BundestagKleine Anfragen
Zurück zur Übersicht
Kleine AnfrageWahlperiode 18Beantwortet

Verlust von Artenreichtum in der Agrarlandschaft

Situation, Entwicklung, Kosten und Auswirkungen, besonders gefährdete Bereiche, Gefährdungslage von Vögeln, Insekten, Regenwurmarten, Feldhamstern, -hasen, Ackerwildkräutern, wildwachsenden Pflanzen und Biotoptypen, Zustand auf Ökosystem- bzw. Landschaftsebene, Auswirkungen des Neonikotinoideinsatzes, Bedrohung durch erhöhten Stickstoffeintrag und Grünlandverlust, Zielerreichung der Nationalen Strategie zur biologischen Vielfalt (NBS), Vertragsnaturschutz, positive Wirkungen von Greening, Ökolandbau und Zwischenfruchtanbau auf ökologischen Vorrangflächen<br /> (insgesamt 25 Einzelfragen)

Fraktion

BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

Ressort

Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit

Datum

13.09.2017

Antwortdauer

23 Tage

Aktualisiert

26.07.2022

Deutscher BundestagDrucksache 18/1341821.08.2017

Verlust von Artenreichtum in der Agrarlandschaft

der Abgeordneten Steffi Lemke, Harald Ebner, Peter Meiwald, Matthias Gastel, Sylvia Kotting-Uhl, Oliver Krischer, Stephan Kühn (Dresden), Christian Kühn (Tübingen), Dr. Julia Verlinden, Dr. Valerie Wilms und der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

Vorbemerkung

Dem Ziel, die biologische Vielfalt zu erhalten und ihren Verlust aufzuhalten, hat sich Deutschland in vielfältiger Weise verpflichtet: mit den Aichi-Zielen, dem 7. Umweltaktionsprogramm 2014 – 2020 der EU und der Nationalen Strategie zur biologischen Vielfalt. Trotz dieser zahlreichen Verpflichtungen wird das Ziel bis 2020 nicht erreicht werden (www.bmub.bund.de/fileadmin/Daten_BMU/Pools/ Broschueren/indikatorenbericht_biologische_vielfalt_2014_bf.pdf, www.birdlife. org/sites/default/files/score_card_booklet_final.pdf). Die Wissenschaft beschreibt diesen Verlust an biologischer Vielfalt bereits als Kipppunkt im weltweiten Ökosystem (www.pik-potsdam.de/aktuelles/pressemitteilungen/vier-von-neun- planetarengrenzen201d-bereits-ueberschritten, www.nature.com/climate/2009/0910/full/ climate.2009.99.html?foxtrotcallback=true, www.birdlife.org/sites/default/files/ score_card_booklet_final.pdf). Ist dieser überschritten, treten Veränderungen ein, die das Leben der Menschen weltweit irreversibel verändern.

Die Landwirtschaft nutzt mehr als die Hälfte der Fläche Deutschlands und hat deswegen eine besondere Verantwortung für die biologische Vielfalt. Doch ihre Rolle hat sich stark gewandelt: In den letzten Jahrzehnten wurde die Landwirtschaft mit ihrer steigenden Intensivierung, einem erhöhten Einsatz von Pestiziden und Düngung und Umwandlung von wertvollen Naturflächen von einer Bewahrerin zu einer Bedrohung der biologischen Vielfalt. Der Zustand der Vögel und Insekten in dieser Agrarlandschaft wurde in der Vergangenheit bereits thematisiert, aber auch die biologische Vielfalt anderer Tiere, Pflanzen und Lebensräume ist bedroht. Dies zeigt auch der Rechenschaftsbericht 2017 der Bundesregierung zur Umsetzung der Nationalen Strategie zur biologischen Vielfalt.

Wir fragen die Bundesregierung:

Fragen25

1

Wie bewertet die Bundesregierung die Artenvielfalt in der Agrarlandschaft? Welche Entwicklungen gab es hier insgesamt? Und welche Entwicklung erwartet sie hier?

2

In welchen Bereichen ist laut Bundesregierung die biologische Vielfalt in der Agrarlandschaft besonders gefährdet? Welche Entwicklungen haben hier bisher stattgefunden, und welche weiteren erwartet die Bundesregierung hier?

3

Wie bewertet die Bundesregierung den Zustand der biologischen Vielfalt in der Agrarlandschaft im Vergleich zu anderen Lebensräumen?

4

Wie beziffert die Bundesregierung die im Agrar-Report 2017 aufgeführten Kosten aus der Biodiversitätskrise (aufgeschlüsselt für einzelne Bereiche) („Die unverminderte Tendenz zur Intensivierung der agrarischen Nutzung führt […] zu einer immer größeren Biodiversitätskrise, die mit den gegenwärtigen Mitteln offensichtlich nicht zu bewältigen ist und letztlich die Gesellschaft in mehrerlei Hinsicht teuer zu stehen kommen wird“, Agrar-Report 2017, Bundesamt für Naturschutz – BfN – 2017, S. 6), und welche weiteren Auswirkungen der Biodiversitätskrise und des Verlusts von Lebensraumvielfalt sieht sie (für Landwirtschaft, Bestäubung, Schädlingsbekämpfung, Bodenfruchtbarkeit, Wasserqualität und weitere Ökosystemleistungen)?

5

Welche Schlussfolgerungen und Konsequenzen zieht die Bundesregierung aus der Einschätzung, dass „sich auf diese Weise in der Agrarlandschaft noch nicht einmal ein Mindestniveau an biologischer Vielfalt aufrechterhalten“ ließe (Agrar-Report 2017, BfN, 2017, S. 19)?

6

Wie bewertet die Bundesregierung die Situation der Vögel in der Agrarlandschaft, insbesondere mit Blick auf die Arten- und Individuenzahl?

7

Wie bewertet die Bundesregierung die Situation der Insekten in der Agrarlandschaft, insbesondere mit Blick auf Artenzahlen und Biomasse?

8

Welche Schlussfolgerungen zieht die Bundesregierung aus dem Ergebnis einer aktuellen Studie, wonach durch den verbreiteten Einsatz des Neonikotinoids Thiamethoxam eine Wahrscheinlichkeit von mindestens 28 Prozent besteht, dass die Dunkle Erdhummel ausstirbt (vgl. www.spiegel.de/ wissenschaft/natur/neonicotinoide-so-gefaehrlich-sind-pflanzenschutzmittel- fuer-hummeln-a-1162778.html)?

9

Teilt die Bundesregierung die Einschätzung von Vertretern des Umweltbundesamtes, wonach der Rückgang bei Insektenpopulationen ca. mit dem Beginn des Einsatzes von Neonikotinoiden zusammenfällt, und wenn nein, warum nicht (vgl. www.spiegel.de/wissenschaft/natur/neonicotinoide-so-gefaehrlich- sind-pflanzenschutzmittel-fuer-hummeln-a-1162778.html)?

10

Hat sich die Bundesregierung im EU-Ministerrat für eine möglichst frühzeitig stattfindende Debatte über den Vorschlag der EU-Kommission für ein Freilandverbot von drei Neonikotinoiden eingesetzt, der bereits vom Umweltausschuss des Europäischen Parlaments debattiert und im Kern unterstützt wurde, und wenn nein, warum nicht?

11

Welche Kenntnisse hat die Bundesregierung zur Bestandssituation und -entwicklung der in Deutschland heimischen Regenwurmarten, und welche Folgen hat dies für die Bodenstruktur, Bodenfruchtbarkeit und Pflanzengesundheit?

12

Wie ist nach Kenntnis der Bundesregierung die Situation des Feldhamsters? Welche Populationen bestehen, und welche Rückgänge sind hier zu verzeichnen?

13

Wie haben sich nach Kenntnis der Bundesregierung die Population des Feldhasen und die Abschusszahl dieser Tierart seit 1950 entwickelt (bitte nach Jahren aufschlüsseln)?

14

Wie ist nach Kenntnis der Bundesregierung die Situation der Ackerwildkräuter und wildwachsenden Pflanzenarten, und wie bewertet die Bundesregierung diese? Welche Rückgänge sind hier zu verzeichnen (Anzahl der Arten, Populationsanzahlen)? Welche Arten sind besonders betroffen (mit Zahlen zu Entwicklung und Rückgang)?

15

Wie ist laut Bundesregierung der Zustand der biologischen Vielfalt auf Ökosystem- bzw. Landschaftsebene, und wie bewertet die Bundesregierung diesen?

16

Wie ist laut Bundesregierung die Gefährdungslage für die einzelnen Biotoptypen (nach Gefährdungskategorie)?

17

Wie ist nach Kenntnis der Bundesregierung der Zustand folgender Biotope, und welche Entwicklung beim Artenbestand ist hier zu verzeichnen? Jeweils wie viel Prozent sind hier gefährdet, und welcher Fläche entspricht dies (bitte deutschlandweit und nach Bundesländern aufgeschlüsselt) für a) Offenlandbiotope, b) Wiesen und Weiden, c) Streuobstäcker/-wiesen, d) Landwirtschaftsflächen mit hohem Naturwert, e) Moore, f) Grünland (mit Aussagen zu Fläche und Qualität)?

18

Wie bewertet die Bundesregierung die Bedrohung der biologischen Vielfalt durch den erhöhten Eintrag von Stickstoff in Biotope?

19

Wie bewertet die Bundesregierung die Bedeutung von Grünland für die Biodiversität, und welchen Einfluss haben Verlust und Verschlechterung des Grünlandes auf diese? Was bedeutet der Rückgang von Grünland für Farn- und Blütenpflanzen, und welche Rückgänge sind hier zu verzeichnen (Prozent, Arten, die besonders betroffen sind)?

20

Wie bewertet die Bundesregierung die Bedeutung von Streuobstwiesen/-äckern für die biologische Vielfalt, und welche Auswirkungen sieht sie durch ihren Rückgang?

21

Welche Ziele der Nationalen Strategie zur biologischen Vielfalt werden im Bereich Landwirtschaft/Agrarlandschaft nach Kenntnis der Bundesregierung erreicht? Welcher Status und welche Trends liegen bei den Indikatoren vor, die mit der Landwirtschaft/dem Agrarland in Verbindung stehen (aktuellste Zahlen)?

22

Auf welchem Anteil der gesamten landwirtschaftlichen Nutzfläche in Deutschland wird nach Kenntnis der Bundesregierung Vertragsnaturschutz praktiziert? Welche Entwicklung gibt es hier seit 1990 (bitte nach Jahren aufschlüsseln)?

23

Wie schätzt die Bundesregierung die bisherigen Auswirkungen der Greening-Maßnahmen (im Rahmen der Gemeinsamen Agrarpolitik in Europa) auf die Entwicklung der Biodiversität bei Arten in Agrarlandschaften ein?

24

Welche Erkenntnisse hat die Bundesregierung zu positiven Wirkungen des Ökolandbaus auf die Artenvielfalt im Vergleich zu konventionell bewirtschafteten Flächen?

25

Welchen Anteil machen nach Kenntnis der Bundesregierung Zwischenfrüchte und Hülsenfrüchte an den ökologischen Vorrangflächen in Deutschland aus, und wie ist der Nutzen dieser Flächen für die Biodiversität im Vergleich zu anderen Flächentypen wie Brachland und Pufferstreifen einzuschätzen?

Berlin, den 18. August 2017

Katrin Göring-Eckardt, Dr. Anton Hofreiter und Fraktion

Ähnliche Kleine Anfragen