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Kleine AnfrageWahlperiode 19Beantwortet

Aufklärung der Missbrauchsvorwürfe am Olympiastützpunkt Chemnitz im Turnen

(insgesamt 13 Einzelfragen)

Fraktion

FDP

Ressort

Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat

Datum

02.03.2021

Aktualisiert

05.03.2024

Deutscher BundestagDrucksache 19/2674417.02.2021

Aufklärung der Missbrauchsvorwürfe am Olympiastützpunkt Chemnitz im Turnen

der Abgeordneten Britta Katharina Dassler, Stephan Thomae, Reginald Hanke, Dr. Marcel Klinge, Renata Alt, Dr. Jens Brandenburg (Rhein-Neckar), Sandra Bubendorfer-Licht, Dr. Marco Buschmann, Dr. Marcus Faber, Daniel Föst, Otto Fricke, Peter Heidt, Katrin Helling-Plahr, Torsten Herbst, Reinhard Houben, Ulla Ihnen, Olaf in der Beek, Pascal Kober, Konstantin Kuhle, Ulrich Lechte, Dr. Martin Neumann, Matthias Seestern-Pauly, Frank Sitta, Dr. Hermann Otto Solms, Bettina Stark-Watzinger, Dr. Marie-Agnes Strack-Zimmermann, Katja Suding, Gerald Ullrich, Katharina Willkomm und der Fraktion der FDP

Vorbemerkung

Die jüngsten Entwicklungen am Bundesstützpunkt Turnen in Chemnitz (Standort des Olympiastützpunktes [OSP] Sachsen) sind nach Ansicht der Fragesteller – vor dem Hintergrund der Einhaltung sportlicher und ethischer Werte im Spitzensport – erschreckend. Die Gründe, die diesbezüglich im Raum stehen, sind Vorwürfe psychischer Gewalt durch eine am OSP Chemnitz arbeitende Bundestrainerin in der Sportart Turnen (https://taz.de/Deutsche-Turnerinnen-beklagen-Gewalt/!5735799/, 28. Januar 2021). Mittlerweile hat der Deutsche Turner-Bund e. V. (DTB) die Vorwürfe durch eine unabhängige Frankfurter Kanzlei, die mit dem DTB in keiner Verbindung stand, untersuchen lassen und dabei „schwerwiegende Pflichtverletzungen“ durch die betroffene Trainerin festgestellt. Eltern von Turnerinnen, die ebenfalls am OSP Chemnitz unter der beschuldigten Trainerin trainieren, verteidigen diese und wollen an ihr festhalten. Der DTB fordert in einer Stellungnahme die Beendigung des Arbeitsverhältnisses der Trainerin durch den Olympiastützpunkt Sachsen (https://www.dtb.de/weitere-nachrichten/nachrichten/artikel/stellungnahme-des-dtb-praesidiums-zur-unabhaengigen-untersuchung-9917/, 28. Januar 2021).

Wir fragen die Bundesregierung:

Fragen13

1

Wann nahm die Bundesregierung von den gegen die Bundestrainer am Olympiastützpunkt Chemnitz in der Sportart Turnen erhobenen Vorwürfen das erste Mal zur Kenntnis?

2

Welche Kenntnisse hat die Bundesregierung zu den Vorwürfen gegen die Bundestrainerin im Turnen am Olympiastützpunkt Chemnitz?

3

Was hat die Bundesregierung seit der ersten Kenntnisnahme bis dato unternommen, und wie ist sie aktiv geworden im Verbund mit dem Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) und DTB sowie anderen Stakeholdern?

4

Wie schätzt die Bundesregierung die Trainings- und Betreuungssituation der am Olympiastützpunkt Chemnitz betreuten Turnerinnen und Turner nach ihren vorhandenen Kenntnissen aktuell ein?

5

Hat die Bundesregierung die Gesamtergebnisse der Untersuchung der vom DTB beauftragten Frankfurter Kanzlei Rettenmaier (https://www.spiegel.de/sport/turnen-dtb-legt-untersuchungsbericht-vor-und-fordert-entlassung-von-gabriele-freese-a-3dce789b-0335-47ca-8baa-09d73cd6a755) beurteilt, und wenn ja, mit welchem Ergebnis?

a) Hat die Bundesregierung beurteilt, dass in 17 Fällen hinreichende tatsächliche Anhaltspunkte für die Anwendung psychischer Gewalt durch die Trainerin vorliegen, und wenn ja, mit welchem Ergebnis?

b) Hat die Bundesregierung beurteilt, dass es darüber hinaus in mehreren Fällen zur Abgabe von Schmerzmitteln durch die Trainerin an Turnerinnen kam und die Trainerin in einem Fall das Opioid Tilidin an eine Turnerin zur Einnahme bei Wettkämpfen abgegeben hat und die betreffende Turnerin unter Einfluss dieses Medikaments bei einem internationalen Wettkampf gestürzt ist, und wenn ja, mit welchem Ergebnis?

c) Hat die Bundesregierung beurteilt, dass Turnerinnen auch unter Tränen weiter trainieren mussten oder dass Schmerzen der Turnerinnen, die der Trainerin mitgeteilt wurden, von ihr häufig nicht ernst genommen wurden, und wenn ja, mit welchem Ergebnis?

6

Wie konnte es zu derart vielen Pflichtverstößen in einem Bundesfachverband und Olympiastützpunkt kommen, vor dem Hintergrund, dass DTB-Präsident Dr. Alfons Hölzl sagte, „es ist nicht eine einmalige Entgleisung, es sind gravierende Pflichtverstöße.“ (https://www.zeit.de/news/2021-01/22/turn-chef-hoelzl-bittet-athletinnen-um-entschuldigung, 28. Januar 2021)?

7

Entsprechen die Vorkommnisse nach Einschätzung der Bundesregierung den Ethik- und Wertevorstellungen als auch Trainingsmethoden, wie diese in eine Spitzensportreform und vertrauensvolle Zusammenarbeit bestmöglich in einen olympischen Verband einfließen sollten?

8

Hat die Bundesregierung nach diesen Untersuchungsergebnissen noch Vertrauen in die mit Bundesmitteln bezahlten Bundes- und verantwortlichen Trainer, kooperierenden Vereine sowie administrativen Organisation am Bundesstützpunkt Chemnitz bzw. OSP Sachsen?

9

Wie geht es nach Meinung der Bundesregierung nach Veröffentlichung des vom DTB in Auftrag gegebenen Gutachtens nun am Olympiastützpunkt Chemnitz nach Erhebung der Vorwürfe gegen die Trainerin weiter?

10

Ist der Bundesregierung bekannt, dass gegen einen weiteren Trainer am OSP Chemnitz Missbrauchsvorwürfe vorliegen (https://www.mdr.de/sport/andere_sportarten/neue-vorwuerfe-am-chemnitzer-turnstuetzpunkt-102.html, 28. Januar 2021)?

a) Welchen Kenntnisstand hat die Bundesregierung zu diesem Trainer, der ebenfalls Bundeskaderathletinnen und Bundeskaderathleten im Turnen am OSP Chemnitz betreut, obwohl er dort in keinem Arbeitsverhältnis steht, und gegen den Missbrauchsvorwürfe erhoben wurden (https://www.spiegel.de/sport/turnen-trainer-gerrit-beltman-arbeitet-in-chemnitza-1e49c0e1-1b4a-4d73-a283-5618e405f758)?

b) Wenn ja, welche Schlussfolgerungen zieht die Bundesregierung aus den Aussagen des betroffenen Trainers, der in einem Interview sagte: „Ich hatte nie die Absicht zu schlagen, zu fluchen, zu verletzen oder herabzusetzen. Aber es ist geschehen. Ich schlug zu und dachte, das sei der einzige Weg, um eine Spitzensport-Mentalität zu entwickeln.“ (https://www.dw.com/de/missbrauch-im-niederlaendischen-turnsport-zu-medaillen-gepruegelt/a-54356096, 28. Januar 2021 und https://nos.nl/artikel/2341824-turncoach-beltman-dat-ik-iemand-dat-heb-aangedaan-vind-ik-heel-vervelend.html, 28. Januar 2021)?

c) Wenn ja, welche Schlussfolgerungen zieht die Bundesregierung aus der Aussage des Trainers vor dem Hintergrund der Einhaltung und Verteidigung grundsätzlicher Werte, die laut Neustrukturierung des Leistungssports und der Spitzensportförderung grundlegende Motivation für die Sportförderung des Bundes sind, indem er sagt: „Die Chance, dass eine Turnerin – und ich spreche über den Top-Bereich – den Sport traumatisiert verlässt, ist größer als die, unbeschadet davonzukommen.“ (https://www.dw.com/de/missbrauch-im-niederlaendischen-turnsport-zu-medaillen-gepruegelt/a-54356096, 28. Januar 2021)?

d) Wenn ja, wieso hat jemand, der solche Aussagen über von ihm betreute Sportlerinnen trifft, nach Kenntnis der Bundesregierung, als Trainer Umgang mit Bundeskaderathleten, auch wenn er in keinem Anstellungsverhältnis mit einem durch Fördermittel des Bundes unterstützten Bundes- bzw. Olympiastützpunkt steht?

e) Wenn ja, welche Überprüfungen werden gegebenenfalls vor Anstellung von Bundestrainern und Verantwortlichen durch OSPs hinsichtlich eines einwandfreien erweiterten Führungszeugnisses unternommen? Wenn nein, warum nicht?

11

Wie kann es nach Kenntnis der Bundesregierung oftmals dazu kommen, dass mehrere Trainer an Bundesstützpunkten arbeiten, gegen die Vorwürfe psychischer oder sexueller Gewalt vorliegen, und dort direkten Kontakt mit Bundeskaderathletinnen und Bundeskaderathleten haben, obwohl sie in keinem Anstellungsverhältnis mit einem durch Fördermittel des Bundes unterstützten Bundes- bzw. Olympiastützpunkt stehen (https://www.spiegel.de/sport/wintersport/eiskunstlauf-missbrauchsvorwuerfe-gegen-trainer-karel-fajfr-wie-ein-sklave-a-00000000-0002-0001-0000-000169122968 und https://www.mdr.de/sport/andere_sportarten/neue-vorwuerfe-am-chemnitzer-turnstuetzpunkt-102.html)?

12

Mit welcher Fördersumme unterstützt die Bundesregierung jährlich den DTB als olympischen Verband?

13

Liegen der Bundesregierung Zahlen vor, welche Summe von diesen Fördermitteln in Präventions- und Sensibilisierungsmaßnahmen zum Schutz vor Gewalt und Missbrauch beim DTB fließt?

Berlin, den 10. Februar 2021

Christian Lindner und Fraktion

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