Mögliche Strategien zur Bekämpfung der Rosskastanien-Miniermotte in Deutschland
der Abgeordneten Dr. Christel Happach-Kasan, Hans-Michael Goldmann, Dr. Edmund Peter Geisen, Dr. Karl Addicks, Christian Ahrendt, Rainer Brüderle, Angelika Brunkhorst, Ernst Burgbacher, Mechthild Dyckmans, Jörg van Essen, Ulrike Flach, Otto Fricke, Horst Friedrich (Bayreuth), Miriam Gruß, Heinz-Peter Haustein, Hellmut Königshaus, Dr. Heinrich L. Kolb, Heinz Lanfermann, Sibylle Laurischk, Harald Leibrecht, Ina Lenke, Michael Link (Heilbronn), Markus Löning, Horst Meierhofer, Patrick Meinhardt, Jan Mücke, Burkhardt Müller-Sönksen, Dirk Niebel, Cornelia Pieper, Gisela Piltz, Jörg Rohde, Frank Schäffler, Marina Schuster, Dr. Max Stadler, Carl-Ludwig Thiele, Florian Toncar, Christoph Waitz, Dr. Claudia Winterstein, Dr. Volker Wissing, Hartfrid Wolff (Rems-Murr), Dr. Guido Westerwelle und der Fraktion der FDP
Vorbemerkung
Kastanien sind beliebte Park- und Alleebäume. Seit einigen Jahren werden sie von einem eingeschleppten Kleinschmetterling befallen, der Rosskastanien-Miniermotte (Cameraria ohridella). Die Raupen der Motte zerstören bis zum Hoch- und Spätsommer die gesamte Blattmasse der Kastanien, das Laub verbräunt, die Blätter werden vorzeitig abgeworfen. Bis zu drei Generationen können je nach Witterung in einer Vegetationsperiode heranwachsen. Ein Weibchen legt zwischen 1 000 und 2 000 Eier. Die Puppen der letzten Generation überwintern im heruntergefallenen Laub.
Die Rosskastanie wurde Ende des 16. Jahrhunderts aus Kleinasien nach Mitteleuropa eingeführt. In Europa ist sie nur in den Mittelgebirgen des Balkans heimisch. Auf Grund ihrer auffälligen Blütenkerzen im frühen Frühjahr und der als Spielzeug beliebten, glänzenden Früchte gehört sie zu den attraktivsten Park- und Alleebäumen. Die Kastanien-Miniermotte wurde erst 1985 in Mazedonien entdeckt. Seither hat sie sich in ganz Mitteleuropa mit enormer Geschwindigkeit ausgebreitet, nur Spanien, Portugal und Skandinavien sind ausgenommen. Fast der gesamte Kastanienbestand in Deutschland zeigt mittlerweile deutliche Krankheitssymptome.
Die Rosskastanien-Miniermotte gehört inzwischen zu den invasiven Neozoen, die erhebliche Schäden verursachen. Der Jahr für Jahr sich verstärkende Massenbefall der Bäume stellt für Städte mit großem Kastanienbestand ein ästhetisches wie auch ein ökonomisches Problem dar. Die Bäume verlieren außerdem bei starkem Befall ihre stadtklimatische Funktion. Die Bekämpfung der Rosskastanien-Miniermotte kann kommunale Haushalte finanziell erheblich belasten. Der Schadbefall der attraktiven Bäume kann zu einer deutlichen Minderung des Erscheinungsbilds der Städte führen. Kaffee- und Biergärten unter braunen Kastanienbäumen sind im Sommer nicht einladend. Die zusätzlichen Fegearbeiten zur Minderung des Erstbefalls im darauffolgenden Frühjahr sowie der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln sind kostenaufwändig. Kastanien haben nur eine geringe forstliche Bedeutung, ihr Erhalt im Städte- und Landschaftsbild ist jedoch kultur- und tourismuspolitisch von Bedeutung. Daher sollte die Bekämpfung des Schadinsekts verstärkt werden.
Wir fragen die Bundesregierung:
Fragen20
Wie ist der aktuelle Forschungsstand zur Biologie der Kastanien- Miniermotte, ihrer Herkunft, ihrer Verbreitung und der Wirtspflanzen, die sie in Deutschland befällt?
Wo und wann traten erstmals in Europa Schäden durch die Rosskastanien- Miniermotte auf, und wie ist die plötzliche rasante Verbreitung der Motte in Europa zu erklären?
Wie hoch schätzt die Bundesregierung die von der Rosskastanien- Miniermotte in Deutschland pro Jahr verursachten finanziellen Schäden, und wie bewertet die Bundesregierung die Schadwirkung der Motte im Vergleich zur Schadwirkung anderer invasiver Neozoen?
Stellt die Ausbreitung der Rosskastanien-Miniermotte nach der Bewertung der Bundesregierung einen „ökologischen Schaden“ dar, und wenn ja, welche Definition legt sie dabei zugrunde?
Finden sich in den ursprünglich von der Rosskastanien-Miniermotte beheimateten Gebieten weißblütige Rosskastanien, oder stellt diese Kastanienart einen typischen Fehlwirt dar?
Wie ist die Verbreitung der Rosskastanien-Miniermotte in Deutschland, welche Regionen sind besonders betroffen, welche Baumarten werden befallen?
Gibt es in Deutschland derzeit noch Regionen in denen Rosskastanien nicht von der Miniermotte befallen sind, und wenn ja, wo befinden sich diese?
Ist nach Einschätzung der Bundesregierung die Ausbreitung der Rosskastanien-Miniermotte durch den Klimawandel begünstigt worden?
Gibt es Viruserkrankungen oder sekundären Pilzbefall, der durch den Befall der Rosskastanien-Miniermotte begünstigt wird?
Wie ist der Stand der Entwicklung von Pheromonfallen für die Rosskastanien-Miniermotte als Befallsanzeiger?
Welche Pflanzenschutzmittel sind für die Bekämpfung der Rosskastanien- Miniermotte in Deutschland zur Anwendung im innerstädtischen Bereich zugelassen, und wie bewertet die Bundesregierung die Wirksamkeit dieser Pflanzenschutzmittel?
Stehen Pflanzenschutzmittel zur Verfügung, die für eine Gieß-, Bauminfusions- oder Bodeninjektionsbehandlung geeignet sind, und wenn ja, welche?
Wie bewertet die Bundesregierung das Verfahren, Wirkstoffe zur Bekämpfung der Rosskastanien-Miniermotte mit Baumpflastern zu applizieren und dadurch das bei der Sprühapplikation nicht völlig zu vermeidende Verdriften von Pflanzenschutzmitteln sicher zu beherrschen, und wie ist der Stand der Versuchsarbeiten?
Welche Pflanzenschutzmittel sind für die Verwendung in Baumpflastern zugelassen, und welche Erfahrungen hinsichtlich der Wirksamkeit wurden gemacht?
Wie werden die Möglichkeiten, die Rosskastanien-Miniermotte in Deutschland mit natürlichen Feinden (z. B. durch den Einsatz von Schlupfwespen) zu bekämpfen von der Bundesregierung eingeschätzt, welche Organismen wurden getestet, und wie war der Erfolg?
Sieht die Bundesregierung weiteren Forschungsbedarf dem Befall von Kastanien mit Miniermotten in Deutschland entgegenzuwirken, und wo sollten hierbei Forschungsschwerpunkte liegen?
Welche Institutionen beschäftigen sich mit der Entwicklung von Strategien zur kostengünstigen und umweltschonenden Bekämpfung der Rosskastanien-Miniermotte?
Wie beurteilt die Bundesregierung die Effektivität von derzeit üblichen Kastanienlaub-Sammelaktivitäten im Herbst, um die weitere Verbreitung der Miniermotte in Deutschland einzudämmen?
Wie ist das gesammelte Laub zu entsorgen, um das Schlüpfen der Puppen im kommenden Frühjahr zu unterbinden?
Sollten nach Einschätzung der Bundesregierung Ausnahmegenehmigungen für das Verbrennen des Laubes als sicherster Methode zur Vernichtung der Puppen erteilt werden?