Chronischer Botulismus
der Abgeordneten Friedrich Ostendorff, Cornelia Behm, Harald Ebner, Bärbel Höhn, Undine Kurth (Quedlinburg), Nicole Maisch, Markus Tressel und der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Vorbemerkung
Seit Mitte der 90er-Jahre wird chronischer Botulismus als neues Krankheitsbild diskutiert. Es handelt sich dabei um ein Krankheitsbild, dessen Ursachen bisher nicht geklärt sind. Vermutet wird eine Toxiko-Infektion mit Clostridium botulinum, die bis heute nicht als bestätigt gilt. Chronischer Botulismus tritt vor allem bei Milchkühen (möglicherweise wegen längerer Nutzungsdauer) auf, aber auch bei Kälbern. Es verdichtet sich der Verdacht, dass auch bei in der Landwirtschaft beschäftigten Personen und Familienmitgliedern, in deren Tierbeständen chronischer Botulismus vorkommt, klinische Symptome ähnlich dem chronischen Botulismus auftreten können.
Während die unstrittige Form, der akute Botulismus, durch die orale Aufnahme bereits außerhalb des Körpers entstandener Botulinumtoxine zustande kommt und als Vergiftung nicht ansteckend ist, bildet sich beim chronischen Botulismus das Toxin erst im Darm der betroffenen Tiere. Lebende Botulinumkeime werden zwar im Magen/Darm von Rindern nicht selten nachgewiesen, bisher ging man jedoch davon aus, dass das dortige Milieu die Toxinbildung verhindert.
Umstritten ist, ob es das Krankheitsbild des chronischen Botulismus tatsächlich gibt und wie genau das Krankheitsbild aussieht. Von verschiedenen Seiten wird hier dringend eine Definition gefordert. Unklar ist auch, über welche Wege die Erkrankung zustande kommt.
Angesichts der immer wieder auftretenden großen Zahl verendender Tiere, zuletzt im sächsischen Vogtland, fordern Landwirte, Tierärzte und Wissenschaftler einhellig eine zügige Klärung der offenen Fragen.
Wir fragen die Bundesregierung:
I. Vorkommen und Erkrankungswege
Fragen30
Wie viele Höfe sind nach Schätzung bzw. Kenntnis der Bundesregierung bundesweit von chronischem Botulismus betroffen, und gibt es eine zentrale Erfassung der Fälle?
Welche Erkrankungswege kommen bei Tieren für den chronischen Botulismus nach Kenntnis der Bundesregierung infrage?
Wie beurteilt die Bundesregierung mögliche Gefahren durch totes oder sogar verwesendes Geflügel, das nicht umgehend aus den Ställen entfernt wird?
Wie beurteilt die Bundesregierung die Vermutung, dass Rückstände des Pflanzenschutzmittels Glyphosat, die im Futter und Kot der Tiere sowie im Körper des Tierhalters gefunden wurden, Auswirkungen auf die Darmflora von Mensch und Tier haben und damit die Erkrankung an Botulismus auslösen könnten, und welche Untersuchungen werden hier vorgenommen?
Welche Erkenntnisse gibt es zur Verbreitung von chronischem Botulismus zwischen Tieren?
Gibt es über die Vorkommen beim Rind hinaus auch bei anderen Tierarten Hinweise auf chronischen Botulismus, und wenn ja, bei welchen Tierarten, und in welchem Umfang?
Gibt es aus Sicht der Bundesregierung noch Zweifel, dass der chronische Botulismus als Krankheitsbild existiert, und welche Folgerungen zieht die Bundesregierung aus ihrer Einschätzung?
Ist geplant, die Erkrankungsfälle bei Tieren zentral zu registrieren, und wenn nein, warum nicht? Wenn ja, wie sehen diese Planungen konkret aus?
Welche Hinweise gibt es für eine Übertragung des chronischen Botulismus vom Tier auf den Menschen, und welche Wege sind hier denkbar?
Wie steht die Bundesregierung zur Aussage des Medizinprofessors Dr. Dirk Dressler, Neurologe der Medizinischen Hochschule Hannover, dass er auf einem mit Botulismus befallenen Betrieb mehrere Personen mit engem Rinderkontakt antraf, die „anamnestisch und klinisch-neurologisch eindeutige Zeichen eines chronischen Botulismus“ zeigten?
Welche Hinweise gibt es auf Erkrankungen bei in der Landwirtschaft beschäftigten Personen?
Wie viele Fälle an Erkrankungen mit Beschwerden, die für eine Vergiftung mit dem Botulinumtoxin typisch sind, sind beim Menschen bereits aufgetreten, und gibt es hierfür eine zentrale Erfassung?
Welche Maßnahmen werden ergriffen, wenn bei Menschen der Verdacht auf chronischen Botulismus diagnostiziert wird?
Welche Rolle spielen Biogasanlagen aus Sicht der Bundesregierung bei der Entstehung von chronischem Botulismus bei Tieren?
Besteht aus Sicht der Bundesregierung die Gefahr, dass Tierkadaver oder Teile davon in die Biogasanlage gelangen, sei es als versehentlich mit dem Mähgut gehäckseltes Wild oder als im Einstreu vorhandene, in Tierhaltungsanlagen verendete Tiere, und wenn ja, welche Gefahr ergibt sich hieraus mit Blick auf den chronischen Botulismus?
Wie steht die Bundesregierung zur Befürchtung, dass beim Einsatz von Risikomaterialien in der Biogasanlage die Hygienisierung von 70 Grad nicht ausreicht, um Sporen von Clostridium botulinum abzutöten?
Wie steht die Bundesregierung zu der Befürchtung, dass sich Sporen von Clostridium botulinum in Biogasanlagen nicht nur überleben, sondern sich sogar vermehren können, und welche Belege hat die Bundesregierung für ihre Auffassung?
Welche Studien sind der Bundesregierung im Zusammenhang zwischen dem Auftreten von chronischem Botulismus und dem Vorkommen von Clostridium-botulinum-Bakterien und -Sporen (nicht Clostridium perfringens) in Biogasanlagen bekannt?
Umfasst das aktuell von der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung ausgeschriebene Forschungsprojekt zu Botulismus auch die Biogas-Problematik, und wenn nein, welche anderen Forschungsvorhaben sind vorgesehen?
Wie bewertet die Bundesregierung den Einsatz von clostridienhaltigen Düngern wie Gülle und Gärresten aus Biogasanlagen im Hinblick auf eine mögliche Weiterverbreitung des Bakteriums bzw. dessen Sporen über das Futter?
Wie beurteilt die Bundesregierung in diesem Zusammenhang den Import von Gülle, insbesondere aus den Niederlanden?
Wie ausgereift sind standardisierte Nachweisverfahren für Clostridiumbotulinum-Bakterien in Biogasanlagen?
Ist es korrekt, dass Rinder aus Betrieben, in denen chronischer Botulismus vorkommt, ohne Einschränkungen an Schlachthöfe verbracht und dort geschlachtet werden dürfen? Wenn nein, welche Auflagen müssen eingehalten werden?
Aus welchem Grund dürfen Fleisch und Milch von Rinder aus Betrieben, in denen chronischer Botulismus vorkommt, regulär vermarktet werden, obwohl das Bundesinstitut für Risikobewertung in seiner Stellungnahme vom 12. August 2004 für Geflügelfleisch aus Betrieben mit Botulismus befand, dass „derartiges Geflügelfleisch nicht zum Verzehr geeignet ist“, selbst wenn nur der „begründete Verdacht auf eine Botulismusinfektion besteht“?
Welchen lebensmittelrechtlichen Unterschied gibt es zwischen den beiden oben genannten Vorkommen?
Welche Rolle spielt nach Kenntnis der Bundesregierung der Übertragungsweg über tierische Lebensmittel wie Fleisch und Milch, und welche Folgerungen zieht die Bundesregierung gegebenenfalls aus ihren Kenntnissen?
Liegen die für 2011 erwarteten Ergebnisse des Laborvergleichstests des Friedrich-Loeffler-Instituts bereits vor, und falls nein, wann sind diese zu erwarten?
Welche Forschungsvorhaben zu Clostridium botulinum bei chronischen Krankheitsverläufen sind geplant oder laufen derzeit, und wann sind Ergebnisse zu erwarten? Welche Ergebnisse liegen schon vor?
Welche Erfahrungen liegen zur Nutzung des in Südafrika mit guten Erfahrungen eingesetzten Impfstoffs vor, und in welchem Umfang wird von der Möglichkeit einer Sondergenehmigung zum Einsatz in Deutschland Gebrauch gemacht?
Gibt es Bestrebungen seitens der Bundesregierung, den Einsatz des Impfstoffs zu vereinfachen bzw. voranzutreiben?