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Kleine AnfrageWahlperiode 19Beantwortet

Schadstoffe in Lebensmitteln bei sensiblen Verbrauchergruppen wie Kindern

(insgesamt 18 Einzelfragen)

Fraktion

BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

Ressort

Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft

Datum

05.08.2021

Antwortdauer

41 Tage

Aktualisiert

26.07.2022

Deutscher BundestagDrucksache 19/3120525.06.2021

Schadstoffe in Lebensmitteln bei sensiblen Verbrauchergruppen wie Kindern

der Abgeordneten Renate Künast, Dr. Bettina Hoffmann, Harald Ebner, Oliver Krischer, Friedrich Ostendorff, Markus Tressel und der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

Vorbemerkung

Verbraucherinnen und Verbraucher und besonders sensible Verbrauchergruppen wie zum Beispiel Kinder müssen sich darauf verlassen können, dass Lebensmittel sicher und nicht gesundheitsbelastend sind, vor allem was die Schadstoffbelastung anbelangt. Ebenso dürfen von Lebensmittelverpackungen sowie anderen Materialien oder Produkten, die dazu bestimmt sind, mit Lebensmitteln in Berührung zu kommen („Lebensmittelkontaktmaterialien“), keine Gesundheitsgefahren ausgehen. Gesundheitsgefährdende Stoffe werden daher in Lebensmitteln, aber auch in Lebensmittelkontaktmaterialien reguliert – durch Zulassungsverfahren, Regelungen zum Einsatz, der Festsetzung von Höchstmengen bis hin zu Verboten. Es bestehen nach Ansicht der Fragestellerinnen und Fragesteller Zweifel, inwiefern diese Regulierungen bisher ausreichend sind, insbesondere hinsichtlich besonders empfindlicher Verbrauchergruppen wie zum Beispiel Kindern.

Unerwünschte Stoffe können auf verschiedenen Wegen in unsere Lebensmittel gelangen. Als Rückstände aus der landwirtschaftlichen Produktion (z. B. Pflanzenschutzmittel und Tiermedikamente) oder Verunreinigungen aus der Umwelt (z. B. Schwermetalle), als Folge der Verarbeitung oder Zubereitung (z. B. Acrylamid bei Überhitzung von stärkehaltigen Lebensmitteln) oder durch falsche Lagerung wie etwa die von manchen Schimmelpilzen gebildeten Aflatoxine. Ebenso können Stoffe aus Produktionsanlagen, Verpackungsmaterialien, Reinigungs- und Desinfektionsmitteln (z. B. Weichmacher im Plastik) übergehen in Lebensmittel.

So werden auch immer wieder in Lebensmittelkontrollen und Untersuchungen Schadstoffe und Rückstände nachgewiesen wie z. B. Pflanzenschutzmittel in Obst, Gemüse oder Tees. Auch Stoffe, die aus Verpackungen in Lebensmittel übergehen, werden in Lebensmitteln gefunden, beispielsweise Mineralöle oder Weichmacher.

Bei Pestiziden in Obst und Gemüse handelt es sich meist um Rückstände von Fungiziden (Antipilzmitteln), die z. B. in Obstsorten nachgewiesen werden. Verschiedene Pestizide stehen unter Verdacht, an der Entstehung von Krebserkrankungen und neurologischen Störungen wie Parkinson oder Alzheimer beteiligt zu sein. Außerdem gelten sie wegen ihrer hormonartigen Wirkungen im menschlichen Körper als mitverantwortlich für Fruchtbarkeitsprobleme.

In der Massentierhaltung werden vermehrt Tierarzneimittel wie Antibiotika, Beta-Blocker oder Beruhigungsmittel eingesetzt, sowohl bei Schweinen, Rindern und Hühnern als auch in Aquakulturen der Lachs- oder Forellenzucht. Sie können vor allem zu Allergien oder Antibiotikaresistenzen bei Menschen führen.

Aus Verpackungen, Coffee-to-go-Bechern, Kunststoffgeschirr oder Trinkflaschen können gesundheitsschädliche Stoffe wie Mineralöle, Weichmacher, Melamin oder Formaldehyd in Lebensmittel gelangen. In welchem Ausmaß diese Inhaltsstoffe von der Verpackung ins Lebensmittel übergehen, hängt von Faktoren wie der Lagerdauer, Lagertemperatur und den Lebensmitteleigenschaften ab.

So gelangen beispielsweise Mineralöle häufig über die Verpackung, insbesondere durch mit mineralölhaltigen Druckfarben belastete Papier- und Kartonverpackungen, in Lebensmittel. Gesundheitlich bedenklich sind vor allem die in Mineralölen vorkommenden gesättigten Kohlenwasserstoffe (MOSH), die sich im Körper anreichern können, und aromatischen Kohlenwasserstoffe (MOAH), zu deren Bestandteilen auch krebserzeugende Substanzen gehören können.

Wegen ihrer hormonellen Wirkungen sind vor allem Weichmacher aus der Gruppe der Phthalate bedenklich, die bei der Herstellung von Kunststoffen eingesetzt werden, auch in Lebensmittelverpackungen enthalten sind und in Lebensmittel übergehen können. Auch wird beispielsweise der Ausgangsstoff für Polycarbonatkunststoffe Bisphenol A (BPA) für Beschichtungen von Konservendosen oder in Getränke- und Gefrierbehältern eingesetzt. Vor allem beim Erhitzen von BPA-haltigen Plastikbehältern in der Mikrowelle kann Bisphenol A in die Nahrung übertreten. Bisphenol A zählt zu den hormonellen Schadstoffen, die schon in winzigen Mengen in unseren Hormonhaushalt eingreifen und u. a. zu Unfruchtbarkeit führen können. Brust- und Prostatakrebs, Herzerkrankungen, Diabetes, Insulinresistenz werden ebenfalls damit in Verbindung gebracht. Studien zeigen, dass BPA insbesondere die Gesundheit von Kindern gefährdet. Da der Schadstoff die Reifung des Gehirns von Ungeborenen und Babys dauerhaft schädigen kann, wurde er im Jahr 2011 zumindest in Babyflaschen verboten. Mittlerweile ist sein Einsatz auch in Thermopapieren, die als Kassenbon genutzt werden, stark eingeschränkt. In Beschichtungen von Konservendosen und Getränkeflaschen ist BPA aber weiterhin erlaubt (vgl. Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage auf Bundestagsdrucksache 19/9499).

Das Human-Biomonitoring, das vom Umweltbundesamt (Human-Biomonitoring Umweltbundesamt) durchgeführt wird, stellte eine Belastung fast aller Kinder und Jugendlichen mit Abbauprodukten von Phthalat-Weichmachern fest, wie sie in Lebensmittelverpackungen verwendet werden. Dabei wurden auch Mengen nachgewiesen, die potentiell gesundheitsschädlich sind (vgl. Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage auf Bundestagsdrucksache 19/12574). Die höchste Belastung zeigten die kleinsten Kinder. Viele dieser Stoffe sind fortpflanzungsgefährdend und stören die Entwicklung des Gehirns. Das zeigt nach Ansicht der Fragestellerinnen und Fragesteller, dass die aktuellen gesetzlichen Regelungen für Lebensmittelkontaktmaterialien nicht ausreichend sind, um insbesondere die besonders sensiblen Verbrauchergruppen wie Kinder vor gesundheitsschädigenden Stoffen zu schützen.

Wir fragen daher die Bundesregierung:

Fragen18

1

Welche Forschungsergebnisse sind der Bundesregierung bekannt, die die Belastung von Kindern und ihre Empfindlichkeit gegenüber Schadstoffen wie z. B. Pestiziden, Phthalat-Weichmachern, Mineralölen, Bisphenol A etc. in Lebensmitteln im Unterschied zu Erwachsenen analysieren und beurteilen, und welche Konsequenzen zieht sie daraus?

2

Welche Forschungsergebnisse liegen der Bundesregierung vor, die die Wirkung von sogenannten Schadstoffcocktails in Lebensmitteln z. B. von Pestiziden und Schadstoffen, die durch Migration aus Lebensmittelkontaktmaterialien auf Lebensmittel übergehen und die Langzeiteffekte von solchen Schadstoffen für besonders sensible Verbrauchergruppen wie Kinder berücksichtigen, und welche Konsequenzen zieht die Bundesregierung daraus?

3

Inwiefern und mit welchen Maßnahmen hat die Bundesregierung in den letzten vier Jahren die Forschung hinsichtlich der in Frage 1 genannten Pestiziden und weiteren Schadstoffen in Lebensmitteln (besonders im Hinblick auf die Wirkung auf Kinder) ausgebaut?

4

Welche Stoffe in Lebensmitteln für Babys, bzw. die regelmäßig von Kleinkindern konsumiert werden, will die Bundesregierung verhindern, und um welche Lebensmittel geht es dabei vor allem?

5

Welche Maßnahmen auf nationaler sowie auf europäischer Ebene müssen angesichts der Ergebnisse des Human-Biomonitorings des Umweltbundesamts aus Sicht der Bundesregierung ergriffen werden, um im Sinne eines vorsorgenden Verbraucherschutzes etwaige Belastungen wie hormonell wirksame Stoffe, Pestizide und andere Schadstoffe in Lebensmitteln unter der Berücksichtigung von besonders vulnerablen Gruppen wie Kindern zu minimieren?

6

Sieht die Bundesregierung Handlungsbedarf hinsichtlich strengerer Grenzwerte oder Verbote von bestimmten Rückständen potentiell gesundheitsschädigender Stoffgruppen wie zum Beispiel Pestizide für Lebensmittel? Falls ja, welche Maßnahmen plant die Bundesregierung?

7

Welche Forschungen bzw. Untersuchungen werden und wurden im Rahmen der Zulassungsverfahren, der Lebensmittelüberwachung, der Ressortforschung oder durch extern vergebene Studien durchgeführt, um entsprechend dem Ernährungsverhalten von Kindern speziell die Belastung mit Pestizid-Rückständen, Acrylaten und hormonschädigenden Schadstoffen wie Phthalat-Weichmachern, Bisphenol A zu untersuchen? Falls bereits Untersuchungen durchgeführt wurden, wie sind deren Ergebnisse, und welche Rückschlüsse werden daraus gezogen bzw. konkreten Maßnahmen daraus abgeleitet?

8

Wird im Rahmen der Lebensmittelkontrollen analysiert, welche Rolle Lebensmittel, die immer wieder durch Rückstandsbelastungen mit Pestiziden, Acrylamid auffallen, in der Ernährung von Kindern spielen, und falls ja, wie sind die Ergebnisse?

9

Sind der Bundesregierung weitere Untersuchungen bekannt, die speziell solche Lebensmittel, die vermehrt von Kindern oder speziell für die Zielgruppe Kinder vermarktet werden, hinsichtlich ihrer Belastung mit Rückständen, Schadstoffen und sonstigen gesundheitsrelevanten Stoffen analysieren?

10

Welches sind die Lebensmittel, bei denen die höchsten Belastungen mit Pestizidrückständen oder Schadstoffen wie Phthalat-Weichmachern, BPA gefunden wurden, und welche Rolle spielen diese nach Kenntnis der Bundesregierung im Ernährungsverhalten von Kindern?

11

Wie hoch ist der prozentuale Anteil von in Deutschland verkauften Lebensmitteln für Babys und Kleinkinder, die nach Kenntnis der Bundesregierung Pestizidrückstände oder andere Schadstoffe wie Phthalat-Weichmacher, BPA, Mineralöle enthalten, und wie hoch ist der prozentuale Anteil der Lebensmittel, bei dem die Schadstoffhöchstwerte überschritten wurden (bitte die letzten vier Jahre aufführen)?

12

Werden bei Baby- und Kleinkindernahrungsmitteln die geltenden Grenzwerte für Schadstoffe und Pestizide etc. in Lebensmitteln immer eingehalten? Wie ist die Lage insbesondere bei Fertignahrungsmitteln bzw. Babyfertignahrungsmitteln mit Spinat, Möhren und Kartoffeln?

13

Welche Schadstoffe wurden nach Kenntnis der Bundesregierung in den letzten vier Jahren besonders häufig in Lebensmitteln für Babys und Kleinkinder gefunden und in welchen Konzentrationen?

14

Sind die gesetzlichen Grenzwerte für hormonschädigende Schadstoffe und Pestizide in Lebensmitteln und Lebensmittelkontaktmaterialien aus Sicht der Bundesregierung auch für besonders sensible Verbrauchergruppen wie Kinder ausreichend?

15

Falls nein, welche (vor allem nationale) Maßnahmen hat die Bundesregierung bisher ergriffen, und welche will sie noch umsetzen?

16

Wie hat sich im Durchschnitt die Anzahl der als Rückstände gefundenen Pestizide in den letzten zehn Jahren entwickelt (bitte jeweils die durchschnittliche Anzahl der gefundenen Pestizide und die gefundenen Mengen angeben)? In wie vielen Fällen wurden dabei die Grenzwerte bzw. zulässige Höchstmengen überschritten?

17

Was sind nach Kenntnis der Bundesregierung die höchsten Zahlen an Pestiziden, die in den vergangenen zehn Jahren als Rückstände auf in Deutschland verkauften Lebensmitteln gefunden wurden (bitte mindestens zehn Zahlen nennen, nach Produktgruppe sowie der gefundenen Pestizide aufschlüsseln)?

18

Inwiefern muss aus Sicht der Bundesregierung die Überwachung innerhalb der Bundesländer verbessert und sichergestellt werden, dass gesundheitsschädliche oder belastete Produkte vom Markt genommen werden?

Berlin, den 8. Juni 2021

Katrin Göring-Eckardt, Dr. Anton Hofreiter und Fraktion

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