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Kleine AnfrageWahlperiode 19Beantwortet

Sport als Integrationskatalysator für geflüchtete Mädchen und Frauen

Fraktion

FDP

Ressort

Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat

Datum

28.02.2020

Aktualisiert

26.07.2022

Deutscher BundestagDrucksache 19/1717113.02.2020

Sport als Integrationskatalysator für geflüchtete Mädchen und Frauen

der Abgeordneten Britta Katharina Dassler, Stephan Thomae, Renata Alt, Nicole Bauer, Jens Beeck, Dr. Jens Brandenburg (Rhein-Neckar), Mario Brandenburg (Südpfalz), Sandra Bubendorfer-Licht, Dr. Marco Buschmann, Carl-Julius Cronenberg, Hartmut Ebbing, Dr. Marcus Faber, Otto Fricke, Thomas Hacker, Peter Heidt, Katrin Helling-Plahr, Markus Herbrand, Katja Hessel, Manuel Höferlin, Dr. Christoph Hoffmann, Reinhard Houben, Ulla Ihnen, Olaf in der Beek, Gyde Jensen, Pascal Kober, Carina Konrad, Konstantin Kuhle, Ulrich Lechte, Michael Georg Link, Roman Müller-Böhm, Dr. Martin Neumann, Matthias Seestern-Pauly, Judith Skudelny, Dr. Hermann Otto Solms, Bettina Stark-Watzinger, Benjamin Strasser, Katja Suding, Michael Theurer, Manfred Todtenhausen, Gerald Ullrich, Sandra Weeser, Nicole Westig und der Fraktion der FDP

Vorbemerkung

Deutschland hat mit seinen über 90.000 Sportvereinen mit rund 27,3 Millionen Mitgliedern eine sehr bunte Vereins- und Sportlandschaft, welche die Vielfalt der Gesellschaft widerspiegelt. Der Sport stellt ein soziales Handlungsfeld dar, in welchem eine Verständigung der Sportler trotz Sprachbarrieren ermöglicht wird und somit über verschiedene Milieus, Religionen und Kulturen hinweg, Menschen in ein Miteinander gebracht werden. Gerade deshalb hat der Sport für geflüchtete Menschen ein besonderes Potential, deren Integration national zu fördern.

Laut dem Sportbericht 2015/2016 (https://cdn.dosb.de/alter_Datenbestand/user_upload/sportabzeichen.de/downloads/Materialien/2017/2_Sportvereine__Sportb__nde_und_Fl__chtlinge_SEB15.pdf) gibt es nur knapp 6.000 Sportvereine, von deren Mitgliedern mehr als 25 Prozent einen Migrationshintergrund haben. Zudem ist dem Bericht zu entnehmen, dass gerade einmal rund 18,2 Prozent der Sportvereine besondere Maßnahmen für geflüchtete Menschen anbieten; dabei liegen kleinere Vereine deutlich unter diesem Mittelwert. Die besonderen Maßnahmen und Initiativen für geflüchtete Menschen beziehen sich hauptsächlich auf sportliche Aktivitäten bzw. Angebote und besondere Regelungen der Mitgliedsbeiträge. Sehr geringfügig sind jedoch die Kooperation der Vereine mit Stadt, Gemeinde oder Kommunen, die Kooperation mit Sportorganisationen und die Schaffung von speziellen Mannschaften für geflüchtete Menschen.

Statistiken unterscheiden dabei oftmals nicht zwischen Migrantinnen bzw. Migranten und geflüchteten Frauen bzw. Männern. Eine solche Unterscheidung ist nach Ansicht der Fragesteller jedoch bedeutend, da die Definition von einem „Migrationshintergrund“ sehr unterschiedlich sein kann. So haben (Stand 2018) 20,8 Millionen Menschen in Deutschland einen Migrationshintergrund (https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Bevoelkerung/Migration-Integration/Tabellen/migrationshintergrund-geschlecht-insgesamt.html;jsessionid=9031BD82623F6102635FEB5F20F8E739.internet712). Im Gegensatz dazu lebten Ende Juni 2018 673.409 Personen mit Asylberechtigung bzw. Flüchtlingsschutz in Deutschland (http://www.bpb.de/gesellschaft/migration/kurzdossiers/280217/ein-ueberblick-in-zahlen?p=all). Wenn also eine erfolgreiche Integration durch den Sport anhand der Anzahl der Vereinsmitglieder mit Migrationshintergrund gemessen wird, so kann aus Sicht der Fragesteller noch lange nicht auf eine gelungene Integration von geflüchteten Menschen geschlossen werden.

Zwar gibt es etablierte Förderprogramme der Bundesregierung, wie beispielsweise die Programme „Integration durch Sport“ oder „Willkommen im Sport“, dennoch sind geflüchtete Menschen im Sport immer noch deutlich unterrepräsentiert, insbesondere geflüchtete Frauen und Mädchen.

Aktuelle Statistiken, welche eine Auskunft über die derzeitige Mitgliedszahl von geflüchteten Frauen und Mädchen in Sportvereinen geben, sind schwer zu finden. Studien belegen jedoch, dass die Partizipation der Menschen mit Migrationshintergrund am Sport weniger eine Frage der Herkunft, Ethnie, Religion oder des Bildungsstands ist, sondern vor allem eine Frage des Geschlechts (https://www.hss.de/download/publications/PS_460_SPORT_06.pdf). Die Unterrepräsentation der geflüchteten Frauen und Mädchen findet sowohl hinsichtlich einer aktiven Teilnahme im Vereinssport statt als auch im ehrenamtlichen Engagement der Sportvereine.

Gerade diesen Frauen und Mädchen gilt es nach Auffassung der Fragesteller jedoch, die notwendigen Rahmenbedingungen bereitzustellen, um eine erfolgreiche Integration zu gewährleisten. Dies ist von zentraler Bedeutung für unsere Gesellschaft. Zwar dominiert in der deutschen Medienlandschaft seit 2015/2016 mit der zunehmenden Zahl der Menschen, welche aufgrund von Krieg, Verfolgung und Not aus ihren Heimatländern flüchten mussten, das Bild des geflüchteten jungen Mannes, jedoch sind ein Großteil der Asylsuchenden in Deutschland auch Frauen und Mädchen. Im vergangenen Jahr 2018 wurden 161.931 Erstanträge auf Asyl vom Bundesamt entgegengenommen, von denen 43,3 Prozent weibliche Antragsstellerinnen waren (http://www.bamf.de/SharedDocs/Anlagen/DE/Downloads/Infothek/Statistik/Asyl/aktuelle-zahlen-zu-asyl-dezember-2018.pdf?__blob=publicationFile). Der Sport kann nach Ansicht der Fragesteller in diesem Zusammenhang maßgeblich zur Selbstbestimmung von Frauen und Mädchen beitragen, Erfolgsgefühle in den Frauen und Mädchen hervorbringen und soziale Kontakte schaffen und damit zwischenmenschliche Beziehungen stützen. Eine gelingende Sportsozialisation wirkt wie ein Katalysator, vor allem auf jugendliche Entwicklungsprozesse. Der Sport bricht tradierte Geschlechterrollen auf und regt dabei zu einem intensiven Prozess der Auseinandersetzung mit verschiedenen Werten, Normen und unterschiedlichen Kulturen an.

Das große Integrationspotenzial der Sportvereine und die hohe Anzahl von weiblichen geflüchteten Menschen in Deutschland zeigen, wie entscheidend wirksame Sportprogramme für eine erfolgreiche Integration von Frauen und Mädchen in die Gesellschaft sind. Zu berücksichtigen ist dabei, dass die geflüchteten Frauen und Mädchen in anderen Rollenerwartungen aufgewachsen sind: die Bewegungskultur und die Kultur des Vereinssports in Deutschland sind für sie meist fremd. Eine erfolgreiche interkulturelle Öffnung für die Mädchen und Frauen kann deshalb nach Ansicht der Fragesteller auch nur unter bestimmten Rahmenbedingungen gelingen, welche mit einem außerordentlichen Engagement der Vereine einhergeht. Dieses Engagement ist von zusätzlichen räumlichen und zeitlichen Investitionen der Sportvereine geprägt sowie von einem besonderen Bedarf der Sportvereine nach Wissen über die Schaffung geeigneter Rahmenbedingungen für geflüchtete Mädchen und Frauen im Sport.

Wir fragen die Bundesregierung:

Fragen11

1

Welche Definition von „geflüchteten Menschen“ und „Menschen mit Migrationshintergrund“ legt die Bundesregierung zugrunde?

2

Liegen der Bundesregierung aktuelle Statistiken vor, welche den Mitgliederanteil von geflüchteten Frauen und Mädchen in den Sportvereinen aufzeigen?

3

Liegen der Bundesregierung aktuelle Zahlen vor, welche das ehrenamtliche Engagement von geflüchteten Frauen und Mädchen in den Sportvereinen zeigen?

4

Liegen der Bundesregierung aktuelle Zahlen vor, welche die Anzahl der geflüchteten Frauen und Mädchen zeigen, die in Sportvereinen Funktionsträger sind bzw. Leistungsaufgaben übernehmen?

5

In welchem Vereinssport sind nach Kenntnis der Bundesregierung am meisten geflüchtete Frauen und Mädchen sportlich aktiv?

6

Wie bewertet die Bundesregierung Sportangebote für geflüchtete Mädchen und Frauen, und wie priorisiert sie diese Bewertung beim eigenen Handeln?

7

Inwieweit betreibt die Bundesregierung in Abstimmung mit den Bundesländern Projekte, Programme und Maßnahmen, welche explizit zur Förderung der Integration von geflüchteten Frauen und Mädchen beitragen?

8

Inwiefern berücksichtigt die Bundesregierung in Abstimmung mit den Bundesländern in diesen Projekten, Programmen und Maßnahmen die Rahmenbedingungen für geflüchtete Mädchen und Frauen?

a) Werden geschützte Trainingsräume bereitgestellt?

b) Gibt es homogene Sportangebote für geflüchtete Mädchen und Frauen?

c) Werden Fahrdienste bzw. Abholungsdienste zwischen den Wohnorten der geflüchteten Mädchen und Frauen der Sportstätte angeboten?

d) Werden geflüchteten Mädchen und Frauen in den Programmen über den Sport aufgeklärt, insbesondere über die gesundheitlichen Aspekte?

e) Werden die religiösen und kulturellen Hintergründe der geflüchteten Mädchen und Frauen berücksichtigt?

f) Gibt es Mutter-Kind-Sportangebote bzw. gibt es die Möglichkeit für geflüchtete Mütter, ihre Kinder während des Sporttreibens betreuen zu lassen?

g) Wird die interkulturelle Kompetenz der Übungsleiter in den Sportvereinen, vor allem bezogen auf die Integration geflüchteter Mädchen und Frauen, gefördert?

h) Welche Initiativen bzw. Maßnahmen gibt es, damit eine leichtere Kommunikation und Kooperation zwischen Sportvereinen und sozialen Einrichtungen (z. B. Mädchenhäuser, Flüchtlingsunterkünfte etc.) stattfinden kann?

9

Wie viele Bundesmittel wurden in den Jahren 2015 bis 2019 für folgende Initiativen a) Integration durch Sport, b) Willkommen im Sport, c) Willkommen im Fußball, d) 2 : 0 für ein Willkommen, e) Orientierung durch Sport zur Förderung der Integration geflüchteter Menschen durch den Sport verausgabt? Wie hoch war dabei jeweils der Anteil der Gelder, die für Projekte, Programme und Maßnahmen verausgabt worden sind, welche spezifisch die Integration von geflüchteten Frauen und Mädchen durch den Sport gefördert hatten?

10

Wie viele Bundesmittel hat die Bundesregierung in den Jahren 2015 bis 2019 in weitere Projekte, welche die Integration von geflüchteten Mädchen und Frauen durch den Sport fördern, verausgabt?

11

Gibt es, vor dem Hintergrund, dass die Handlungsspielräume der Sportvereine durch strukturelle Elemente begrenzt sind, was die finanziellen, räumlichen und personellen Ressourcen der Vereine umfasst, a) Überlegungen der Bundesregierung, in Abstimmung mit den Bundesländern die bürokratischen Hürden bei dem Erlassen von Mitgliedsbeiträgen für geflüchtete Menschen zu verringern, b) Überlegungen der Bundesregierung, in Abstimmung mit den Bundesländern spezifische Maßnahmen zu ergreifen, welche es den Sportvereinen erleichtert, Trainingsräume zur Verfügung zu stellen, um Sportprogramme für geflüchtete Menschen anzubieten, c) Überlegungen der Bundesregierung, in Abstimmung mit den Bundesländern, Sportvereinen, welche sich aktiv für eine Integration geflüchteter Menschen engagieren, finanzielle Mittel zur Verfügung zu stellen, um den zusätzlichen Aufwand für die Vereine aufzufangen, und gibt es für Trainerinnen und Trainer spezielle Fortbildungsangebote, um die Zusammenarbeit mit geflüchteten Menschen zu erleichtern, d) Überlegungen der Bundesregierung, in Abstimmung mit den Bundesländern, Sportvereinen, verstärkt Trainerinnen und Trainer aus dem Kreise der geflüchteten Mädchen und Frauen aufzubauen bzw. zu gewinnen, und welche Anstrengungen hat es hierbei bisher gegeben?

Berlin, den 15. Januar 2020

Christian Lindner und Fraktion

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