Sicherung der Resilienz und Unabhängigkeit von US-amerikanischen Datenbanken für die medizinische Forschung in Deutschland und Europa
der Abgeordneten Dr. Andrea Lübcke, Dr. Janosch Dahmen, Ayse Asar, Claudia Müller, Dr. Anja Reinalter, Jeanne Dillschneider, Rebecca Lenhard, Dr. Konstantin von Notz und der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Vorbemerkung
Die medizinische Literaturrecherche in Deutschland basiert bisher in weiten Teilen auf frei zugänglichen Informationsangeboten aus den USA. Aufgrund finanzieller und personeller Kürzungen in der US-amerikanischen Wissenschaftspolitik besteht die Gefahr, dass bislang frei verfügbare Informationsressourcen künftig nicht mehr kostenlos zugänglich, nur erratisch erreichbar oder gänzlich eingestellt werden könnten.
Beispielhaft kam es im März 2025 zu einem mehrstündigen Ausfall der von der US-amerikanischen National Library of Medicine betriebenen Datenbank PubMed. Diese zählt in Deutschland gemeinsam mit der Plattform ClinicalTrials.gov zu den wichtigsten Informationsquellen der evidenzbasierten Medizin (www.cochrane.de/news/plan-b-fuer-die-informationsbeschaffung-ohne-pubmed-und-clinicaltrialsgov). Vergleichbare frei verfügbare Plattformen auf deutscher oder europäischer Ebene existieren bislang nicht.
Angesichts einer volatilen US-Wissenschafts- und Haushaltspolitik ist davon auszugehen, dass sich Ausfälle oder mittelfristige Funktionseinschränkungen mehren könnten. Damit verbunden wären potenziell weitreichende Auswirkungen auf die Gesundheitsforschung in Deutschland und Europa.
Deutsche Institutionen wie das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) und der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) warnten bereits vor der hohen Abhängigkeit von US-amerikanischen Datenbanken und den damit verbundenen Risiken (www.iqwig.de/presse/pressemitteilungen/pressemitteilungen-detailseite_155392.html). Auch die Deutsche Zentralbibliothek für Medizin (ZB MED) betont die Notwendigkeit einer europäischen, ausfallsicheren Alternative zu PubMed. Mit dem Projekt „OLSPub“ entwickelt sie derzeit eine offene Datenbank, die eine resiliente Alternative zu US-basierten Diensten schaffen soll. Ziel ist es, europäische Forschung unabhängiger gegenüber ausländischen Wissenschaftsquellen zu machen (www.zbmed.de/forschen/laufende-projekte/olspub).
Wer technologische Unabhängigkeit mit Offenheit, Transparenz und Nachhaltigkeit verbindet, stärkt die Innovationskraft der Forschung und schützt gleichzeitig Grundrechte. Europäische Forschungsinitiativen müssen gezielt gefördert werden, um technologische Exzellenz und Unabhängigkeit zu sichern. Dies erfordert entschlossenes politisches Handeln und eine stärkere Zusammenarbeit von Forschungseinrichtungen, Hochschulen und der Industrie.
Vor diesem Hintergrund stellen sich Fragen nach den Konsequenzen für die deutsche Forschungslandschaft und nach möglichen Strategien der Bundesregierung, um resilientere, unabhängige und europäisch eingebettete Alternativen zu fördern.
Wir knüpfen dabei an die Kleine Anfrage auf Bundestagsdrucksache 21/363 an und fragen die Bundesregierung:
Fragen15
Wie schätzt die Bundesregierung die Risiken ein, die sich aus der unsicheren Finanzierung und den politischen Prioritäten der US-Wissenschaftspolitik für die Verfügbarkeit und Verlässlichkeit zentraler medizinischer Rechercheinfrastrukturen (z. B. PubMed, ClinicalTrials.gov) in Deutschland ergeben?
Welche Informationen liegen der Bundesregierung über die aktuelle und zukünftige Finanzierung von PubMed und ClinicalTrials.gov durch die US-Regierung vor?
Findet ein strukturierter Austausch mit US-Behörden (z. B. National Institutes of Health, National Library of Medicine) statt, um frühzeitig über Änderungen in der Finanzierung oder Struktur von PubMed oder ClinicalTrials.gov informiert zu werden, und wenn ja, in welchem Rahmen, und mit welchen Informationspflichten (z. B. zu technischen Ausfällen oder Finanzierungsentscheidungen)?
Plant die Bundesregierung ein Monitoringsystem, um Risiken durch US-amerikanische Finanzierungsentscheidungen systematisch zu erfassen, deren Auswirkungen auf deutsche Forschungseinrichtungen zu bewerten und daraus rechtzeitig konkrete Gegenmaßnahmen abzuleiten?
Welche Erkenntnisse liegen der Bundesregierung zum Ausfall von PubMed im März 2025 vor (Ursache, Dauer, Auswirkungen), und welche Maßnahmen wurden ergriffen, um die Informationsversorgung deutscher Forschungseinrichtungen während des Ausfalls sicherzustellen?
Welche Maßnahmen hat die Bundesregierung seit März 2025 ergriffen, um die Abhängigkeit von US-amerikanischen Datenbanken zu reduzieren und die Souveränität der deutschen Forschungsinfrastruktur zu stärken, und wie bewertet sie deren Wirksamkeit?
Welche kurzfristigen Fördermaßnahmen (einschließlich Projektförderung oder Pilotinitiativen) sieht die Bundesregierung vor, um offene, verlässliche Datenbanken aus Deutschland oder der EU zu stärken und Ausfälle internationaler Datenbanken abzufedern?
Inwiefern werden bei geplanten kurzfristigen Fördermaßnahmen der Bundesregierung Aspekte der digitalen Souveränität und Open-Source-Infrastruktur besonders mitbedacht?
Welche konkreten Förderinstrumente oder Haushaltsmittel sind von der Bundesregierung im Haushalt 2025 und 2026 für den Aufbau, die Verstetigung und die Sicherung nationaler oder europäischer Datenbankstrukturen vorgesehen (bitte jeweils mit Verpflichtungsermächtigungen auflisten)?
Welche Vorkehrungen bestehen im Rahmen der Cybersicherheitsstrategie des Bundes für Forschungseinrichtungen, um Ausfälle oder Angriffe auf zentrale wissenschaftliche Datenbanken zu verhindern, Schäden zu minimieren und gerade den Schutz sensibler Daten angemessen zu gewährleisten, insbesondere im Hinblick auf medizinische und gesundheitswissenschaftliche Datenbanken?
Inwiefern unterstützt die Bundesregierung das Projekt OLSPub der ZB MED finanziell oder organisatorisch oder plant, dies künftig zu tun?
Plant die Bundesregierung, OLSPub in europäische Forschungsinfrastrukturen einzubinden (z. B. European Open Science Cloud (EOSC))?
In welcher Form (finanziell, personell, politisch) beteiligt sich die Bundesregierung an der Weiterentwicklung und Förderung von Europe PMC (PubMed Central), CTIS (Clinical Trials Information System) und anderen offenen, europäischen Infrastrukturen?
Plant die Bundesregierung, auf europäischer Ebene den Aufbau einer gemeinsamen, offenen Forschungsinfrastruktur (z. B. einer europäischen Metadatenbank analog zu PubMed Central) anzuregen oder zu fördern, und welche Schritte wurden dazu bereits unternommen bzw. sind geplant?
Liegen der Bundesregierung Informationen über die angekündigte Umstellung von „Latest Literature“ zu „PubMed Updates“ vor, und welche Auswirkungen dieser Umstellung erwartet die Bundesregierung auf die Nutzbarkeit für deutsche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler?