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Kleine AnfrageWahlperiode 19Beantwortet

Nationale Dekade für Alphabetisierung und Grundbildung

(insgesamt 31 Einzelfragen mit zahlreichen Unterfragen)

Fraktion

FDP

Ressort

Bundesministerium für Bildung und Forschung

Datum

10.07.2019

Aktualisiert

26.07.2022

Deutscher BundestagDrucksache 19/1094317.06.2019

Nationale Dekade für Alphabetisierung und Grundbildung

der Abgeordneten Dr. Jens Brandenburg (Rhein-Neckar), Britta Katharina Dassler, Katja Suding, Mario Brandenburg (Südpfalz), Dr. h. c. Thomas Sattelberger, Matthias Seestern-Pauly, Grigorios Aggelidis, Renata Alt, Jens Beeck, Johannes Vogel (Olpe), Dr. Marco Buschmann, Dr. Marcus Faber, Daniel Föst, Otto Fricke, Thomas Hacker, Katrin Helling-Plahr, Markus Herbrand, Torsten Herbst, Katja Hessel, Manuel Höferlin, Reinhard Houben, Ulla Ihnen, Olaf in der Beek, Gyde Jensen, Dr. Christian Jung, Thomas L. Kemmerich, Pascal Kober, Carina Konrad, Alexander Graf Lambsdorff, Ulrich Lechte, Roman Müller-Böhm, Dr. Martin Neumann, Bernd Reuther, Dr. Wieland Schinnenburg, Frank Sitta, Bettina Stark-Watzinger, Dr. Marie-Agnes Strack-Zimmermann, Benjamin Strasser, Michael Theurer, Stephan Thomae und der Fraktion der FDP

Vorbemerkung

Um jedem Menschen die weltbeste Bildung zu ermöglichen, muss der Zugang zu einer erfolgreichen Grundbildung gesichert sein. Diese ist Grundlage jeder weiterführenden Bildung und damit die Basis für wirtschaftliche und gesellschaftliche Teilhabe in allen Lebensbereichen. Zur Grundbildung gehört die Alphabetisierung. Während der primäre Analphabetismus in westlichen Industrienationen kaum noch eine Rolle spielt, stellt die geringe Literalität auch in Deutschland noch immer ein Problem dar. Allein in Deutschland sind laut der LEO-Studie 2018 etwa 6,2 Millionen Menschen zwischen 15 und 64 Jahren gering literalisiert (vgl. https://blogs.epb.uni-hamburg.de/leo/files/2019/05/LEO2018-Presseheft.pdf, www.zeit.de/gesellschaft/schule/2019-05/leo-2018-studie-literalitaet-analphabetismusdeutschland). Die Vorgängerstudie aus dem Jahr 2011 hatte noch von 7,5 Millionen gering literalisierten Menschen in Deutschland berichtet. Die scheinbare Verbesserung der Zahlen kommt vor allem dadurch zustande, dass ältere Menschen aus der Alterspanne der Befragten herausgefallen sind. Bei der Studie 2011 wurde der Jahrgang 1946 bis 1952 noch befragt, worunter der Anteil der gering literalisierten Personen 17 Prozent betragen hat. Diese demographische Gruppe wurde 2018 bei der Studie nicht mehr befragt (vgl. https://blogs.epb.uni-hamburg.de/ leo/files/2019/05/LEO2018-Presseheft.pdf, www.zeit.de/gesellschaft/schule/2019- 05/leo-2018-studie-literalitaet-analphabetismus-deutschland).

Schriftliche Kommunikation nimmt einen großen Stellenwert im alltäglichen und beruflichen Leben ein. Außerdem wird zunehmend mehr Eigenverantwortung vom Einzelnen abverlangt werden. Menschen aller Altersklassen sind deshalb auf den Zugang zu guter Bildung angewiesen. Eine gute Grundbildung ist dabei nicht nur Voraussetzung für gesellschaftliche Teilhabe jeglicher Art, sondern auch für selbstbestimmtes lebenslanges Lernen. Diese Herausforderungen muss eine Strategie zur Besserung der Grundbildung adressieren.

Im Jahr 2016 wurde von Bund und Ländern als Nachfolge für die „Nationale Strategie zur Alphabetisierung und Grundbildung Erwachsener in Deutschland 2012 – 2016“ die „Nationale Dekade für Alphabetisierung und Grundbildung (AlphaDekade)“ gestartet. In der zehnjährigen Laufzeit werden dafür 180 Mio. Euro bereitgestellt, von Bundesseite im Haushalt 2019 insgesamt 21,5 Mio. Euro

Aus der LEO-Studie 2018 (https://blogs.epb.uni-hamburg.de/leo/files/2019/05/ LEO2018-Presseheft.pdf) geht hervor, dass für etwa 10 Prozent der Erwerbstätigen in Deutschland weite Teile der gesellschaftlichen, sozialen und beruflichen Teilhabe erschwert bleiben, da sie gering literalisiert sind. Nur 0,7 Prozent der gering literalisierten Menschen haben laut der Studie an einer Weiterbildungsmaßnahme im Bereich der Grundbildung und Alphabetisierung teilgenommen, 28 Prozent an Weiterbildungen anderer Art. Hinzu kommt, dass die Angst vor Ausgrenzung und sozialem Abstieg bei den Betroffenen oftmals so groß ist, dass diese keine Hilfe in Anspruch nehmen, selbst wenn diese theoretisch zur Verfügung stünde. Das Tabu ist noch immer groß. Dies bestätigt auch die Studienleiterin Anke Grotelüschen (www.zeit.de/gesellschaft/schule/2019-05/leo-2018- studieliteralitaet-analphabetismus-deutschland).

Wir fragen die Bundesregierung:

Fragen31

1

Wie hat sich nach Kenntnis der Bundesregierung seit 2011 die Zahl der gering literalisierten Erwachsenen in Deutschland verändert (bitte unter Einschluss älterer Kohorten für die einzelnen Jahre jeweils nach Alter, Geschlecht und Berufsgruppen aufgliedern)? Wie beurteilt die Bundesregierung diese Entwicklung?

2

Welche Unterschiede gibt es aus Sicht der Bundesregierung zwischen der LEO-Level-One-Studie aus dem Jahr 2010 und der zweiten Level-One-Studie 2018? Inwieweit sind die Ergebnisse nach Einschätzung der Bundesregierung vergleichbar?

3

Wie hat sich seit 2011 die Zahl der Betroffenen entwickelt, die sich in Grundbildungsmaßnahmen befinden (bitte für die einzelnen Jahre jeweils nach Alter, Geschlecht und Berufsgruppen aufgliedern)?

4

Wie bewertet die Bundesregierung das Ergebnis der LEO-Studie 2018, dass nur 0,7 Prozent der gering literalisierten Personen an Weiterbildungsangeboten aus dem Bereich Grundbildung und Alphabetisierung teilnehmen?

a) Welche Maßnahmen hat die Bundesregierung ergriffen, um die Teilnahme an solchen Angeboten zu fördern und Aufmerksamkeit dafür zu generieren?

b) Wie bewertet die Bundesregierung die Wirksamkeit dieser Maßnahmen?

c) Welche Maßnahmen plant die Bundesregierung, um den Anteil der gering literalisierten Teilnehmer an Grundbildungsmaßnahmen zu erhöhen?

d) Aus welchen Gründen nehmen aus Sicht der Bundesregierung so wenig gering literalisierte Erwachsene an Grundbildungsangeboten teil?

5

Stimmt die Bundesregierung der Aussage der Bundesministerin für Bildung und Forschung im Presseheft für die LEO-Studie 2018 zu, dass „mehr als eine Million Erwachsene in den vergangen acht Jahren in Deutschland ihren Mut zusammengenommen und lesen und schreiben gelernt [haben]“ (vgl. https://blogs.epb.uni-hamburg.de/leo/files/2019/05/LEO2018-Presseheft.pdf)? Wenn ja, welche Datenbasis zieht die Bundesregierung für diese Aussage heran?

6

Welche Kenntnisse hat die Bundesregierung über die Zahl von gering literalisierten Menschen in Deutschland, die älter als 64 Jahre sind?

a) Welche Maßnahmen ergreift die Bundesregierung, um Zugang zur Grundbildung für ältere gering literalisierte Menschen zu fördern?

b) Mit welchen besonderen Herausforderungen werden nach Einschätzung der Bundesregierung ältere Menschen, die nicht gut lesen und schreiben können, konfrontiert?

7

Wie steht Deutschland hinsichtlich der Zahl der gering literalisierten Erwachsenen im OECD-Vergleich da?

8

Wie hoch schätzt die Bundesregierung den Förderbedarf ein, um effektive Lernangebote für alle gering literalisierte Erwachsene in Deutschland anzubieten?

9

Welche Mittel wurden jährlich seit 2010 von der Bundesregierung zur Verbesserung der Literalität zur Verfügung gestellt?

10

Wie werden die Bundesmittel für die AlphaDekade konkret verwendet (die einzelnen Investitionen bitte nach Zweck, Laufzeit bzw. Abrufungszeitraum sowie dem betreffenden Haushaltsjahr aufteilen)?

11

Welche konkreten Maßnahmen (bitte jeweils mit einer Kurzbeschreibung auflisten) haben Bund und Länder im Rahmen der AlphaDekade bisher vorgenommen, und welche sind geplant (bitte in die fünf Themenbereiche der AlphaDekade – Öffentlichkeitsarbeit, Forschung, Lernangebote, Professionalisierung und Strukturen – aufgliedern)?

12

Welche Maßnahmen hat die Bundesregierung ergriffen bzw. plant die Bundesregierung zu ergreifen, um die nationale Dekade für Alphabetisierung auszubauen? Wie berücksichtigt die Bundesregierung dabei insbesondere die arbeitsplatz- und familienorientierte Grundbildung?

13

Wie werden diese Maßnahmen evaluiert?

14

Welche Erfolge lassen sich durch diese Maßnahmen bereits erkennen (bitte in die fünf Themenbereiche der AlphaDekade – Öffentlichkeitsarbeit, Forschung, Lernangebote, Professionalisierung und Strukturen – aufgliedern)?

15

Welche Erkenntnisse lassen sich aus diesen Maßnahmen ableiten (bitte in die fünf Themenbereiche der AlphaDekade – Öffentlichkeitsarbeit, Forschung, Lernangebote, Professionalisierung und Strukturen – aufgliedern)?

16

Welche finanziellen Aufwendungen haben Bund und Länder bisher für die AlphaDekade verausgabt, und auf welche Höhe werden sich diese Mittel in den nächsten Jahren bis 2026 voraussichtlich belaufen?

17

Hält die Bundesregierung die Höhe der Mittel, die für die AlphaDekade bereitgestellt wurden, für ausreichend, um die Zahl der gering literalisierten Erwachsenen in Deutschland signifikant und nachhaltig zu verringern?

18

Welche Chancen ergeben sich aus Sicht der Bundesregierung, die Länder bei der Förderung von Alphabetisierung nach der Änderung des Artikels 104c des Grundgesetzes verstärkt zu unterstützen?

19

Welche Forschungsprojekte im Auftrag der Bundesregierung zum Thema Alphabetisierung gibt bzw. gab es? Wie wurden die Ergebnisse in der Politikgestaltung bisher berücksichtigt?

20

Welche Förderbereiche sind im Zuge der Nationalen Strategie und der AlphaDekade fortgeführt bzw. neu errichtet worden?

21

Welche Visionen und Ideen hat die Bundesregierung für die Zukunft der AlphaDekade und über diese hinaus für die Zukunft der Grundbildung in Deutschland?

22

Wurde die Bildungsprämie, wie im Ergebnispapier der Nationalen Strategie gefordert, für die Grundbildung geöffnet? Wenn ja, welche Erfolge gibt es? Wenn nein, warum nicht?

23

Welche Erkenntnisse hat die Bundesregierung aus den regelmäßigen Berichten der Länder gewonnen? Sind konkrete Maßnahmen aus diesen erwachsen?

24

Welchen Bedarf an Lehrkräften zur Förderung des Lesens und Schreibens gibt es nach Kenntnis der Bundesregierung derzeit in Deutschland? Wie hat sich dieser seit 2011 verändert?

25

In welcher Weise werden die Chancen der Digitalisierung bei der Umsetzung der Ziele der AlphaDekade genutzt?

26

Welche Auswirkungen hat aus Sicht der Bundesregierung die zunehmende Digitalisierung der Wirtschaft und Gesellschaft auf gering literalisierte Erwachsene?

27

Wie bewertet die Bundesregierung, auch unter Berücksichtigung der oben erwähnten Maßnahmen, die Situation der Betroffenen in folgenden Bereichen der gesellschaftlichen Teilhabe: a) im aktiven und passiven Wahlrecht, b) in der Medizin, beispielsweise bei der freien Arztwahl oder der Zustimmungserklärung bei Operationen, c) beim Einkauf, konkret beim Vergleich von Produkten oder bei der Prüfung der Zusammensetzung von Lebensmitteln, d) im Straßenverkehr, e) bei Behördengängen, f) bei Finanzgeschäften, g) bei Vertragsabschlüsse, h) bei der Wohnungssuche, i) bei der Informationsbeschaffung (Adressen, Telefonnummern, Nachrichten in Printmedien etc.)?

28

Wie bewertet die Bundesregierung die Situation von gering literalisierten Eltern, die schulpflichtige Kinder haben? Gibt es Unterstützung für diese Eltern? Wenn ja, welche, und mit welchem Erfolg wird diese angenommen?

29

Wie bewertet die Bundesregierung die Wahrnehmung von geringer Literalität in der Gesellschaft?

a) Welche Maßnahmen ergreift die Bundesregierung, um mehr Aufmerksamkeit für diese Herausforderung zu schaffen?

b) Welche Maßnahmen ergreift die Bundesregierung, um Stigma gegen gering literalisierte Erwachsene abzubauen?

30

Stimmt die Bundesregierung der Aussage der Bundesministerin für Bildung und Forschung im Presseheft zur LEO-Studie 2018 zu, „dass es inzwischen nicht mehr ein so starkes Tabu ist, nur eingeschränkt lernen und schreiben zu können“ (vgl. https://blogs.epb.uni-hamburg.de/leo/files/2019/05/LEO2018- Presseheft.pdf)? Wenn ja, welche Belege hat die Bundesregierung für diese Aussage, auch vor dem Hintergrund der Aussagen der Studienleiterin?

31

Wie definiert die Bundesregierung das Unterziel 4.6 des Nachhaltigkeitsziels 4 in der Agenda 2030 der Vereinten Nationen, „[b]is 2030 [sicherzustellen], dass alle Jugendlichen und ein erheblicher Anteil der männlichen und weiblichen Erwachsenen lesen, schreiben und rechnen lernen“, für die Umsetzung in Deutschland? Wie misst die Bundesregierung die Erreichung dieses Ziels?

Berlin, den 5. Juni 2019

Christian Lindner und Fraktion

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