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Kleine AnfrageWahlperiode 16Beantwortet

Stand der Bindungsforschung und bindungsorientierter pädagogischer Arbeit in der Bundesrepublik Deutschland

Art und Förderung von Forschungsprojekten hinsichtlich der Mutter/Vater-Kind-Beziehung; mit dem Thema Bindungsforschung befasste Fachbereiche bzw. Fakultäten, Studien und Ergebnisse zur Bindungsforschung, Erkenntnisse zur Vermeidung von Bindungsstörungen, Programme zur Vorbereitung auf die Elternrolle, Umsetzung von Frühwarnsystemen, Erkenntnisse über die Auswirkung der Fremdbetreuung von Kindern unter drei Jahren, Berücksichtigung der Erkenntnisse bei der Aus- und Fortbildung der Erzieher

Fraktion

FDP

Datum

31.10.2007

Aktualisiert

26.07.2022

Deutscher BundestagDrucksache 16/672310. 10. 2007

Stand der Bindungsforschung und bindungsorientierten pädagogischen Arbeit in der Bundesrepublik Deutschland

der Abgeordneten Miriam Gruß, Ina Lenke, Sibylle Laurischk, Cornelia Pieper, Dr. Konrad Schily, Jens Ackermann, Christian Ahrendt, Uwe Barth, Rainer Brüderle, Ernst Burgbacher, Patrick Döring, Mechthild Dyckmans, Jörg van Essen, Ulrike Flach, Paul K. Friedhoff, Horst Friedrich (Bayreuth), Dr. Edmund Peter Geisen, Hans-Michael Goldmann, Joachim Günther (Plauen), Heinz-Peter Haustein, Elke Hoff, Birgit Homburger, Hellmut Königshaus, Gudrun Kopp, Jürgen Koppelin, Heinz Lanfermann, Harald Leibrecht, Michael Link (Heilbronn), Horst Meierhofer, Patrick Meinhardt, Jan Mücke, Burkhardt Müller-Sönksen, Dirk Niebel, Detlef Parr, Jörg Rohde, Frank Schäffler, Marina Schuster, Dr. Claudia Winterstein, Dr. Volker Wissing, Hartfrid Wolff (Rems-Murr), Dr. Guido Westerwelle und der Fraktion der FDP

Vorbemerkung

Die Bindungstheorie wurde durch den Psychiater und Psychoanalytiker John Bowlby in den 1960er Jahren begründet. Hiernach bringt ein Säugling bei seiner Geburt eine angeborene Motivation mit, sich an einen Menschen zu binden, der für ihn zum sicheren emotionalen Bezugspunkt wird. Eine Bindungsperson strahlt für ein Kind physische und psychische Sicherheit aus. Diese Sicherheit ist Voraussetzung für ein stabiles Grundgerüst, welches jeder Mensch zur Entfaltung von Fähigkeiten und Charaktereigenschaften benötigt und ihn zu explorationsorientiertem Lernverhalten motiviert.

Kinder brauchen für ihre gesunde Entwicklung Bindungspersonen, die für ihre emotionalen Bedürfnisse verfügbar sind. Die stabile Bindung an spezifische Bindungspersonen ist ein hervorragendes Fundament für eine gesunde motorische, kognitive und emotionale Entwicklung von Kindern. Sichere Bindungen bieten Schutz, unsichere Bindungssituationen hingegen können Risikofaktoren darstellen, die Kinder in ihren Welt- und Personenbezügen nachhaltig beeinträchtigen. Kinder mit sicheren Bindungen sind kreativer, aufmerksamer und flexibler, haben eine bessere Ausdauer und verfügen über bessere Gedächtnisleistungen und Sprachentwicklungen. Sie sind z. B. in der Lage, sich in Notsituationen schneller und gezielter Hilfe zu holen, haben mehr freundschaftliche Beziehungen und verfügen über ein ausgeprägtes und differenziertes Bewältigungsverhalten. Kinder mit Bindungsstörungen hingegen zeigen gravierende Defizite in der Aufnahme und Gestaltung von Bindungsbeziehungen, sie verhalten sich in Konflikten eher aggressiv und können sich schlecht in die emotionalen Bedürfnisse, Gedanken und Handlungsabsichten ihres Gegenübers einfühlen. Sowohl im Bereich der Bindungsforschung als auch im Bereich von Bildung, Betreuung und Erziehung bestehen in der Bundesrepublik Deutschland noch immer erhebliche Erkenntnis- und Umsetzungsdefizite. Will man wichtige Ressourcen zur adäquaten Entwicklungsförderung nicht verschenken, muss die Forschung in diesen Bereichen dringend vorangetrieben werden.

Wir fragen die Bundesregierung:

1. Welche speziellen Forschungsprojekte mit Blick auf Mutter/Vater-Kind- Beziehung gibt es bundesweit, und inwieweit werden solche Forschungen der Entwicklungspsychologie durch spezielle Projekte etwa im Rahmen der Drittmittelforschung oder von DFG-Programmen bzw. im internationalen Austausch gefördert?

2. Welche Einrichtung bzw. welche Fachbereiche/Fakultäten befassen sich schwerpunktmäßig mit der Bindungsforschung?

3. Welche deutschen Studien zur Bindungsforschung sind der Bundesregierung bekannt, und welche Bereiche der Forschung sollten – etwa im Hinblick auf die in der deutschen Gesellschaft zu findenden Bindungsmilieus – insbesondere empirisch stärker erforscht werden?

4. Wie werden Ergebnisse jeweils der Öffentlichkeit, zukünftigen Eltern, Erzieherinnen und Erziehern und Trägern von familienunterstützenden bzw. die Elternkompetenz stützenden Angeboten auch im Rahmen von Publikationen etwa der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung zugänglich gemacht?

5. Welche Schlussfolgerungen zieht die Bundesregierung aus den vorliegenden Studien, insbesondere aus den in den 1970er Jahren gestarteten Langzeitstudien, mit Blick auf die Sozialisation innerhalb belasteter Familien (Hoch-Risiko-Stichproben) und Möglichkeiten der pädagogischen Kompensation depravierender Entwicklungsbedingungen?

6. Welche resilienz-fördernden Strategien lassen sich nach Auffassung der Bundesregierung hieraus ableiten, und wie können forschungsindizierte Ergebnisse zur (kompensatorischen) Vermeidung von Bindungsstörungen fruchtbar gemacht werden?

7. Wie können Eltern möglichst frühzeitig beim Aufbau positiver emotionaler Kompetenzen unterstützt und auf die Elternrolle vorbereitet werden?

8. Inwieweit werden Erkenntnisse aus der Bindungs- und Sozialisationsforschung seitens der Länder und Kommunen bei der Unterstützung werdender Mütter und Väter um- und eingesetzt?

9. Wie beurteilt die Bundesregierung die Programme „Safe – sichere Ausbildung für Eltern“ und „B.A.S.E. – Babywatching gegen Aggression und Angst für Sensitivität und Empathie“?

10. Welche Bedeutung kommt der Bindungsforschung im Rahmen der sog. Frühwarnsysteme des Bundesfamilienministeriums zu, und wie sind derartige Konzepte auf Länder- und Kommunalebene bislang umgesetzt worden?

11. Welche Ergebnisse liegen hinsichtlich der Kritik an der Fremdbetreuung bei Kindern unter drei Jahren aus dem Bereich der Bindungsforschung vor?

12. In welchem Umfang wird durch wen dafür Sorge getragen, dass Erkenntnisse der Bindungsforschung insbesondere bei der Betreuung der Kinder unter drei Jahren im Rahmen von Kindertagespflege und in Kindertagesstätten berücksichtigt werden?

13. In welchem Umfang fließen nach Kenntnis der Bundesregierung Erkenntnisse der Bindungsforschung in die Aus-, Fort- und Weiterbildung der Erzieherinnen und Erzieher bzw. in die Bildungs- und Erziehungspläne in den Bundesländern ein, und inwieweit gibt es in diesem Bereich einen Nachholbedarf?

14. Kann die Bindungsforschung Indizien dafür liefern, ob und in welchem Maße die Bildung und Betreuung von Kleinkindern durch die Tagespflege der Tagesbetreuung („Krippe“), alleine schon aufgrund der geringeren Gruppengröße, aus pädagogischen und sozialisatorischen Erwägungen vorzuziehen wäre?

15. Welche Gründe sprechen dafür, dass die Bildung und Betreuung von Kindern zwischen dem 0. und 3. Lebensjahr eine gleichrangige Förderung durch Angebote der Tagespflege und Tagesbetreuung erfahren?

16. Inwieweit werden nach Kenntnis der Bundesregierung Erkenntnisse der Bindungsforschung bei speziellem Förderbedarf von Kindern und der Erstellung von Beobachtungsbögen in den Kindertagesstätten berücksichtigt?

Fragen16

1

Welche speziellen Forschungsprojekte mit Blick auf Mutter/Vater-Kind- Beziehung gibt es bundesweit, und inwieweit werden solche Forschungen der Entwicklungspsychologie durch spezielle Projekte etwa im Rahmen der Drittmittelforschung oder von DFG-Programmen bzw. im internationalen Austausch gefördert?

2

Welche Einrichtung bzw. welche Fachbereiche/Fakultäten befassen sich schwerpunktmäßig mit der Bindungsforschung?

3

Welche deutschen Studien zur Bindungsforschung sind der Bundesregierung bekannt, und welche Bereiche der Forschung sollten – etwa im Hinblick auf die in der deutschen Gesellschaft zu findenden Bindungsmilieus – insbesondere empirisch stärker erforscht werden?

4

Wie werden Ergebnisse jeweils der Öffentlichkeit, zukünftigen Eltern, Erzieherinnen und Erziehern und Trägern von familienunterstützenden bzw. die Elternkompetenz stützenden Angeboten auch im Rahmen von Publikationen etwa der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung zugänglich gemacht?

5

Welche Schlussfolgerungen zieht die Bundesregierung aus den vorliegenden Studien, insbesondere aus den in den 1970er Jahren gestarteten Langzeitstudien, mit Blick auf die Sozialisation innerhalb belasteter Familien (Hoch-Risiko-Stichproben) und Möglichkeiten der pädagogischen Kompensation depravierender Entwicklungsbedingungen?

6

Welche resilienz-fördernden Strategien lassen sich nach Auffassung der Bundesregierung hieraus ableiten, und wie können forschungsindizierte Ergebnisse zur (kompensatorischen) Vermeidung von Bindungsstörungen fruchtbar gemacht werden?

7

Wie können Eltern möglichst frühzeitig beim Aufbau positiver emotionaler Kompetenzen unterstützt und auf die Elternrolle vorbereitet werden?

8

Inwieweit werden Erkenntnisse aus der Bindungs- und Sozialisationsforschung seitens der Länder und Kommunen bei der Unterstützung werdender Mütter und Väter um- und eingesetzt?

9

Wie beurteilt die Bundesregierung die Programme „Safe – sichere Ausbildung für Eltern“ und „B.A.S.E. – Babywatching gegen Aggression und Angst für Sensitivität und Empathie“?

10

Welche Bedeutung kommt der Bindungsforschung im Rahmen der sog. Frühwarnsysteme des Bundesfamilienministeriums zu, und wie sind derartige Konzepte auf Länder- und Kommunalebene bislang umgesetzt worden?

11

Welche Ergebnisse liegen hinsichtlich der Kritik an der Fremdbetreuung bei Kindern unter drei Jahren aus dem Bereich der Bindungsforschung vor?

12

In welchem Umfang wird durch wen dafür Sorge getragen, dass Erkenntnisse der Bindungsforschung insbesondere bei der Betreuung der Kinder unter drei Jahren im Rahmen von Kindertagespflege und in Kindertagesstätten berücksichtigt werden?

13

In welchem Umfang fließen nach Kenntnis der Bundesregierung Erkenntnisse der Bindungsforschung in die Aus-, Fort- und Weiterbildung der Erzieherinnen und Erzieher bzw. in die Bildungs- und Erziehungspläne in den Bundesländern ein, und inwieweit gibt es in diesem Bereich einen Nachholbedarf?

14

Kann die Bindungsforschung Indizien dafür liefern, ob und in welchem Maße die Bildung und Betreuung von Kleinkindern durch die Tagespflege der Tagesbetreuung („Krippe“), alleine schon aufgrund der geringeren Gruppengröße, aus pädagogischen und sozialisatorischen Erwägungen vorzuziehen wäre?

15

Welche Gründe sprechen dafür, dass die Bildung und Betreuung von Kindern zwischen dem 0. und 3. Lebensjahr eine gleichrangige Förderung durch Angebote der Tagespflege und Tagesbetreuung erfahren?

16

Inwieweit werden nach Kenntnis der Bundesregierung Erkenntnisse der Bindungsforschung bei speziellem Förderbedarf von Kindern und der Erstellung von Beobachtungsbögen in den Kindertagesstätten berücksichtigt?

Berlin, den 10. Oktober 2007

Dr. Guido Westerwelle und Fraktion

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