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Kleine AnfrageWahlperiode 16Beantwortet

Konsum von Methamphetamin (Crystal) in Deutschland (G-SIG: 16011182)

Maßnahmen gegen die aus dem frei verkäuflichen Medikament Ephedrin hergestellte Droge Methamphetamin/Crystal, Aufklärungskampagnen und Therapiemöglichkeiten <p> </p>

Fraktion

BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

Datum

03.11.2006

Aktualisiert

26.07.2022

Deutscher BundestagDrucksache 16/296816. 10. 2006

Konsum von Methamphetamin (Crystal) in Deutschland

der Abgeordneten Dr. Harald Terpe, Kai Boris Gehring, Birgitt Bender, Elisabeth Scharfenberg und der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

Vorbemerkung

Das UNODC (United Nations Office on Drugs and Crime) hat in seinem World Drug Report 2006 festgestellt, dass die Verbreitung des Betäubungsmittels Methamphetamin (Crystal) in Europa auf dem Vormarsch ist.

Hauptverbreitungsgebiet ist laut Bericht die Tschechische Republik, in der bereits 54 Prozent aller Drogentherapien die Behandlung von Methamphetamin/Crystal-Abhängigen betreffen. Die deutschen Behörden beobachten seit einiger Zeit ebenfalls eine Zunahme des Konsums von Methamphetamin/Crystal, insbesondere in Regionen nahe der tschechischen Grenze. Eine Studie über das Konsumverhalten junger Menschen in Sachsen aus dem Jahr 2003 ergab, dass 48 Prozent der Konsumenten illegaler Drogen bereits Erfahrungen mit Methamphetamin/Crystal gemacht haben. In einigen Suchtberatungsstellen ist es das am häufigsten auftretende Betäubungsmittel. Vor dem Hintergrund früherer Erfahrungen ist allerdings eindeutig, dass sich die Kriminalisierung der Konsumentinnen und Konsumenten kontraproduktiv auswirken würde.

Methamphetamin/Crystal ist ein synthetisches Psychostimulans auf Amphetaminbasis, die zumeist „gesnieft“ oder geraucht wird, aber auch geschluckt oder – zumeist bei Schwerstabhängigen – injiziert werden kann. Die Herstellung ist zwar gefährlich, aber vergleichsweise einfach, da der Grundsstoff Ephedrin aus herkömmlichen und frei verkäuflichen Erkältungsmitteln gewonnen werden kann. Der in Deutschland verkaufte Stoff wird in der Regel in kleinen Laboratorien im tschechischen Grenzgebiet hergestellt; die Beschaffung der dafür benötigten Medikamente erfolgt allerdings in Deutschland selbst, wo auch vermehrt eine Nachfrage nach reinem Ephedrin zu beobachten ist.

Methamphetamin/Crystal wirkt aufputschend und erhöht nach subjektivem Empfinden die persönliche Leistungsfähigkeit; zudem werden Schmerzen, Müdigkeit, Hunger- und Durstgefühl unterdrückt. Die Wirkung ist der von Kokain ähnlich, kann aber unter Umständen tagelang anhalten, was bei regelmäßigem Konsum meist zu einer zusätzlichen Einnahme von dämpfenden Stoffen und damit zu einer Mehrfachabhängigkeit führt. Methamphetamin/Crystal ist im Vergleich zu anderen aufputschenden Mitteln, insbesondere Kokain, preiswert. Der Körper entwickelt allerdings eine schnelle Toleranz gegenüber dem Wirkstoff, was zu einer sukzessiven Erhöhung der Dosierung und damit in der Stärke zu einer mit Heroin vergleichbaren Suchtgefahr führt.

Die Langzeitschäden, die durch den regelmäßigen Konsum von Methamphetamin/Crystal verursacht werden, sind erheblich. Neben psychischen Störungen, wie Depressionen, Psychosen, Schizophrenie und Persönlichkeitsveränderungen, führt Methamphetamin/Crystal zu einem schnellen Verfall wichtiger körperlicher Organe und Funktionen. Folgen sind unter anderem Gewichtsverlust, Dehydrierung, Zahnausfall, eiternde Hauterkrankungen, Magen-, Leber- und Nierenschäden sowie eine Verdickung des Blutes, die regelmäßig Herzinfarkte oder Schlaganfälle zur Folge hat. Während der Schwangerschaft kann der Konsum zudem eine Fehlgeburt auslösen oder zu schweren Missbildungen und Entwicklungsstörungen des ungeborenen Kindes führen.

In den USA ist Methamphetamin/Crystal mit mehr als 1,5 Millionen Abhängigen nach Angaben der UN mittlerweile die meist konsumierte Droge. Das UNODC warnt in seinem Bericht davor, dass sich dieser Trend – wie in der Vergangenheit bei anderen Betäubungsmitteln auch – mit einiger Zeitverzögerung auch in Europa zeigen könnte. Für eine solche Entwicklung spricht auch, dass der Drogen- und Suchtbericht der Bundesregierung 2006 einen deutlichen Anstieg der Delikte im Zusammenhang mit Methamphetamin/Crystal (um 58 Prozent) sowie der sichergestellten Menge von Methamphetamin/Crystal (um 105 Prozent) feststellt. Fachleute betrachten diese Entwicklung nicht als kurzfristiges Phänomen.

Wir fragen die Bundesregierung:

Fragen30

1

Welche Erkenntnisse liegen der Bundesregierung hinsichtlich der Verbreitung, Herstellung und Beschaffung von Methamphetamin/Crystal in der Bundesrepublik Deutschland vor?

1

Auf welchen Informationsgrundlagen beruhen diese Erkenntnisse?

1

Liegt der Bundesregierung eine wissenschaftliche Studie vor, in der gezielt die Verbreitung von Methamphetamin/Crystal in der Bundesrepublik Deutschland untersucht wurde?

1

Falls eine solche Studie nicht vorliegt: Plant die Bundesregierung, eine solche Untersuchung in Auftrag zu geben oder zu unterstützen?

Wenn nein, wieso nicht?

2

Welche Erkenntnisse liegen der Bundesregierung hinsichtlich der Gruppe der Methamphetamin/Crystal-Konsumenten in der Bundesrepublik Deutschland, deren Konsumverhalten und den Auswirkungen dieses Konsums vor?

2

Auf welchen Informationsgrundlagen beruhen diese Erkenntnisse?

2

Liegt der Bundesregierung eine wissenschaftliche Studie vor, die sich gezielt mit den Konsumenten von Methamphetamin/Crystal in der Bundesrepublik Deutschland befasst?

2

Falls eine solche Studie nicht vorliegt, plant die Bundesregierung, eine solche Untersuchung in Auftrag zu geben oder zu unterstützen?

Wenn nein, wieso nicht?

3

Welche Maßnahmen hält die Bundesregierung für notwendig, um die weitere Verbreitung von Methamphetamin/Crystal in der Bundesrepublik Deutschland zu verhindern?

3

Plant die Bundesregierung darauf hinzuwirken, dass besondere auf den Konsum von Methamphetamin/Crystal ausgerichtete präventive Maßnahmen wie Aufklärungskampagnen oder szenenahe Beratungsstellen geschaffen werden?

Wenn nein, wieso nicht?

3

Ist die Bundesregierung bereit, entsprechende präventive Maßnahmen durch einzelne Bundesländer oder freie Träger zu unterstützen?

Wenn ja, wie sieht diese Unterstützung aus?

3

Gibt es Teilbereiche existenter Aufklärungskampagnen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, die sich bereits gezielt an (potentielle) Konsumenten von Methamphetamin/Crystal wenden?

Wenn nein, wieso nicht?

3

Falls die Bundesregierung solche Aufklärungskampagnen plant, welchen Inhalt soll diese haben und an welche Zielgruppe soll sie sich wenden?

4

Hat die Bundesregierung Kenntnis vom Bestehen besonderer auf Methamphetamin/Crystal-Konsumenten ausgerichteter Therapiemöglichkeiten?

4

Plant die Bundesregierung darauf hinzuwirken, dass solche besonderen Therapiemöglichkeiten geschaffen werden?

Wenn nein, wieso nicht?

4

Ist die Bundesregierung bereit, entsprechende Therapiemöglichkeiten durch einzelne Bundesländer oder freie Träger zu unterstützen?

Wenn ja, wie sieht diese Unterstützung aus?

5

Welche in der Antwort vom 18. Mai 2000 auf die schriftliche Frage 15 des Abgeordneten Wolfgang Zeitlmann (Bundestagsdrucksache 14/3422) erwähnten Maßnahmen haben das Bundeskriminalamt und das Zollkriminalamt in den vergangenen Jahren ergriffen, um eine weitere Ausbreitung von Methamphetamin/Crystal zu verhindern?

5

Welche kriminalpolitischen Erkenntnisse konnte die Bundesregierung aus der Durchführung dieser Maßnahmen gewinnen?

5

Wie erklärt sich die Bundesregierung den verstärkten Konsum von Methamphetamin/Crystal in den letzten Jahren, der sich aus dem starken Anstieg sowohl von registrierten Strafdelikten wie auch von Sicherstellungen im Zusammenhang mit diesem Stoff ableiten lässt?

5

Welche Schlussfolgerungen zieht die Bundesregierung aus diesen Erkenntnissen?

6

Beabsichtigen die Bundesregierung sowie die ihr nachgeordneten Strafverfolgungsbehörden weitergehende Maßnahmen im Hinblick auf Delikte mit Bezug zu Methamphetamin/Crystal zu ergreifen?

Wenn ja, welche?

Wenn nein, wieso nicht?

6

Beabsichtigt die Bundesregierung, auf die Schaffung gezielter Weiterbildungsmöglichkeiten für die mit solchen Sachverhalten befassten Beamten, Rechtsmediziner und Therapeuten hinzuwirken?

Wenn nein, wieso nicht?

7

Welche Maßnahmen hat die Bundesregierung ergriffen, um die Kooperation und den Informationsaustausch zwischen den deutschen und tschechischen Behörden zu verbessern?

7

Ist ein weiterer Ausbau dieser Zusammenarbeit beabsichtigt?

Wenn nein, wieso nicht?

Wenn ja, wie sieht dieser aus?

7

Gibt es Bemühungen von Seiten beider Länder, die weitere Verbreitung von Methamphetamin/Crystal durch gemeinsame oder aufeinander abgestimmte Aufklärungskampagnen und Therapiemöglichkeiten zu verhindern?

8

Welche Maßnahmen sind von der Bundesregierung geplant, um die illegale Herstellung von Methamphetamin/Crystal zu erschweren?

8

Will die Bundesregierung Maßnahmen ergreifen, um ein Abzweigen von Ephedrin aus der pharmazeutischen Produktion zum Zwecke der Herstellung von Methamphetamin/Crystal zu verhindern?

Wenn ja, welche?

Wenn nein, wieso nicht?

8

Sieht die Bundesregierung Bedarf, den pharmazeutischen Vertrieb von Ephedrin neu zu regeln?

Wenn nein, wieso nicht?

9

Wie verhält sich die Bundesregierung zu Abgabebeschränkungen für frei verkäufliche Medikamente, aus denen Ephedrin gewonnen werden kann?

9

Plant die Bundesregierung eine solche Abgabebeschränkung?

Wenn ja, wie soll diese aussehen?

Wenn nicht, wieso nicht?

Berlin, den 16. Oktober 2006

Renate Künast, Fritz Kuhn und Fraktion

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