Situation der Freiwilligendienste in der Corona-Krise
der Abgeordneten Dr. Anna Christmann, Ottmar von Holtz, Kai Gehring, Margit Stumpp, Beate Walter-Rosenheimer, Katja Dörner, Erhard Grundl, Dr. Kirsten Kappert-Gonther, Maria Klein-Schmeink, Ulle Schauws, Charlotte Schneidewind-Hartnagel, Kordula Schulz-Asche, Margarete Bause, Dr. Tobias Lindner, Omid Nouripour und der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Vorbemerkung
Unsere Freiwilligendienstleistenden sind ein Rückgrat der engagierten Zivilgesellschaft. Knapp 100 000 vor allem junge Menschen unter 27 Jahren engagieren sich jedes Jahr für die Gesellschaft oder Umwelt (https://www.bmfsfj.de/bmfsfj/themen/engagement-und-gesellschaft/freiwilligendienste; https://www.bundesfreiwilligendienst.de/fileadmin/de.bundesfreiwilligendienst/content.de/Service_Menue_Kopf/Presse/Statistiken/BFD_Statistik_04_2020.pdf). Die Corona-Pandemie hat jedoch auf vielfältige Art und Weise auch den Einsatz der Freiwilligendienstleistenden grundlegend verändert, ausgesetzt oder sogar beendet. Zum einen sind Einsatzstellen teilweise geschlossen, z. B. Kindertagesstätten, Behindertenwerkstätten oder Sport- und Kulturvereine, in anderen Bereich ist der Dienst stark geprägt durch die Einhaltung der strikten, aber notwendigen Hygiene- und Abstandsregeln, z. B. in Pflege- und Alteneinrichtungen oder bei Rettungsdiensten.
Ebenfalls stark betroffen sind die jährlich über 7 000 Freiwilligendienstleistenden (vgl. https://www.entwicklungsdienst.de/fileadmin/AKLHUE_Relaunch/Statistische_Erhebung_Outgoing_2018.pdf), die ihren Dienst im Ausland ableisten und dieses Jahr abbrechen mussten oder ihren Dienst nicht ausführen können. Bereits im März 2020 wurden die Freiwilligendienstleistenden im weltwärts-Programm sukzessive nach Deutschland rückgeholt (https://www.weltwaerts.de/de/id-17-03-2020-rueckreise-aller-weltwaerts-freiwilligen.html). Ebenfalls kritisch dürfte die Situation bezüglich des kommenden Freiwilligendienstjahrgangs werden. Derzeit wird zwar versucht, Seminare und Bildungstage sowie die Bewerbungsgespräche für den kommenden Jahrgang digital durchzuführen. Allerdings ist in der momentan unsicheren Situation völlig offen, ob sich nur ansatzweise wieder so viele Freiwillige für einen Dienst bewerben wie in den Jahren zuvor. Es ist möglich, dass weniger junge Menschen für einen Dienst gewonnen werden können, sei es aus Angst vor der Pandemie, weil Einsatzstellen eingeschränkt zugänglich sind oder aufgrund der unklaren Situation in den Outgoing-Auslandsdiensten und Incoming-Programmen.
Zudem verschieben sich bereits bundesweit die Bewerbungszeiträume für Studiengänge bzw. der Beginn des Wintersemesters 2020/2021 bundeseinheitlich auf den 1. November 2020, wie die Länder bereits beschlossen haben (vgl. https://www.kmk.org/aktuelles/artikelansicht/kmk-sommersemester-2020-findet-statt.html). Auch dies dürfte einen Einfluss auf die Bewerberinnen- und Bewerberzahlen in den Freiwilligendiensten haben.
Wir fragen die Bundesregierung:
Fragen20
Wie viele Freiwilligendienstleistende mussten innerhalb von Deutschland ihren Freiwilligendienst aufgrund der COVID-19-Pandemie vorzeitig beenden (bitte insgesamt aufführen sowie pro Dienst aufschlüsseln)?
Wie viele Freiwilligendienstleistende sind von einer geschlossenen Einsatzstelle aufgrund der Pandemie betroffen, befinden sich aber weiterhin in einem laufenden Dienstverhältnis? Welche Bereiche sind hier besonders betroffen (bitte insgesamt aufführen sowie pro Dienst aufschlüsseln)?
Wie viele Freiwilligendienstleistende haben sich für einen Wechsel des Einsatzortes bisher über das Portal www.freiwillige-helfen-jetzt.de registriert, und wie viele von ihnen konnten erfolgreich an einen neuen Einsatzort vermittelt werden?
Wie viele Einrichtungen haben Bedarf für die Vermittlung eines bzw. einer Freiwilligendienstleistenden über das Portal www.freiwillige-helfen-jetzt.de angemeldet, und wie viele von ihnen konnten einen Freiwilligendienstleistenden vermittelt bekommen?
In welchen Regionen Deutschlands konnten Freiwillige über www.freiwillige-helfen-jetzt.de an einen anderen Einsatzort vermittelt werden (bitte pro Bundesland aufschlüsseln)?
Wie bereitet sich die Bundesregierung auf einen möglichen Einbruch der Bewerberinnen- und Bewerberzahlen für die Inlandsfreiwilligendienste im kommenden Jahrgang 2020/2021 vor?
Wie möchte die Bundesregierung die Träger der Inlandsdienste sowie deren zentrale Zusammenschlüsse und die sonstigen Strukturen der Freiwilligendienste bei eventuell zurückgehenden Freiwilligenzahlen finanziell und administrativ so unterstützen, dass sie auch im kommenden Jahrgang überleben können, um so die bewährte und notwendige Infrastruktur der Freiwilligendienste für die Zeit nach Corona zu erhalten?
Welche Auswirkungen haben die Veränderungen aufgrund der Corona-Pandemie für ausländische Freiwillige, die im Rahmen der Süd-Nord-Komponente des weltwärts-Programms in Deutschland sind bzw. waren?
a) Wie viele von ihnen mussten in ihre Heimatländer zurückkehren?
b) Dürfen sie ihren Freiwilligendienst ggf. zu einem späteren Zeitpunkt fortsetzen?
c) Welche zusätzliche Unterstützung haben sie erhalten?
Wie viel Prozent der Freiwilligendienstleistenden eines anderen internationalen Freiwilligendienstes (u. a. Internationaler Jugendfreiwilligendienst [IJFD], kulturweit, Europäischer Freiwilligendienst [EFD]) mussten ihren Dienst aufgrund der COVID-19-Pandemie abbrechen, und wie viele sind wieder nach Deutschland zurückgekehrt (bitte insgesamt aufführen sowie pro Dienst aufschlüsseln)?
Wie viele Freiwilligendienstleistende eines internationalen Freiwilligendienstes befinden sich noch im Ausland (bitte insgesamt sowie pro Aufenthaltsland aufführen)?
Wie viele Freiwilligendienstleistende eines internationalen Freiwilligendienstes befinden sich noch im Ausland und warten auf eine Ausreise nach Deutschland (bitte insgesamt sowie pro Aufenthaltsland aufführen)?
Was gedenkt die Bundesregierung zu tun, wenn die Bewerberinnen- und Bewerberzahlen für die internationalen Freiwilligendienste stark einbrechen, um ein Absterben von Organisationen in der Trägerlandschaft zu verhindern?
Ist die Bundesregierung bereit, ggf. ausfallende staatliche Zuschüsse für die Träger internationaler Freiwilligendienste zu kompensieren, wenn die Entsendezahlen einbrechen sollten?
Inwiefern stellt die Bundesregierung sicher, dass der konsularische Dienst der Auslandsvertretungen derzeit in einem Maße fortgesetzt werden kann, der es ermöglicht, Visaanträge für potenzielle Freiwillige im Rahmen der Nord-Süd-Komponente des weltwärts-Programms zeitnah und mit der gebührenden Gründlichkeit zu bearbeiten?
Ist es richtig, dass – wie die Fragestellerinnen und Fragesteller erfahren haben – das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) inzwischen bereit ist, den staatlichen Zuschuss zum IJFD auf maximal 450 Euro pro Monat anzuheben? Wenn ja, warum hat das BMFSFJ seine Meinung dahin gehend geändert, dass hier nun doch Anpassungsbedarf besteht (vgl. Antwort zu Frage 3 der Kleinen Anfrage auf Bundestagsdrucksache 19/14582)?
Wie, und mit welchem Zeitplan gedenkt das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, die Ergebnisse der 2019 durchgeführten Hearings und Werkstätten mit Jugendlichen des Formats „u_count“ in die Weiterentwicklung der Freiwilligendienste einzuspeisen (vgl. u. a. Antwort auf die Schriftliche Frage 102 der Abgeordneten Dr. Anna Christmann auf Bundestagsdrucksache 19/11515)?
Welche Kenntnisse hat die Bundesregierung über neue digitale Austauschformate oder digitale Vorhaben in und durch Freiwilligendienste sowohl für das Inland als auch für das Ausland?
Bietet das Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben derzeit digitale Bildungstage in seinen Bildungszentren für Bundesfreiwilligendienstleistende an oder plant es, dies für den kommenden Jahrgang 2020/2021 zu tun, oder bekommen die Träger eine Unterstützung für anfallende Kosten durch die Digitalisierung der Freiwilligendienste?
Werden beispielsweise (Fort-)Bildungsmaßnahmen für Rückkehrerinnen und Rückkehrer aus einem internationalen Freiwilligendienst auf digitalem Wege ermöglicht?
Kann sich das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend vorstellen, für die Digitalisierung der Freiwilligendienste zusätzliches Budget zur Verfügung zu stellen – insbesondere, wenn ggf. im kommenden Jahrgang weniger Dienstleistende einen Dienst antreten und damit Haushaltsreste im Einzelplan 17 anfallen könnten?