Junge Menschen ohne Berufsabschluss
der Abgeordneten Brigitte Pothmer, Kai Gehring, Kerstin Andreae, Markus Kurth, Beate Müller-Gemmeke, Dr. Wolfgang Strengmann-Kuhn, Birgitt Bender, Ekin Deligöz, Katja Dörner, Britta Haßelmann, Priska Hinz (Herborn), Sven-Christian Kindler, Maria Klein-Schmeink, Oliver Krischer, Agnes Krumwiede, Monika Lazar, Dr. Tobias Lindner, Tabea Rößner, Krista Sager, Elisabeth Scharfenberg, Ulrich Schneider, Dr. Harald Terpe, Beate Walter-Rosenheimer, Arfst Wagner (Schleswig) und der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Vorbemerkung
In Deutschland haben ca. 15 Prozent der jungen Erwachsenen keinen Berufsabschluss (Datenreport zum Berufsbildungsbericht 2012). Für die Betroffenen bedeutet dies in der Regel schlechte Jobchancen, geringes Einkommen und drohende Arbeitslosigkeit. Aber auch aus gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Perspektive ist diese Entwicklung problematisch. Die jungen Menschen, die den Berufseinstieg verpassen, fehlen nicht nur als Fachkräfte, sondern vielfach auch als Steuer- und Beitragszahler. Viele von ihnen tragen ein hohes Risiko, wiederkehrend oder dauerhaft arbeitslos und auf staatliche Unterstützung angewiesen zu sein. Die Folgekosten unzureichender Bildung werden sich in den kommenden zehn Jahren auf mehr als 15 Mrd. Euro summieren (Studie des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung gGmbH im Auftrag der Bertelsmann Stiftung, April 2011).
Trotz guter Konjunkturlage und zunehmendem Fachkräftemangel fanden etliche Jugendliche auch in den vergangenen Jahren nach ihrem Schulabschluss keinen betrieblichen Ausbildungsplatz. Im Jahr 2011 waren rund 294 000 junge Menschen im Übergangssektor „geparkt“ (Berufsbildungsbericht 2012). Diese teuren Maßnahmen münden jedoch viel zu selten in eine Ausbildung, die einen Berufsabschluss ermöglicht.
Jetzt hat die Bundesagentur für Arbeit (BA) eine Initiative „Erstausbildung junger Erwachsener“ gestartet. Ziel ist es, 100 000 jungen Menschen zwischen 25 und 35 Jahren ohne Berufsausbildung in den kommenden drei Jahren eine zweite Chance, die zu einem Berufsabschluss führt, zu geben.
Wir fragen die Bundesregierung:
Fragen14
Wie viele junge Erwachsene im Alter von 20 bis 24, 25 bis 29 und 30 bis 34 Jahren waren in den Jahren 2009, 2010, 2011 und 2012 ohne abgeschlossene Berufsausbildung und befanden sich nicht in einer beruflichen Ausbildung, im Studium, in einer Umschulung, waren noch Schülerinnen/Schüler oder befanden sich in den Jahren vor der Aussetzung derselben im Wehr- oder Zivildienst (Angaben bitte jeweils in absoluten Zahlen und als Anteil an allen jungen Erwachsenen in den jeweiligen Altersgruppen und Jahren und differenziert nach Bundesländern)?
a) Wie viele der jungen Menschen ohne Berufsabschluss sind Deutsche, Ausländer bzw. haben einen Migrationshintergrund (Angaben bitte für die jeweiligen Altersgruppen und Jahre in absoluten Zahlen, als Anteil an der jeweiligen Gruppe der jungen Menschen ohne Berufsabschluss und als Anteil an allen jungen Deutschen, Ausländern und Menschen mit Migrationshintergrund in den jeweiligen Altersgruppen und Jahren)?
b) Wie viele der jungen Menschen ohne Berufsabschluss sind weiblich bzw. männlich (Angaben bitte für die jeweiligen Altersgruppen und Jahre in absoluten Zahlen, als Anteil an der jeweiligen Gruppe der jungen Menschen ohne Berufsabschluss und als Anteil an allen jungen Frauen und Männern in den jeweiligen Altersgruppen und Jahren)?
c) Wie viele der jungen Menschen ohne Berufsabschluss gehören zur Gruppe der Menschen mit Behinderungen (Angaben bitte für die jeweiligen Altersgruppen und Jahre in absoluten Zahlen, als Anteil an der jeweiligen Gruppe der jungen Menschen ohne Berufsausbildung und als Anteil an jungen Menschen mit Behinderungen in den jeweiligen Altersgruppen und Jahren)?
d) Wie viele der jungen Menschen ohne Berufsabschluss mit Migrationshintergrund haben einen im Ausland erworbenen Berufsabschluss, der in Deutschland nicht anerkannt ist? Fallen hier bestimmte Berufe besonders ins Gewicht?
Wie viele der jungen Erwachsenen ohne Berufsabschluss verfügten
a) über keinen Schulabschluss,
b) über einen Hauptschulabschluss,
c) über einen Realschulabschluss,
d) über einen im Ausland erworbenen und in Deutschland nicht anerkannten Schulabschluss,
e) über eine Hochschulzugangsberechtigung,
f) über eine nicht abgeschlossene, betriebliche Berufsausbildung (Angaben bitte für die jeweiligen Altersgruppen und Jahre und nach den Merkmalen aus den Fragen 1a bis 1c aufschlüsseln)?
Wie viele der jungen Erwachsenen ohne Berufsabschluss waren
a) in einer sozialversicherungspflichtigen Vollzeittätigkeit,
b) in einem geringfügigen Beschäftigungsverhältnis,
c) in einer sozialversicherungspflichtigen Teilzeitbeschäftigung,
d) in einem Leiharbeitsverhältnis,
e) als Selbstständige erwerbstätig (Angaben bitte für die jeweiligen Altersgruppen und Jahre und nach den Merkmalen aus den Fragen 1a bis 1c aufgeschlüsselt)?
a) Wie viele der jungen Erwachsenen ohne Berufsabschluss waren arbeitslos (Angaben bitte für die jeweiligen Altersgruppen und Jahre, aufgeschlüsselt nach Rechtskreisen und nach den Merkmalen aus den Fragen 1a bis 1c und Frage 2a, 2b und 2c)?
b) Wie viele davon hatten zuvor an Maßnahmen des sogenannten Übergangssystems teilgenommen (Angaben bitte für die jeweiligen Altersgruppen und Jahre und nach Art der jeweiligen Maßnahme aufschlüsseln)?
Wie viele der jungen Erwachsenen ohne Berufsabschluss haben an Maßnahmen des sogenannten Übergangssystems teilgenommen (Angaben bitte für die jeweiligen Altersgruppen und Jahre und nach Art der jeweiligen Maßnahme aufschlüsseln)?
Wie viele der als ausbildungsreif geltenden jungen Menschen, die sich in den Jahren 2009, 2010, 2011 und 2012 jeweils um eine Berufsausbildung bemüht haben,
a) haben einen betrieblichen Ausbildungsplatz gefunden
b) bzw. sind in eine Maßnahme des Übergangssystems eingemündet (bitte nach Art der Maßnahme aufschlüsseln)
c) und von wie vielen ist nicht bekannt, wo sie verblieben sind?
Hält die Bundesregierung die Datenlage bezogen auf die jungen Erwachsenen ohne Berufsabschluss für ausreichend, um auf dieser Basis Maßnahmen zu entwickeln, die den Betroffenen das Nachholen eines Berufsabschlusses ermöglichen? Wenn ja, welche Maßnahmen wird die Bundesregierung ergreifen? Wenn nein, welche Daten sollen zukünftig zusätzlich erhoben werden?
Wie bewertet die Bundesregierung die Tatsache, dass im Datenreport zum Berufsbildungsbericht die Quote der Ausbildungslosen auf der Grundlage des Mikrozensus des Statistischen Bundesamts erstellt wird, der jedoch die relevante Personengruppe der Teilnehmerinnen und Teilnehmer an Übergangsmaßnahmen nicht mitzählt? Welche Schlussfolgerungen zieht sie daraus?
Wie bewertet die Bundesregierung die von der BA gestartete Initiative, mit der 100 000 junge Menschen zwischen 25 und 35 Jahren ohne Berufsausbildung eine zweite Chance gegeben werden soll, insbesondere auch vor dem Hintergrund der Anzahl der jungen Erwachsenen, die derzeit über keinen Berufsabschluss verfügen?
Welche weiteren Maßnahmen hält die Bundesregierung für notwendig, um den vielen jungen Menschen ohne Berufsabschluss eine gute Erwerbsperspektive zu eröffnen?
Welche Maßnahmen plant die Bundesregierung, um das im Jahr 2008 zwischen Bund und Länder im Rahmen der „Qualifizierungsinitiative für Deutschland“ vereinbarte Ziel zu erreichen, bis zum Jahr 2015 den Anteil der jungen Erwachsenen ohne Berufsabschluss auf 8,5 Prozent zu senken, angesichts der Tatsache, dass im Jahr 2011 der Anteil der jungen Erwachsenen ohne Berufsabschluss noch bei rund 15 Prozent lag?
Wie will die Bundesregierung die Ankündigung der früheren Bundesministerin für Bildung und Forschung, Dr. Annette Schavan, vom 17. Januar 2013 (Plenarprotokoll 17/217) „in den nächsten zwei, drei Jahren das Übergangssystem auf null zu bringen, das heißt, eine wirkliche Korrespondenz zu gewährleisten: Schulabschluss und dann Einstieg in die duale Ausbildung“ umsetzen?
a) Durch welche Maßnahmen und mit welchem Zeitplan will die Bundesregierung die sogenannte EU-Jugendgarantie in Deutschland umsetzen, und welche Vorbereitungen trifft die Bundesregierung für deren Einführung?
b) Inwieweit handelt es sich dabei auch um die Umsetzung der im Rahmen der „Fiskalpakt-Einigung“ zugesagten Maßnahmen?
a) Welche Schlussfolgerungen zieht die Bundesregierung aus dem Konzept „Übergänge mit System“ der Bertelsmann Stiftung, an dem auch verschiedene Bundesländer und die BA mitgearbeitet haben, und das das Ziel hat, allen jungen Menschen einen Berufsabschluss zu ermöglichen?
b) Welche Schlussfolgerungen zieht die Bundesregierung aus dem Konzept insbesondere bezogen darauf, dass öffentlich geförderte betriebsnahe Ausbildungsplätze für die jungen Menschen zur Verfügung gestellt werden sollen, die keinen betrieblichen Ausbildungsplatz finden?