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Kleine AnfrageWahlperiode 16Beantwortet

Waldschäden und Gefährdung des Waldumbaus durch Baumpilze der Gattung Phytophthora (G-SIG: 16010361)

Wirtschaftliche Schäden durch Phytophthora-Baumpilzbefall für Forstwirtschaft und Baumschulen, Stand der Forschung, Zusammenhang zwischen Kronenschäden und Klimaveränderung, Maßnahmen <p> </p>

Fraktion

FDP

Datum

24.03.2006

Aktualisiert

26.07.2022

Deutscher BundestagDrucksache 16/88008. 03. 2006

Waldschäden und Gefährdung des Waldumbaus durch Baumpilze der Gattung Phytophthora

der Abgeordneten Dr. Christel Happach-Kasan, Hans-Michael Goldmann, Dr. Karl Addicks, Christian Ahrendt, Daniel Bahr (Münster), Uwe Barth, Rainer Brüderle, Angelika Brunkhorst, Ernst Burgbacher, Patrick Döring, Mechthild Dyckmans, Jörg van Essen, Otto Fricke, Paul K. Friedhoff, Horst Friedrich (Bayreuth), Miriam Gruß, Joachim Günther (Plauen), Heinz-Peter Haustein, Elke Hoff, Gudrun Kopp, Jürgen Koppelin, Heinz Lanfermann, Sibylle Laurischk, Harald Leibrecht, Ina Lenke, Horst Meierhofer, Patrick Meinhardt, Jan Mücke, Burkhardt Müller-Sönksen, Dirk Niebel, Hans-Joachim Otto (Frankfurt), Jörg Rohde, Marina Schuster, Dr. Max Stadler, Florian Toncar, Christoph Waitz, Dr. Volker Wissing, Hartfrid Wolff (Rems-Murr), Martin Zeil, Dr. Wolfgang Gerhardt und der Fraktion der FDP

Vorbemerkung

Der Waldzustandsbericht 2005 der Bundesregierung (Bundestagsdrucksache 16/493, S. 23) weist auf die schädigende Wirkung von Phytophthora-Baumpilzen hin: „Die Bedeutung der an Bäumen auftretenden Phytophthora-Arten wird im Zusammenhang mit verschiedenen Waldschäden in zunehmendem Maße kontrovers diskutiert.“ Während zunächst insbesondere Pflanzen der Gattungen Rhododendron und Viburnum (Schneeball) befallen waren, tritt der Befall inzwischen auch bei forstlich genutzten Waldbäumen auf. Phytophthora-Pilze befallen das Wurzelsystem oder aber auch die Rinde von Bäumen. Wird das Feinwurzelsystem eines Baumes durch den Pilz zu stark geschädigt, kommt es zum raschen Absterben des ganzen Baumes. Der besorgniserregend schlechte Zustand von über 50 Prozent des deutschen Eichenbestands in 2005 wird im Waldzustandsbericht auf Komplexerkrankungen zurückgeführt. Konkret angeführt werden hierbei: Das Auftreten von Phytophthora-Pilzbefall, ein verstärkter Befall von Eichenmehltau sowie die Schädigung der Eichen durch den Prachtkäfer.

1993 wurde erstmals in England ein weit verbreitetes Absterben von Schwarzerlen (Alnus glutinosa) entlang von Flussläufen sowie in flussfernen Aufforstungen beobachtet. Als Verursacher der Krankheit gilt ein neuer, bislang unbekannter Pilz der Gattung Phytophthora. Er ist vermutlich aus zwei verschiedenen schon lange bekannten Arten der gleichen Gattung durch Hybridisierung natürlich entstanden. In Süddeutschland wurde die Phytophthora-Wurzelhalsfäule an Erlen 1995 erstmals nachgewiesen. Mittlerweile hat sich die Krankheit auf ganz Deutschland ausgeweitet und ein Großteil der Schwarzerlenbestände ist bereits befallen. Das „Erlensterben“ breitet sich gegenwärtig auch im übrigen Europa sehr rasch aus. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass die weite Verbreitung dieser Erkrankung in forstlichen und flussbegleitenden Beständen häufig auf die Pflanzung von mit Phytophthora infiziertem Baumschulmaterial zurückzuführen ist.

Außer Eiche und Erle werden auch Rotbuchen (Fagus sylvatica) auf wechselfeuchten Forststandorten von Phytophthora-Arten befallen. In Bayern wurde erstmals 1996 über das Vorkommen verschiedener Phytophthora-Arten in erkrankten Buchenbeständen berichtet. In der Folge wurde in Norddeutschland auf zeitweise nassen Standorten ebenfalls die Schädigung von Buchen durch Phytophthora festgestellt. Eine in den Jahren 2003 bis 2005 in über 100 Buchenbeständen in Bayern durchgeführte Untersuchung zeigte, dass auf den meisten Standorten Phytophthora-Arten Zerstörungen des Feinwurzelsystems sowie Wurzelhalsfäulen und Stammkrebse auslösten, die die Bäume massiv schädigten. In Großbritannien, Irland, Dänemark, Norwegen, Schweden, den Niederlanden, Belgien, Italien, Spanien, der Schweiz und Österreich konnten bislang verschiedene Phytophthora-Arten von kranken Buchen isoliert werden.

Zum Schutz vor einer weiteren Einschleppung von Phytophthora ramorum hat die Europäische Union Notmaßnahmen erlassen. Diese sind in der Entscheidung (2002/757/EG) vom 19. September 2002 aufgeführt und betreffen wesentlich die Kontrolle der Importe von Rhododendron und Viburnum. Die zahlreichen Funde bei Waldbäumen werfen jedoch die Frage auf, ob die Maßnahmen der EU-Entscheidung ausreichen. Der Umbau reiner Nadelholzbestände zu Mischwäldern erfordert das Pflanzen von Laubbäumen. Werden mit den Forstpflanzen hoch pathogene Phytophthora-Arten in den Wald eingebracht, könnten die Umbaumaßnahmen gefährdet werden. Daher ist die Umsetzung von phytosanitären Maßnahmen zur Eindämmung der Verbreitung von Phytophthora von großer Bedeutung.

Wir fragen die Bundesregierung:

Fragen19

1

Welche Baumarten sind in Deutschland von Phytophthora-Erkrankungen betroffen, um welche Phytophthora-Arten handelt es sich hierbei im Einzelnen, und welche Flächen sind in Deutschland maßgeblich von Phytophthora-Erkrankungen an Bäumen betroffen und in welchem Umfang?

2

Wie ist der Krankheitsverlauf bei den verschiedenen von Phytophthora-Erkrankungen betroffenen Baumarten?

3

Beeinträchtigt der Befall mit Phytophthora die Nutzung des Holzes, und wenn ja, in welcher Weise?

4

Welche wirtschaftlichen Schäden entstehen nach Kenntnis der Bundesregierung der deutschen Forst- und Baumschulwirtschaft durch Phytophthora-Befall?

5

Welche wissenschaftlichen Erkenntnisse über einen Zusammenhang zwischen den in Deutschland weit verbreiteten Kronenschäden der Bäume, den durch Phytophthora-Arten bedingten Feinwurzelzerstörungen der Bäume und den Klimaveränderungen hat die Bundesregierung?

6

Welche Maßnahmen hat die Bundesregierung ergriffen, um nach dem Bekanntwerden der Schädigung von Bäumen durch Phytophthora-Befall in 1995 die weitere Verbreitung der Baumkrankheit zu verhindern?

7

In welcher Weise wurde die Entscheidung (2002/757/EG) vom 19. September 2002 über vorläufige Sofortmaßnahmen zur Verhinderung der Einschleppung und Ausbreitung von Phytophthora ramorum umgesetzt?

8

Wie viele Meldungen über das vermutete oder bestätigte Auftreten des Schadorganismus nach Artikel 5 hat es gegeben, welche Institution hat die amtlichen Erhebungen nach Artikel 6 durchgeführt, und wie ist das Ergebnis in 2003, 2004 und 2005?

9

In welchem Umfang sind Flächen des Bundes und der BVVG vom Phytophthora-Befall betroffen, und in welcher Weise hat die Bundesregierung bei der Bewirtschaftung der Forstflächen die Gefährdung durch Phytophthora-Befall berücksichtigt?

10

Hat nach Kenntnis der Bundesregierung das Ausbringen von mit Phytophthora-Pilzen infiziertem Baumschulmaterial zur weiteren Verbreitung der Baumkrankheit beigetragen?

11

Welche anderen Übertragungswege gibt es?

12

Welche Kenntnisse hat die Bundesregierung über den Grad des Befalls von Baumschulen mit Phytophthora?

Gibt es Programme zur Sanierung von Baumschulen?

13

Mit welcher Methode wird der Phytophthora-Befall nachgewiesen, und welche Kosten verursacht dies?

14

Werden Forstpflanzen vor der Auspflanzung untersucht, ob sie mit Phytophthora befallen sind, und wenn nein, warum nicht?

15

Welche Kenntnisse gibt es über Phytophthora-Resistenz bei Bäumen.

16

Wie ist der Stand der Phytophthora-Forschung in Deutschland?

17

Welche Forschungsvorhaben im Bereich der Ressortforschung wurden in Auftrag gegeben, welche Vorhaben im Bereich der Universitäten gibt es, und welche finanziellen Mittel sind zukünftig für Forschungsvorhaben auf diesem Gebiet vorgesehen?

18

Teilt die Bundesregierung die Einschätzung, dass die Phytophthora-Forschung als Grundlagenforschung anzusehen ist, die Aufgabe öffentlich finanzierter Forschung ist?

19

Teilt die Bundesregierung die Einschätzung, dass der Erforschung von Phytophthora-Erkrankungen bei Waldbäumen und Maßnahmen zur Verhinderung der weiteren Verbreitung der Baumkrankheit eine höhere Aufmerksamkeit als bisher geschenkt werden muss, um die Stabilität unserer Mischwälder zu sichern, und wenn nein, warum nicht?

Berlin, den 8. März 2006

Dr. Wolfgang Gerhardt und Fraktion

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