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Kleine AnfrageWahlperiode 17Beantwortet

Europaweite Relevanz von Rissbefunden in belgischen Atomkraftwerken

Erkenntnisse zur Ursache der Materialprobleme der Reaktordruckbehälter (RDB) sowie zur Verwendung von RDBs des gleichen Herstellers in anderen europäischen Atomkraftwerken, Maßnahmen des BMU zum Ausschluss sicherheitskritischer Materialprobleme bei in Betrieb befindlichen deutschen Atomkraftwerken, Konsequenzen für bisher angewandte Prüfmethoden sowie dabei verwendeter Prüfgeräte<br /> (insgesamt 8 Einzelfragen)

Fraktion

BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

Ressort

Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit

Datum

07.11.2012

Aktualisiert

26.07.2022

Deutscher BundestagDrucksache 17/1112122. 10. 2012

Europaweite Relevanz von Rissbefunden in belgischen Atomkraftwerken

der Abgeordneten Sylvia Kotting-Uhl, Hans-Josef Fell, Bärbel Höhn, Oliver Krischer, Undine Kurth (Quedlinburg), Nicole Maisch, Dr. Hermann E. Ott, Dorothea Steiner und der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

Vorbemerkung

Im Sommer 2012 wurden bei Routineinspektionen im belgischen Atomkraftwerk (AKW) Doel 3 feine Risse im Reaktordruckbehälter (RDB) festgestellt, die auf Mängel im Stahl des Reaktordruckbehälters hindeuten. Nach Recherchen der französischen Zeitung „Le Monde“ stammten die Reaktordruckbehälter von dem niederländischen Schiffs- und Maschinenbauunternehmen Rotterdamsche Droogdok Maatschappij (RDM), vgl. Artikel „Soupçons sur les cuves de 22 réacteurs nucléaires“ vom 9. August 2012 1.

Dieses fertigte laut „Le Monde“ außer den zwei Reaktordruckbehältern für die belgischen AKW Doel 3 und Tihange 2 noch die Reaktordruckbehälter für zehn US-amerikanische AKW, ein argentinisches, zwei niederländische, zwei spanische, zwei schweizerische, zwei deutsche und ein schwedisches AKW.

Der Rissbefund war immerhin so gravierend, dass ihn die belgische Atomaufsicht als Zwischenfall der INES-Stufe 1 wertete und das betroffene AKW Doel 3 bis auf Weiteres abgeschaltet werden musste.

Laut Bericht der deutschen Zeitung „taz“ vom 10. August 2012 kann das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit (BMU) definitiv ausschließen, dass in einem der noch laufenden neun deutschen AKW der RDB-Typ verbaut ist, vgl. „taz“-Artikel „Belgien legt überraschend AKW still“.

Zunächst konnte nicht ermittelt werden, welche anderen Anlagen das Rotterdamer Maschinenbauunternehmen noch beliefert hatte, weil es laut der Auskunft der belgischen Atomaufsicht gegenüber der „taz“ seit 1996 nicht mehr existiert.

Im September dieses Jahres wurden dann auch Risse im Reaktordruckbehälter des belgischen AKW Tihange 2 festgestellt, die nach ersten Einschätzungen der belgischen Atomaufsicht Ähnlichkeiten mit den Befunden im AKW Doel 3 aufweisen, vgl. „Le Monde“-Artikel „Des défauts détectés dans un réacteur nucléaire belge de Tihange“ vom 13. September 20122.

Wir fragen die Bundesregierung:

Fragen12

1

Welche Erkenntnisse hat die Bundesregierung, und seit wann a) über diese RDB-Rissbefunde und ihre Ursachen,

www.lemonde.fr/planete/article/2012/08/09/soupcons-sur-les-cuves-de-22-reacteurs-nucleaires_1744086_3244.html.

1

b) darüber, welche anderen Reaktordruckbehälter in welchen (insbesondere europäischen) AKW von derselben Rotterdamer Firma hergestellt wurden,

1

c) darüber, ob die Ursache der Materialprobleme in den betroffenen Reaktordruckbehältern bei der Rotterdamer Firma zu verorten ist oder in einem von ihr verwendeten Ausgangsmaterial (Stahl) und damit bei dessen Hersteller,

1

d) über den/die Hersteller des Ausgangsmaterials, das die Rotterdamer Firma für die Fertigung der betroffenen Reaktordruckbehälter verwendetet hat,

1

e) darüber, in welchen europäischen AKW Reaktordruckbehälter im Einsatz sind, die zwar von anderen RDB-Herstellern stammen aber mit dem Ausgangsmaterial/Stahl desselben Herstellers wie die betroffenen belgischen Anlagen gefertigt wurden?

2

Mit welchen Verfahren und Geräten wurden die belgischen Rissbefunde nach Kenntnis der Bundesregierung festgestellt?

Seit wann werden bei jeweils welchem der neun noch im Leistungsbetrieb befindlichen deutschen AKW Messmethoden und -geräte für entsprechende Materialprüfungen verwendet, die mindestens so gut bzw. genau sind, wie die betreffenden im AKW Doel 3 in diesem Sommer?

3

Welche Schritte hat das BMU anlässlich der belgischen Befunde unternommen, um sicherzustellen, dass bei den deutschen Anlagen, insbesondere bei den neun noch im Leistungsbetrieb befindlichen AKW, derartige Materialprobleme im Reaktordruckbehälter und in anderen sicherheitskritischen, hochbeanspruchten Komponenten sicher ausgeschlossen sind?

Was waren die bisherigen Ergebnisse, welche stehen noch aus?

4

Von welchen Herstellern stammen die Reaktordruckbehälter in den neun noch im Leistungsbetrieb befindlichen deutschen AKW und von welchen Herstellern das Ausgangsmaterial/der Stahl dafür?

5

Welche Schritte hat das BMU anlässlich der belgischen Befunde unternommen, um in Erfahrung zu bringen, bei welchen noch im Leistungsbetrieb befindlichen europäischen AKW derartige Materialprobleme im Reaktordruckbehälter und in anderen sicherheitskritischen, hochbeanspruchten Komponenten

a) sicher ausgeschlossen werden können oder

b) nicht ausgeschlossen sind?

Was waren die bisherigen Ergebnisse, welche stehen noch aus?

6

Welche Erkenntnisse gibt es insbesondere für welche Anlagen darüber, ob die RDB-Risse teilweise oder ganz während des Betriebes gewachsen sind oder ob es sich nachgewiesenermaßen um herstellungsbedingte Risse handelt, die seit der Inbetriebnahme in unveränderter Form bestehen?

7

Welche Schritte will das BMU in Abhängigkeit von Informationen welcher Behörden gegebenenfalls noch

a) innerdeutsch und

b) auf EU-Ebene oder bilateral

unternehmen?

8

Welche (abstrakten) Konsequenzen ergeben sich aus Sicht des BMU aus den belgischen Befunden

a) in Deutschland und

b) in Europa,

insbesondere für die in den AKW angewandten Prüfmethoden, die Prüfvorschriften/-vorgaben sowie verwendete bzw. zu verwendende Prüfgeräte?

Wird es beispielsweise eine Weiterleitungsnachricht geben?

Berlin, den 22. Oktober 2012

Renate Künast, Jürgen Trittin und Fraktion

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