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Kleine AnfrageWahlperiode 13Beantwortet

Traditionsverständnis aktiver Soldaten (G-SIG: 13013385)

Verteilung der Studie "Das preußisch-deutsche Generalstabssystem..." an Lehrgangsteilnehmer der Führungsakademie der Bundeswehr, "geistige Orientierung" für die Generalstabsoffiziere

Fraktion

BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

Ressort

Bundesministerium der Verteidigung

Datum

21.09.1998

Aktualisiert

26.07.2022

Deutscher BundestagDrucksache 13/1134206. 08.98

Traditionsverständnis aktiver Soldaten

der Abgeordneten Angelika Beer, Annelie Buntenbach, Winfried Nachtwei, Christian Sterzing und der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

Vorbemerkung

Im Jahr 1997 wurde an der Führungsakademie der Bundeswehr eine Studie des Brigadegeneral Millotat, derzeitiger Stabsabteilungsleiter III im Führungsstab des Heeres, mit dem Titel „Das preußisch-deutsche Generalstabssystem - Wurzel, Entwicklung, Fortwirken -" an die Lehrgangsteilnehmer der damals laufenden nationalen Generalstabslehrgänge verteilt. Mittlerweile soll diese Schrift vom Streitkräfteamt gedruckt, jedem neuen Lehrgangsteilnehmer des Generalstabslehrgangs neben Clausewitz' Werk „Vom Kriege" übergeben werden.

Nach eigenem Verständnis geht es dem Autor darum, den jüngeren Generalstabsoffizieren zu helfen, ein tragfähiges Selbstverständnis zu entwickeln.

Millotats Hauptthese ist die bruchlose Traditionslinie des preußisch-deutschen Generalstabsdienstes von 1800 bis heute. Um diese historisch zu belegen, arbeitet der Autor mit historischen Auslassungen - ohne Einbeziehung neuerer Forschungsliteratur - und einer apologetischen Glorifizierung des Generalstabs. Eine kritische Würdigung des Generalstabs in den Einigungskriegen, später im Ersten Weltkrieg der 3. Obersten Heeresleitung, der Rolle in der Weimarer Republik und des Generalstabs und seiner Rolle im Zweiten Weltkrieg, insbesondere in der Vorbereitung und Durchführung des Rußlandfeldzuges und der dazu ausgefertigten verbrecherischen Befehle, unterbleibt. Denn nur mit diesen Auslassungen bleibt die Quintessenz des Autoren verständlich: Der preußisch-deutsche Generalstab habe eine hohe Effizienz erreicht, habe im Ersten Weltkrieg Auswüchse erlebt, sei im Zweiten Weltkrieg mißbraucht worden, jedoch ehrenhaft geblieben und habe sich als leistungsfähiger Kern eines Führungssystem erwiesen, das man auch auf die NATO mit Abstrichen übertragen könne. „Viele verbündete Streitkräfte suchen nach Lösungen, wie zukünftige Führer mit Anlagen zum strategisch-operativen Denken und Handeln zeitgerecht ausgewählt werden können. Das preußisch-deutsche Generalstabssystem bietet einen seit langem erprobten Weg." (S. 72)

Der Autor begrüßt, daß „vor dem Hintergrund" eines sonst bewußt selektiven Ansatzes der Anknüpfung an Tradition „aus der gesamten deutschen militärischen Vergangenheit", „die gesamte Tradition des preußisch-deutschen Generalstabs für den Generalstabsdienst der Bundeswehr als verbindlich erklärt wurde (S. 16).

In ihrem Buch „Generalstab im Wandel" hätten „Hansgeorg Model und Jens Prause nachvollzogen, wie es weitsichtigen Generalen, darunter General Ulrich de Maizière und den damaligen Generalmajoren Hans Hinrichs und Dr. Eberhard Wagemann, gelang, die bewährte deutsche Führergehilfenausbildung zu erhalten." (S. 67)

Der Autor versucht, durch Zitate ehemaliger Generale der Bundeswehr aber auch anderer den Eindruck zu erwecken, daß die bruchlose Kontinuität des preußisch-deutschen Generalstabsdienstes unbestrittenes Allgemeingut sei. So zitiert er den ehemaligen Generalinspekteur General Brandt: „Die Bedeutung der Generalstabsausbildung leitet sich aus der Notwendigkeit des Generalstabsdienstes mit seiner Vielzahl von Aufgaben ab, die sich im Prinzip seit seiner Einführung vor 200 Jahren nicht geändert haben. " (S. 60) Daher gelte die Forderung des General von Seeckt auch heute noch: „Die Form wechselt, der Geist bleibt der alte. Es ist der Geist schweigender, selbstloser Pflichterfüllung im Dienste der Armee. Generalstabsoffiziere haben keine Namen." Und es folgte die Bewer tung des Autors: „Prägnanter können die Verknüpfung von Vergangenheit und Gegenwart des Generalstabsdienstes in den deutschen Streitkräften kaum ausgedrückt werden. Vielfältig wirkt das Erbe früherer Generalstabsoffiziere in der Bundeswehr weiter." (S. 60) Und etwas später fährt er fort: „Die ehemaligen Kriegsgegner Deutschlands erlebten in beiden Weltkriegen die herausragende fachliche Qualität der deutschen Generalstabs- und Admiralstabsoffiziere in den Schlachten und Gefechten zu Land, in der Luft und zur See." (S. 66) So bietet er in einem Atemzug - unter Berufung auf General Brandt - die Generale von Seeckt, den Verächter der Demokratie von Weimar, Beck, den Widerständler, und Halder, den für einige verbrecherische Befehle verantwortlichen Generalstabschef, undifferenziert als Vorbilder für den heutigen Generalstabsoffizier an (S. 17).

Diese Studie soll Halt bieten oder Originalton Autor: „Eine Berufsgruppe kann nur dann ein tragfähiges Selbstverständnis entwickeln, ihre Besonderheiten in die tägliche Arbeit einbringen und zukunftsgerichtet weiter ausgestalten, wenn sie um ihre Fundamente weiß und sich bewußt ist, wie diese in der Gegenwart fortwirken. Nur wer um die Grundlagen seines Berufes weiß und sie zu artikulieren versteht, ist gegen Fehldeutungen und Anwürfe gefeit." (S. 11) Ob der Autor mit den Fehldeutungen und Anwürfen genau die Auslassungen und unkritische Selbstüberhöhung der Rolle des preußisch-deutschen Generalstabs meint, der er selbst erliegt, kann offenbleiben. Daß darin eine der Ursachen (siehe Gerhard Ritter, deutscher Militarismus in: Staatskunst und Kriegshandwerk) der problematischen Geschichte Deutschlands liegen könnte, findet man in dieser Untersuchung nicht. Im Militärgeschichtlichen Forschungsamt sind zu dieser Thematik eine Reihe von besseren Arbeiten entstanden, die zu einer Auseinandersetzung mit dem Selbstbild des Generalstabsoffiziers geeigneter sind als diese Arbeit.

Daß der Autor diese persönliche, wissenschaftlich problematische Darstellung des „preußisch-deutschen Generalstabsdienstes" vertritt, ist das eine, sie als dienstlich verteilte Schrift zur Identitätsbildung heutiger Generalstabsoffiziere zu verwenden, das andere. Und wenn dieser Offizier dann noch als zukünftig Verantwortlicher für Ausbildung und Lehre an der Führungsakademie (Personalplanung im Herbst 1998: Direktor Lehre) genannt wird, muß man fragen, was die militärische Führung und die politische Leitung damit beabsichtigt.

Wir fragen die Bundesregierung:

Fragen4

1

Hat das Bundesministerium der Verteidigung diese Studie vom Militärgeschichtlichen Forschungsamt prüfen lassen, bevor man diese verteilte, und zu welcher Einschätzung ist man dort gelangt?

2

Hält die Bundesregierung die apologetische und unkritische Darstellung der Rolle des „preußisch-deutschen Generalstabs" für geeignet, sie als „geistige Orientierung" in bezug auf das Selbstverständnis der Generalstabsoffiziere der Bundeswehr an die Lehrgangsteilnehmer des nationalen Generalstabslehrgangs weiter zu verteilen?

3

Entspricht die Berufung auf eine bruchlose Traditionslinie der Führungselite der Bundeswehr auf den preußisch-deutschen Generalstabsdienst, einschließlich Reichswehr und Wehrmacht, dem Verständnis der Bundesregierung in der Auslegung des Traditionserlasses von 1982, und wenn ja, wie begründet sie dieses?

4

Unterstützt das Bundesministerium der Verteidigung die Verteilung dieser Studie an die Lehrgangsteilnehmer durch die Akademieführung?

Wenn ja, was sind die Gründe dafür?

Bonn, den 6. August 1998

Angelika Beer Annelie Buntenbach Winfried Nachtwei Christian Sterzing

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