrahlung in die Castorbehälter eingelassen werden, zu klein sind, um den Moderatorstäben auch bei Wärmeausdehnung genügend Platz zu bieten. Auch hier besteht das Risiko einer verringerten Abschirmwirkung und damit einer höheren Gefährdung durch Neutronenstrahlung.
  • Castor – Neutronenfenster Das Moderatormaterial zur Neutronenabschirmung kann die Neutronenstrahlung nicht vollständig abschirmen. Es gibt sogenannte „Neutronenfenster“, durch die die Strahlung weiterhin nach außen dringt. Zu einer besonders stark erhöhten Neutronenstrahlung kommt es aufgrund der Konstruktion an den Kopf- und Fußenden der Castor-Behälter. Ob die Abschirmung hier noch ausreichend ist, ist unklar. Möglicherweise ist der Castor-HAW hier besonders betroffen.
  • Behälter TN 12 Im Februar 1999 wurde in La Hague ein Behälter mit gelösten Deckelschrauben angeliefert (Nuclear Fuel, Juni 1999). In den letzten 15 Jahren sollen mehrere solcher Fälle aufgetreten sein. Ein nicht vorschriftsmäßig befestigter Deckel kann dazu führen, dass der Behälter nicht völlig dicht verschlossen ist.
  • Castor – Restfeuchte im Dichtungsbereich Im November 1998 wurden im Atomkraftwerk Greifswald Feuchtigkeitsreste im Bereich der Deckeldichtung eines Castor WWER-Behälters festgestellt. Durch Feuchtigkeit besteht Korrosionsgefahr.
  • Castor THTR/AVR Im Dezember 1999 wurde öffentlich, dass die 305 Castor-THTR-Behälter im Zwischenlager Ahaus massive Korrosionsprobleme haben. Die Behälter lagern erst seit fünf Jahren in Ahaus. Sie sind für eine Lagerzeit von 40 Jahren genehmigt. Ursache scheint einerseits die niedrige Temperatur der Behälter zu sein, andererseits die Beschichtung der Behälter.

Vor diesem Hintergrund fragen wir die Bundesregierung:

Fragen37

1

Welche Transport- bzw. Transport- und Lagerbehälter sind zurzeit in der Bundesrepublik Deutschland zugelassen?

2

Wie lange gelten die Zulassungen jeweils?

3

Für welche Behälter ist die Zulassung darüber hinaus beantragt?

4

Welche der oben genannten Behälter haben zusätzlich eine Zulassung für Frankreich, welche für Großbritannien, welche für die Schweiz?

5

Wie viele Exemplare der oben genannten Behälter existieren nach Kenntnis der Bundesregierung zurzeit und könnten zum Transport oder zur Lagerung von abgebrannten Brennelementen aus deutschen Atomkraftwerken oder zum Transport von Glaskokillen eingesetzt werden?

6

Wie wurden die oben genannten Behälter getestet (bitte möglichst tabellarische Übersicht für jeden der oben genannten Behälter mit folgenden Angaben: – experimenteller Behältertest – ja oder nein – Maßstab des getesteten Behälters – Falltest (Höhe, Untergrund) – Feuertest (Temperatur, Dauer) – Tauchtest (Druck, Dauer) – weitere Tests – wann durchgeführt – wo durchgeführt – von wem durchgeführt – Ergebnis des Tests – Veröffentlichung der Testergebnisse?)

7

An welchen Behältern wurden nach den Tests konstruktive Änderungen vorgenommen?

Welche?

8

Wurden die Tests daraufhin wiederholt?

Wenn nein, warum nicht?

9

Auf welcher Grundlage erfolgte der Sicherheitsnachweis für die Zulassung derjenigen Behälter, die nicht experimentell getestet wurden (Vergleichbarkeit mit welchem getesteten Behälter, Simulation mit welchem Computerprogramm etc.)?

10

Für welche Behälter wurden die Stoßdämpferkonstruktion bzw. die Stoßdämpfermaterialien nach den Falltests verändert?

11

Für welche Behälter wurden die Konstruktion oder die Materialien nach der Erstzulassung verändert?

12

Welche Prüfungen wurden durchführt, um das Ausmaß des Problems des Abtropfens von Moderator-Material festzustellen?

13

Welche Untersuchungen hat es gegeben, um die Folgen des Problems abzuschätzen?

14

Welche Untersuchungen wurden durchgeführt, um die Ursachen des Problems zu erkennen?

15

Welche Konsequenzen wurden aus diesen Untersuchungen gezogen?

16

Wie kam es dazu, dass die Fehler bei der Auslegung der Moderatorstab-Bohrungen bei Castor-Behältern überhaupt nach so langer Zeit entdeckt wurden?

17

Welche Castor-Behälter sind von dem Problem betroffen?

18

Welche Ergebnisse hat die Untersuchung dieses Problems gebracht und wo sind die Untersuchungen veröffentlicht worden?

19

Welche Maßnahmen müssen getroffen werden, damit neue Behälter die Zulassungsbedingungen zukünftig erfüllen (neues Moderatormaterial, größere Bohrungen)?

20

Welche Maßnahmen müssen getroffen werden, damit bereits beladene Behälter die Zulassungsbedingungen wieder erfüllen?

21

Bei welchen Castor-Behältern sind Neutronenfenster bekannt?

22

Welche Prüfungen sind von den Behörden durchgeführt worden, um die Höhe der Neutronenstrahlung an den Fenstern festzustellen?

Wo sind die Ergebnisse der Prüfungen veröffentlicht worden?

23

Welche Konsequenzen wurden aus den Prüfungen gezogen?

24

Welche Prüfungen wurden durchführt, um das Ausmaß des Problems der lockeren Schraubenbolzen bei Transportbehältern in La Hague festzustellen?

25

Welche Untersuchungen hat es gegeben, um die Folgen des Problems abzuschätzen?

26

Welche Untersuchungen wurden durchgeführt, um die Ursachen des Problems zu erkennen?

27

Wo sind die Ergebnisse der Prüfungen veröffentlicht worden?

28

Handelt es sich nach Einschätzung der Bundesregierung hierbei um einen systematischen Fehler?

Wenn nein, warum nicht?

29

Welche Konsequenzen wurden aus diesen Untersuchungen gezogen?

30

Wie wurde das Problem der Restfeuchte im Behälter im Zwischenlager Greifswald entdeckt?

31

Welche Prüfungen wurden vorgenommen, um die Ursachen dieses Problems zu erkennen?

32

Wo sind die Ergebnisse der Prüfungen veröffentlicht worden?

33

Welche Konsequenzen wurden aus diesen Untersuchungen gezogen?

34

Welche Informationen liegen der Bundesregierung zu Umfang und Ursachen von Korrosionsschäden an den Castor-Behältern im Zwischenlager Ahaus vor?

35

Sind weitere Behälter neben den Castor-THTR-Behältern betroffen?

36

Welche weiteren Behälter haben eine identische Beschichtung?

37

Welche Maßnahmen sind geplant, um in Zukunft sicherzustellen, dass keine Korrosionsschäden bei Lagerbehältern auftreten?

Berlin, den 18. Januar 2000

Eva-Maria Bulling-Schröter Rosel Neuhäuser Angela Marquardt Dr. Gregor Gysi und Fraktion

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