Entwicklung des Anteils erneuerbarer Energien im Strommix der Deutschen Bahn AG
der Abgeordneten Torsten Herbst, Frank Sitta, Bernd Reuther, Oliver Luksic, Dr. Christian Jung, Daniela Kluckert, Grigorios Aggelidis, Renata Alt, Nicole Bauer, Jens Beeck, Dr. Jens Brandenburg (Rhein-Neckar), Mario Brandenburg (Südpfalz), Dr. Marco Buschmann, Carl-Julius Cronenberg, Dr. Marcus Faber, Daniel Föst, Otto Fricke, Thomas Hacker, Peter Heidt, Katrin Helling-Plahr, Markus Herbrand, Katja Hessel, Manuel Höferlin, Reinhard Houben, Ulla Ihnen, Olaf in der Beek, Dr. Marcel Klinge, Pascal Kober, Carina Konrad, Konstantin Kuhle, Ulrich Lechte, Alexander Müller, Roman Müller-Böhm, Dr. Martin Neumann, Christian Sauter, Matthias Seestern-Pauly, Judith Skudelny, Dr. Hermann Otto Solms, Bettina Stark-Watzinger, Katja Suding, Michael Theurer, Stephan Thomae, Dr. Florian Toncar, Sandra Weeser, Nicole Westig und der Fraktion der FDP
Vorbemerkung
Im Rahmen ihrer Konzernstrategie „Starke Schiene“ hat sich die Deutsche Bahn AG (DB AG) im September 2019 das Ziel gesetzt, bis ins Jahr 2038 ihren kompletten Bahnstrom allein aus erneuerbaren Energien zu beziehen (Quelle: https://gruen.deutschebahn.com/de/news/offshore-oekostrom). Sie will dieses Ziel damit zwölf Jahre früher als bisher geplant erreichen. Die DB AG kommt damit einer Forderung des Bundesministers für Verkehr und digitale Infrastruktur Andreas Scheuer nach. Dieser hatte im Juni 2019 gefordert, dass die Bahn früher auf 100 Prozent Ökostrom umstellen müsse – „nämlich ab 2038 statt ab 2050“. Die Bahn solle so einen „noch größeren Beitrag“ zum Erreichen der CO2-Reduzierung leisten (Quelle: https://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/andreas-scheuer-bahn-soll-bis-2038-komplett-mit-oekostrom-fahren-a-1270729.html). Bereits heute wirbt die DB AG zudem damit, dass ihre Fahrgäste im Fernverkehr schon seit Anfang 2018 „mit 100 Prozent Ökostrom“ fahren würden (Quelle: https://gruen.deutschebahn.com/de/massnahmen/ice).
Die Behauptung, dass die DB AG schon heute im Fernverkehr emissionsfrei fahren würde, ist nach Auffassung der Fragesteller jedoch rein statistischer Natur. Durch das zeitgleiche Zusammenspiel von Erzeugung und Verbrauch im Strommarkt ist die DB AG, genau wie jeder andere Stromabnehmer in Deutschland, darauf angewiesen, dass zu jedem Zeitpunkt genau die Menge Strom bereitgestellt wird, die gerade benötigt wird. Diesen Anspruch erfüllen die Erzeuger von regenerativen Energien zum heutigen Zeitpunkt nicht. Alle Züge der DB AG fahren daher faktisch mit dem gleichen Strommix, den auch andere Verbraucher in Deutschland beziehen. Der Anteil erneuerbarer Energiequellen an diesem Strommix lag im Jahr 2019 bei ca. 46 Prozent (Quelle: Deutscher Bundestag Drucksache 19/17822 https://www.ise.fraunhofer.de/de/daten-zu-erneuerbaren-energien.html#faqitem_507660538-answer).
Die Annahme, dass Fernzüge mit 100 Prozent Ökostrom fahren würden, gilt daher lediglich bilanziell. Sie basiert darauf, dass die DB AG genau so viel elektrische Energie im Fernverkehr verbraucht, wie sie aus erneuerbaren Quellen einkauft. Besonders kritisch an dieser Rechnung ist nach Auffassung der Fragesteller jedoch, dass es gegenwärtig technisch und physikalisch nicht für alle Stromverbraucher möglich ist, 100 Prozent Ökostrom zu beziehen. Denn wie bereits dargestellt, ist die Versorgungssicherheit in Deutschland maßgeblich davon abhängig, dass konventionelle Kraftwerke dann Strom zur Verfügung stellen, wenn die Erzeuger erneuerbarer Energien dies aufgrund der Wetterlage oder der Tageszeit nicht können. Wenn die DB AG also Stromanteile aus erneuerbaren Energiequellen aufkauft, heißt dies lediglich, dass andere Verbraucher anteilig mehr Strom aus konventionellen Kraftwerken verbrauchen. An der bereitgestellten Menge Strom aus erneuerbaren Quellen ändert sich dadurch nichts. Die DB AG erkauft sich lediglich öffentlichkeitswirksam einen größeren Anteil an derselben Menge regenerativer Energie, die auf dem deutschen Strommarkt zur Verfügung steht.
Aus Sicht der Fragesteller ist dies aus mehreren Gründen höchst problematisch. Den Millionen Bahnkunden in Deutschland wird damit zum einen eine Produkteigenschaft versprochen, die einer genaueren Betrachtung nicht standhält. Weiterhin ignoriert die Kommunikation der DB AG, dass es zum heutigen Zeitpunkt technisch unmöglich ist, jederzeit genau die Menge an erneuerbarem Strom bereitzustellen, die gerade benötigt wird. Zudem ist völlig unklar, wie dieses Problem ohne den massiven Ausbau von Energiespeichern in der Zukunft gelöst werden soll. Nicht zuletzt sind alle Energieerzeuger in Deutschland bereits heute Teil des europäischen Emissionshandels (ETS – Emissions Trading System). Durch die darin festgelegte begrenzte Zahl an Emissionsrechten hat der vorgezogene Umstieg der DB AG auf regenerativen Strom nach Auffassung der Fragesteller so lange keine Auswirkungen auf die gesamteuropäischen CO2-Einsparungen, wie sie nicht mit einer Reduktion der zur Verfügung stehenden Emissionsrechte einhergeht.
Wir fragen die Bundesregierung:
Fragen13
Wie hat sich der bilanzielle Anteil erneuerbarer Energien im Strommix der DB AG nach Kenntnis der Bundesregierung in den vergangenen zehn Jahren entwickelt? (bitte nach Jahren aufschlüsseln)?
Wie hat sich der Anteil erneuerbarer Energien des tatsächlich aus dem Stromnetz entnommenen Stroms im Strommix der Deutschen Bahn nach Kenntnis der Bundesregierung in den vergangenen zehn Jahren entwickelt? (bitte nach Jahren aufschlüsseln)?
Ist es nach Auffassung der Bundesregierung bereits heute physikalisch möglich, den von der DB AG erbrachten Schienenpersonenfernverkehr in Deutschland allein durch den Bezug von regenerativem Strom zu erbringen?
a) Falls ja, woher stammt dieser Strom in Phasen mit geringer Einspeisung durch regenerative Erzeuger?
Welcher Anteil des von der DB AG im Schienenpersonenfernverkehr aus dem Stromnetz entnommenen Stroms stammte nach Kenntnis der Bundesregierung im Jahr 2019 aus regenerativen Quellen?
Welcher Anteil des von der DB AG im Schienenpersonennahverkehr aus dem Stromnetz entnommenen Stroms stammte nach Kenntnis der Bundesregierung im Jahr 2019 aus regenerativen Quellen?
Welcher Anteil des von der DB AG im Güterverkehr aus dem Stromnetz entnommenen Stroms stammte nach Kenntnis der Bundesregierung im Jahr 2019 aus regenerativen Quellen?
Wie hat sich der jährliche Strombedarf der DB AG in den vergangenen zehn Jahren entwickelt, und wie wird sich dieser nach Kenntnis der Bundesregierung in der nächsten zehn Jahren entwickeln? (bitte nach Jahren aufschlüsseln)?
Ist es nach Auffassung der Bundesregierung technisch und physikalisch möglich, dass die DB AG wie angekündigt bis 2038 ihren gesamten Strombedarf einzig aus erneuerbaren Quellen deckt?
a) Falls ja, woher soll dieser Strom in Phasen mit geringer Einspeisung durch regenerative Erzeuger stammen?
Mit welchen CO2-Einsparungen rechnet die Bundesregierung durch einen beschleunigten Umstieg der DB AG auf erneuerbaren Strom bis 2038, im Gegensatz zu einem Umstieg bis 2050 ohne Vorgabe des beschleunigten Umstiegs?
Inwieweit berücksichtigt die Bundesregierung bei der Ermittlung der CO2-Einsparung durch einen früheren Umstieg der DB AG die bestehende Einbeziehung des Energiesektors in den EU-Emissionshandel?
Welche Auswirkung hat der vorgezogene Umstieg der DB AG nach Kenntnis der Bundesregierung auf die gesamteuropäischen CO2-Einsparungen?
Geht die Bundesregierung als Folge des vorgezogenen Umstiegs der DB AG auf regenerativen Strom bis 2038 auch von einer Reduzierung des CO2-Ausstoßes in Europa aus?
Wie bewertet die Bundesregierung die Möglichkeit eines sogenannten Wasserbetteffekts, bei dem die CO2-Einsparungen in Deutschland durch den vorgezogenen Umstieg der DB AG zu einem zusätzlichem CO2-Ausstoß in ähnlicher Höhe in anderen EU-Mitgliedstaaten führen kann?