Zukunft des Wintertourismus in Deutschland
der Abgeordneten Stefan Schmidt, Matthias Gastel, Victoria Broßart, Denise Loop, Harald Ebner, Tina Winklmann, Dr. Ophelia Nick, Sandra Stein, Julian Joswig und der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Vorbemerkung
Die Auswirkungen der menschengemachten Klimakrise werden zunehmend auch in den deutschen Mittelgebirgen und den Alpenregionen spürbar. Dies zeigt sich vor allem durch erhöhte Temperaturen und ausbleibenden Schneefall. In vielen dieser Regionen gerät durch die fehlende Schneesicherheit der Wintertourismus unter Druck. Der Tourismus hat sich vielerorts trotz seiner umwelt- und klimapolitischen Auswirkungen in den letzten Jahrzehnten zu einem wichtigen Wirtschaftszweig entwickelt und neue Arbeitsplätze und Investitionen in die ländlichen Regionen gebracht (vgl. www.deutschlandfunkkultur.de/wintersport-skifahren-klimawandel-schneemangel-alpen-mittelgebirge-100.html). Um eine intakte Natur und Umwelt zu bewahren bzw. wiederherzustellen, aber auch die positiven ökonomischen Effekte langfristig zu sichern, muss sich das touristische Angebot in diesen Regionen an die veränderten klimatischen Bedingungen anpassen. In vielen Fällen bedeutet dies einen grundlegenden Wandel vom traditionellen Skitourismus hin zu einem klimaresilienteren Ganzjahrestourismus, der auf klimafreundliche Mobilität und nachhaltige Geschäftsmodelle setzt (vgl. www.tagesschau.de/inland/gesellschaft/wintersport-ohne-schnee-101.html). Da sich die Bundesregierung in ihrem Koalitionsvertrag die Erarbeitung einer neue Nationalen Tourismusstrategie zum Ziel gesetzt hat, die sowohl wirtschaftliche als auch nachhaltige Aspekte in den Blick nimmt, müsste sie die betroffenen Regionen bei diesem Wandel mit geeigneten Maßnahmen unterstützen. Bisher ist allerdings unklar, welche Maßnahmen die Bundesregierung nach einem Dreivierteljahr im Amt diesbezüglich plant.
Wir fragen die Bundesregierung:
Fragen39
Wie beurteilt die Bundesregierung die Zukunft des Winter- und Skitourismus in den deutschen Alpen- und Mittelgebirgsregionen vor dem Hintergrund der menschenmachten Klimakrise und der damit verbundenen abnehmenden Schneesicherheit (vgl. www.umweltbundesamt.de/monitoring-zur-das/handlungsfelder/tourismuswirtschaft/tou-i-2/indikator)?
Wie bewertet die Bundesregierung die Auswirkungen der Klimakrise und der wintertouristischen Nutzung auf die Biodiversität spezifischer Lebensräume und Artengruppen in den deutschen Alpen- und Mittelgebirgsregionen?
Welche Auswirkungen haben die veränderten Temperatur- und Schneebedingungen nach Kenntnis der Bundesregierung auf die betroffenen Unternehmen, die Arbeitsplätze und die Wertschöpfung in den Regionen?
Inwiefern unterstützt die Bundesregierung Klimaanpassungsstrategien und -maßnahmen in den deutschen Alpen- und Mittelgebirgsregionen, insbesondere in den Skigebieten, aktiv, und wenn ja, in welcher Form?
Inwiefern sind der Bundesregierung Klimaanpassungsstrategien und -maßnahmen in den deutschen Alpen- und Mittelgebirgsregionen bekannt, die von der Europäischen Union gefördert werden?
Mit welchen zusätzlichen Maßnahmen wird die Bundesregierung die Wintersportregionen im Wandel hin zu einem Ganzjahrestourismus unterstützen, um ihre Wettbewerbsfähigkeit zu erhalten und welche Schutz- bzw. Anpassungsmaßnahmen werden zur Erhaltung der biologischen Vielfalt in diesen Gebieten ergriffen oder geplant?
a) In welchem Zusammenhang stehen die anvisierten Maßnahmen mit der geplanten Erarbeitung einer neuen Nationalen Tourismusstrategie?
b) Mit welchem Zeitplan sollen die Maßnahmen umgesetzt werden?
c) Wie plant die Bundesregierung, hier mit den für den Tourismus zuständigen Ländern zusammenzuarbeiten und diese zu unterstützen?
d) Sollten keinerlei Maßnahmen diesbezüglich angestrebt werden, aus welchen Gründen nicht, und welchen anderen Themen widmet sich die Bundesregierung innerhalb ihrer tourismuspolitischen Agenda, welche die Vereinbarkeit von Wirtschaftlichkeit und Nachhaltigkeit zum Ziel hat?
Plant die Bundesregierung ein bundesweites Monitoringsystem zur Evaluation und Beobachtung der Klimafolgen im Tourismus, insbesondere in Gebirgsregionen, und wenn nein, aus welchen Gründen nicht?
Welchen Stellenwert wird der Wintertourismus grundsätzlich in der neuen Nationalen Tourismusstrategie des Bundes einnehmen?
Wie hat sich nach Kenntnis der Bundesregierung die Durchschnittstemperatur in den Wintermonaten in den vergangenen 20 Jahren in Deutschland entwickelt? (bitte in Grad Celsius angeben und nach Jahren aufschlüsseln)?
Wie haben sich nach Kenntnis der Bundesregierung die Durchschnittstemperaturen in den deutschen Mittelgebirgen mit alpinem Wintersportbetrieb (Schwarzwald, Schwäbische Alb, Harz, Erzgebirge, Fichtelgebirge, Bayerischer Wald, Sauerland, Vogelsberg, Rhön, Thüringer Wald) in den vergangenen 20 Jahren entwickelt (bitte in Grad Celsius und nach Region aufschlüsseln)?
Wie hat sich nach Kenntnis der Bundesregierung die Null-Grad-Grenze in den vergangenen 20 Jahren verschoben (bitte in Metern und nach Jahren aufschlüsseln)?
Wie hat sich nach Kenntnis der Bundesregierung die mittlere Schneegrenze in den deutschen Alpen- und Mittelgebirgsregionen in den vergangenen 20 Jahren entwickelt (bitte in Metern angeben und nach Jahren aufschlüsseln)?
Wie haben sich nach Kenntnis der Bundesregierung die alpinen Gletscher und Dauerfrostböden in den letzten 20 Jahren entwickelt, und worin liegt nach Ansicht der Bundesregierung die Ursache für diese Entwicklung?
Wie hat sich nach Kenntnis der Bundesregierung die Zahl der Überschwemmungen, Muren und Lawinen in den deutschen Alpen- und Mittelgebirgsregionen in den letzten 20 Jahren entwickelt (bitte nach Jahren aufschlüsseln)?
a) Welche Schäden und wie viele Kosten wurden in den letzten 20 Jahren durch diese Ereignisse verursacht?
b) Wie hat sich die Zahl der Muren- und Lawinenopfer in dieser Zeit entwickelt (bitte nach Jahren und Orten aufschlüsseln)?
Wie hat sich nach Kenntnis der Bundesregierung die natürliche Schneesicherheit in den deutschen Alpen- und Mittelgebirgsregionen in den vergangenen 20 Jahren entwickelt (bitte nach Skigebieten und nach Jahren aufschlüsseln)?
Inwieweit verändern sich die Schneesicherheit sowie auch die durchschnittlichen Schneehöhen nach Kenntnis der Bundesregierung in den Skigebieten der deutschen Alpen- und Mittelgebirgsregionen bei einem Anstieg der Mitteltemperatur um 2 Grad Celsius gegenüber dem vorindustriellen Niveau bzw. bei einem noch stärkeren Anstieg der Mitteltemperatur?
Wie haben sich nach Kenntnis der Bundesregierung die Anzahl und die Flächen der deutschen Skigebiete in den letzten 20 Jahren entwickelt, und ist ein Trend zu einer Verschiebung in höhere Lagen zu beobachten (bitte nach Jahren aufschlüsseln)?
In welchen Skigebieten wurden nach Kenntnis der Bundesregierung die sogenannte 100-Tage-Regel und die Weihnachtsregel in den vergangenen 20 Jahren nicht eingehalten (bitte nach Jahren und Skigebieten aufschlüsseln)?
In welchen Skigebieten gab es nach Kenntnis der Bundesregierung in den vergangenen 20 Jahren im Dezember ausreichend Schnee für den Skibetrieb, und wie ist die Prognose der Bundesregierung für die kommenden 20 Jahre (bitte nach Skigebieten und Jahren aufschlüsseln)?
Welche Kenntnisse liegen der Bundesregierung über die Auswirkungen der Klimakrise auf den Wintersportstandort Deutschland vor, und sind Maßnahmen geplant, um den Wintersporttourismus im Hinblick auf zunehmende Wetterextreme, höhere Temperaturen und Schneemangel langfristig abzusichern?
Beabsichtigt die Bundesregierung, den Wintersporttourismus auszubauen und entsprechende Infrastruktur und Veranstaltungen künftig stärker zu unterstützen, z. B. im Bereich neuer oder wachsender Disziplinen wie Skimo (Skimountaineering) (z. B. Olympische Winterspiele 2026), Snowvolleyball (z. B. Makkabi Winter Games 2023) oder Schneeschuhwandern?
Wie haben sich die Übernachtungszahlen und die Zahl der Ankünfte nach Kenntnis der Bundesregierung in den deutschen Alpen- und Mittelgebirgsregionen jeweils in den Monaten November bis März in den letzten 20 Jahren entwickelt?
a) Welche Ursachen haben diese Entwicklungen nach Kenntnis der Bundesregierung?
b) Inwieweit sieht die Bundesregierung einen Zusammenhang mit der Veränderung der mittleren Temperaturen in den Wintermonaten?
c) In welchem Verhältnis stehen die Besucherzahlen in der Wintersaison zu den Besucherzahlen in der Sommersaison der letzten fünf Jahre?
Wie bewertet die Bundesregierung die Auswirkungen des Ferien- und Zweitwohnungsmarktes auf die Wohnraumsituation in Mittelgebirgs- und Alpenregionen, und welche Möglichkeiten sieht sie, um bezahlbaren Wohnraum für die einheimische Bevölkerung zu sichern und Fehlentwicklungen entgegenzuwirken?
Wie haben sich nach Kenntnis der Bundesregierung Zahl und Fläche der Schutzgebiete in den deutschen Alpen- und Mittelgebirgsregionen in den letzten 20 Jahren entwickelt (bitte Schutzgebietskategorien, nach Jahren und Bundesländern bzw. Regionen aufschlüsseln)?
Welche Chancen sieht die Bundesregierung für den Erhalt und die Wiederherstellung regional typischer Flora und Fauna durch alternative Arten des Wintertourismus?
Sind der Bundesregierung Vorhaben zur Renaturierung sowie zur Neunutzung stillgelegter Skipisten bekannt, und wenn ja, mit welchem Ergebnis?
Welche alternativen Arten des Wintertourismus (z. B. Wander-, Natur- und Wellnesstourismus) wurden nach Kenntnis der Bundesregierung in den vergangenen 20 Jahren mit öffentlichen Geldern gefördert (bitte nach Alternativen und Finanzvolumen aufschlüsseln)?
Inwieweit tauschen sich Bund, Länder und Kommunen über Best-Practice-Beispiele für einen nachhaltigen Ganzjahrestourismus in Wintersportdestinationen aus (z. B. durch Netzwerke, Modellregionen oder Förderprogramme)?
Inwieweit unterstützt die Bundesregierung bereits den sanften und nachhaltigen Ganzjahrestourismus in den Alpen- und Mittelgebirgsregionen, und wie haben sich die vom Bund zur Verfügung gestellten Fördergelder in den letzten 20 Jahren entwickelt?
Wie haben sich nach Kenntnis der Bundesregierung die öffentlichen Ausgaben für Investitions-, Betriebs- und Unterhaltungskosten für Skiinfrastruktur und Beschneiungsanlagen in den vergangenen 20 Jahren entwickelt?
a) Wie hat sich nach Kenntnis der Bundesregierung insbesondere die Anzahl der Speicherbecken in Skigebieten in den letzten 20 Jahren entwickelt?
b) Wie hat sich nach Kenntnis der Bundesregierung die Anzahl der Skigebiete, die mit eigenen Speicherbecken arbeiten, in den letzten 20 Jahren entwickelt?
Welche Erkenntnisse und Daten hat die Bundesregierung bezüglich der aktuellen und möglichen künftigen Auswirkungen der künstlichen Beschneiung auf Energiebedarf, lokale Wasserhaushalte, Ökosysteme und Grundwasserspiegel in den betroffenen Regionen?
Welche Erkenntnisse und Daten liegen der Bundesregierung zum Strom- und Wasserverbrauch für künstliche Beschneiung vor, und wie hoch ist der Anteil des Stroms aus erneuerbaren Energien?
Inwieweit erfolgt nach Kenntnis der Bundesregierung eine Kontrolle der künstlichen Beschneiung in der Praxis, insbesondere im Hinblick auf ihre Vereinbarkeit mit den Zielen der Alpenkonvention?
Beabsichtigt die Bundesregierung, das Thema Wasserknappheit (im Zusammenhang mit Wintertourismus) im Rahmen der gemeinsamen Weiterentwicklung der Nationalen Wasserstrategie mit den Ländern zu berücksichtigen, und wenn nein, aus welchen Gründen nicht (www.koalitionsvertrag2025.de/sites/www.koalitionsvertrag2025.de/files/koav_2025.pdf)?
Inwieweit unterstützt die Bundesregierung Maßnahmen zur Verbesserung der Erreichbarkeit von touristischen Destinationen in Mittelgebirgen und Alpenregionen (z. B. Garmisch-Partenkirchen oder Wernigerode) durch den öffentlichen Personennahverkehr oder den Fernverkehr mit finanziellen Mitteln z. B. aus dem Sondervermögen „Infrastruktur und Klimaschutz“ (SVIK)?
Welche bundespolitischen Maßnahmen sind geplant, um den Anteil klimafreundlicher Verkehrsmittel in den Wintertourismusdestinationen zu erhöhen?
Wie haben sich die saisonalen Verkehrsströme (Anreise- und Binnenverkehre) zu den deutschen Alpen- und Mittelgebirgsregionen in den letzten 20 Jahren verändert (bitte nach Verkehrsträgern und Regionen aufschlüsseln)?
Welche Maßnahmen ergreift oder plant die Bundesregierung, um bis 2035 die Treibhausgasemissionen aus dem Anreiseverkehr zu touristischen Destinationen in den Alpen- und Mittelgebirgsregionen zu senken und die Verkehrsinfrastruktur dieser Regionen an die Folgen der Klimakrise anzupassen?
Welche Auswirkungen haben klimakrisenbedingte Veränderungen wie geringere Schneesicherheit und häufiger auftretende Extremwetterereignisse (z. B. Starkregen, Muren, Hangrutschungen) auf die Verkehrswege und die Mobilität innerhalb der deutschen Wintertourismusregionen, und welche Maßnahmen werden zur Sicherung der Verkehrssicherheit und Erreichbarkeit dieser Regionen umgesetzt?