Langfristige Gewährleistung der Anwendungsforschung im Bereich der Kinderernährung durch das Forschungsinstitut für Kinderernährung e. V. in Dortmund
der Abgeordneten Nicole Maisch, Kai Gehring, Kordula Schulz-Asche, Beate Walter-Rosenheimer, Harald Ebner, Bärbel Höhn, Steffi Lemke, Friedrich Ostendorff und der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Vorbemerkung
Kinder sind keine kleinen Erwachsenen. Das gilt auch für die Ernährung. Der kindliche und heranwachsende Organismus hat spezielle Anforderungen an die Nährstoffzufuhr. Das Essverhalten wird in der Kindheit geprägt – positiv wie negativ.
In der Kindheit wird der Grundstein für ein gesundes Leben gelegt. Hier liegt die Chance der Prävention. Fehlentwicklungen frühzeitig zu erkennen und Empfehlungen zu formulieren, die die Realität der Ernährung von Kindern in Deutschland verbessern, hat Auswirkungen auf die Gesundheit der Bevölkerung.
Eine eigenständige Forschung zur Ernährung von Kindern ist erforderlich, weil sich die Erkenntnisse aus der Ernährungsforschung nicht 1:1 auf Kinder übertragen lassen. Notwendig ist eine ernährungswissenschaftlich-pädiatrische Expertise mit einem Fokus auf den kindlichen Organismus mit allen seinen Besonderheiten. Unabdingbar ist weiterhin die Erfahrung in der Durchführung von Untersuchungen und Studien mit Säuglingen, Kindern und Jugendlichen auf hohem wissenschaftlichem Niveau.
Das seit Jahren hoch anerkannte Forschungsinstitut für Kinderernährung e. V. in Dortmund (FKE) untersucht aktuelle Fragestellungen und betreibt Anwendungsforschung im Bereich der Kinderernährung. Sie hat zum Ziel, die Förderung der Gesundheit von Kindern, durch eine gesunde Ernährung von Anfang an, wissenschaftlich zu erforschen und zu evaluieren und dabei die Lebenswirklichkeit von Kindern und Familien zu berücksichtigen.
Aber auch für die Risikobewertung hinsichtlich Nährstoffen, Kontaminanten und anderen Stoffen ist die lebensnahe Erforschung der Kinderernährung von zentraler Bedeutung und wird vom FKE geleistet. Forscherinnen und Forscher aus ganz Europa greifen auf die Daten des FKE zu (vgl. Öffentlicher Brief des Kindernetzwerkes e. V. vom 11. Juli 2013 „Fortbestand des Forschungsinstituts für Kinderernährung in Dortmund“ – gerichtet an die Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel, an den Deutschen Bundestag und die Bundesministerien).
Die fehlende Finanzierung wird eine Schließung Ende des Jahres 2014 dieses seit 50 Jahren existierenden Forschungsinstituts bedeuten.
In der Vergangenheit ist das FKE durch Bundesgelder und Gelder des Landes Nordrhein-Westfalen finanziert worden. Ab dem Jahr 2002 ist eine Anwendungsforschung nur noch durch das Land Nordrhein-Westfalen erfolgt. Bis heute sind aber auch immer wieder einzeln beantragte Projekte durch Bundesministerien finanziert worden. Da die Forschungsarbeit des FKE allen Bundesbürgern zugute kommt und nicht nur denen in Nordrhein-Westfalen, sieht das Land die Zuständigkeit beim Bund.
Die Langzeitforschung für die Weiterentwicklung der präventiven Ernährungskonzepte, die Standard der Kinderernährung in Deutschland sind, wird nicht weiter geführt und die daraus so wichtigen Folgerungen drohen, verloren zu gehen.
Wir fragen die Bundesregierung:
Fragen17
Welchen Stellenwert misst die Bundesregierung der Anwendungsforschung im Bereich der präventiven Kinderernährung bei?
Betrachtet die Bundesregierung die präventionsbezogene Anwendungsforschung im Bereich der Kinderernährung als nationale Aufgabe, für die sie auch Verantwortung trägt?
Hält es die Bundesregierung für notwendig, diese Anwendungsforschung im Bereich der Kinderernährung langfristig und kontinuierlich finanziell auszustatten?
Wenn ja, warum, und mit welchen Mitteln?
Wenn nein, warum nicht?
Wer leistet nach Kenntnis der Bundesregierung in Deutschland, neben dem Dortmunder Forschungsinstitut für Kinderernährung e. V. (FKE), konzeptionelle Basisarbeit und wissenschaftliche Evaluation zum Thema präventive Kinderernährung?
Welche Bedeutung misst die Bundesregierung der Arbeit des FKE im Hinblick auf Grundlagen für die Arbeit europäischer Behörden bei, wie zum Beispiel die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA)?
Teilt die Bundesregierung die Meinung des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR), wonach die Basisarbeit des FKE unverzichtbar ist für das BfR, um Kinder in Risikobewertungen adäquat berücksichtigen zu können (Brief an die damalige Bundesministerin für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz Ilse Aigner vom 6. Mai 2013), sowie für die Nationale Stillkommission (NSK) am BfR?
Wie und durch wen beabsichtigt die Bundesregierung in Zukunft, die Risikoerforschung und -bewertung hinsichtlich Nährstoffen, Kontaminanten und anderen Stoffen in Kinderernährung durchführen zu lassen, um unter anderem dem BfR diese Grundlageninformationen zur Verfügung zu stellen?
Teilt die Bundesregierung die Meinung des Kindernetzwerks e. V. (Prof. Dr. Hubertus von Voss), wonach kaum einem Forschungsinstitut im deutschsprachigen Raum eine solche öffentliche Wahrnehmung zur praktikablen Lösung von Ernährungsproblemen auf der Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse gelungen ist und das FKE in seinem Bestand vonseiten des Bundes gesichert werden muss (Brief u. a. an die Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel vom 11. Juli 2013)?
Inwiefern teilt die Bundesregierung die Aussage der Institutsleiterin des FKE, Prof. Dr. Mathilde Kersting, anlässlich einer Expertentagung der Kinderkommission des Deutschen Bundestages am 4. Juni 2014, dass die dauerhafte Basisfinanzierung des FKE gefährdet ist?
Seit wann hat die Bundesregierung Kenntnis darüber, dass das FKE wegen fehlender Basisfinanzierung befürchtet, seine Arbeit Ende des Jahres 2014 einstellen zu müssen?
Welche Auswirkungen hätte dies?
Hat die Bundesregierung Kenntnis darüber, ob die wissenschaftliche und geschäftsführende Leitung des FKE ehrenamtlich erfolgt?
Seit wann wird nach Kenntnis der Bundesregierung die wissenschaftliche und geschäftsführende Leitung des FKE ehrenamtlich ausgeführt?
Sieht die Bundesregierung Vorteile oder Nachteile in der Tatsache, dass die wissenschaftliche und geschäftsführende Leitung des FKE ehrenamtlich ausgeführt wird?
Was hat die Bundesregierung bereits getan, um die kontinuierliche präventionsbezogene Anwendungsforschung für den Bereich Kinderernährung auch in der Zukunft zu sichern?
Was beabsichtigt die Bundesregierung zu tun, um die kontinuierliche präventionsbezogene Anwendungsforschung für den Bereich Kinderernährung auch in Zukunft zu sichern?
Wie könnte eine langfristige Basisförderung dieser Anwendungsforschung, im Gegensatz zu einer nur befristet geförderten Projektfinanzierung, ausgestaltet sein?
Hat das FKE seit dem Jahr 2012 Fördergelder beim früheren Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV) bzw. dem Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) und dem Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) und dem Bundesministerium für Gesundheit (BMG) beantragt?
a) Wenn ja, welche Förderungsziele waren bei den Förderungsanträgen angegeben?
b) Aus welchen Haushaltstiteln und in welcher Höhe hat das FKE in den Jahren 2009 bis 2014 Gelder aus dem Bundeshaushalt erhalten (bitte projektscharf darstellen)?
c) Hat das BMELV/BMEL, BMBF, BMG Förderanträge vom FKE in den letzten fünf Jahren abgelehnt, und wenn ja, mit welcher Begründung?