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Kleine AnfrageWahlperiode 15Beantwortet

Zukunft von Aalzucht und Aalfischerei in Deutschland (G-SIG: 15010901)

Daten zu Aalbeständen in Deutschland und Europa, Schutz und Bewirtschaftung der Europäischen Aale, Aalforschung, Fang der sog. Glasaale (bis 3 Jahre alt), Behinderung der Aalwanderungen durch Bauwerke an Flüssen, Gefährdung der Aalpopulation durch Infektionen und Kormorane

Fraktion

FDP

Ressort

Bundesministerium für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft

Datum

19.04.2004

Aktualisiert

26.07.2022

Deutscher BundestagDrucksache 15/287331. 03. 2004

Zukunft von Aalzucht und Aalfischerei in Deutschland

der Abgeordneten Dr. Christel Happach-Kasan, Hans-Michael Goldmann, Rainer Brüderle, Angelika Brunkhorst, Ernst Burgbacher, Jörg van Essen, Ulrike Flach, Ulrich Heinrich, Gudrun Kopp, Jürgen Koppelin, Sibylle Laurischk, Harald Leibrecht, Eberhard Otto (Godern), Cornelia Pieper, Dr. Hermann Otto Solms, Dr. Max Stadler, Jürgen Türk, Dr. Volker Wissing, Dr. Wolfgang Gerhardt und der Fraktion der FDP

Vorbemerkung

Bereits seit mehreren Jahren lässt sich in deutschen und europäischen Gewässern ein stetiger Rückgang der einzigen hier heimischen Aalart (Anguilla anguilla) feststellen. Dieser „Europäische Aal“ findet in nahezu allen europäischen Gewässern (einschließlich im Ostsee- und im Mittelmeerraum) sein natürliches Verbreitungsgebiet. Die Gründe für den zwischenzeitlich Besorgnis erregend starken Rückgang des Europäischen Aals sind bislang nicht eindeutig geklärt. Nach Einschätzungen des Institutes für Fischerei in Rostock ist die Aalfischerei nicht die wesentliche Ursache für den Aalrückgang. Mögliche Ursachen liegen in dem komplexen Entwicklungszyklus dieser katadromen Fischart sowie in der Überfischung der Glasaale (bis 3 Jahre alt).

Der Aal lebt 8 bis 12 Jahre in unseren Flüssen und Seen und wächst dabei auf 200 bis 1 000 g heran. Als Blankaal wandern die ausgewachsenen Tiere die Flüsse herab, um eine 5 000 km weite Wanderung durch den Atlantik bis zur Sargassosee anzutreten. Hier legen die Aalweibchen 4 bis 5 Millionen Eier in etwa 700 m Meerestiefe ab, die anschließend von den Männchen befruchtet werden; daraufhin sterben die Elterntiere ab. Aus den Eiern schlüpfen weidenblattförmige Leptocephalus-Larven, welche etwa 3 Jahre lang passiv mit dem Golfstrom in Richtung europäische und nordafrikanische Küste treiben. Hier angekommen, entwickeln sich die Larven zu kleinen, durchsichtigen, etwa 0,5 g schweren, nun aber schon aalförmigen Fischen, den so genannten Glasaalen. Die Glasaale wandern zumeist in größeren Schwärmen, nun schon dunkel gezeichnet, als Steigaale flussaufwärts, um sich hier wiederum zu adulten Tieren zu entwickeln.

Wie aus der Mitteilung der Kommission an den Rat und das Europäische Parlament zur Entwicklung eines gemeinschaftlichen Aktionsplans zur Bewirtschaftung des Europäischen Aals (EU-Ratsdok. 132 19/03, vom 3. Oktober 2003) hervorgeht, werden derzeit innerhalb und außerhalb der Gemeinschaft intensive Bestandserhaltungsmaßnahmen ergriffen. In Anbetracht des komplexen Entwicklungs- und Wanderverhaltens des Europäischen Aals weist der Rat der Europäischen Union in diesem Papier auf den weiterhin bestehenden Forschungsbedarf hin, der notwendig sei, um einen nachhaltigen Aalschutz und damit auch die Voraussetzungen für einen weiterhin gesicherten Aalfang in der EU zu erreichen.

Derzeit werden in der EU jährlich etwa 10 000 t des Europäischen Aals in Aquakulturen produziert. Als Besatzaale dienen hierfür wildgefangene Glasaale. Die künstliche Aufzucht der Aallarven gestaltet sich momentan noch schwierig.

Wir fragen die Bundesregierung:

Fragen15

1

Wie beurteilt die Bundesregierung den Zustand der Aalbestände in Europa und in Deutschland?

2

Welche statistischen Angaben gibt es zu Fang-, Import- und Exportzahlen des Europäischen Aals (auch im Glasaal-Stadium):

a) für das Gebiet der Bundesrepublik Deutschland

b) für das Gebiet der Europäischen Union

für den Zeitraum der letzten 10 Jahre?

3

Liegen der Bundesregierung statistische Angaben zur Entwicklung des deutschen und europäischen Aalhandels (speziell des Glasaalhandels) mit den ostasiatischen Staaten insbesondere mit der Volksrepublik China für den Zeitraum der letzten 10 Jahre vor?

Werden die in chinesischen Aquakulturen aufgezogenen Europäischen Aale primär in China konsumiert oder findet eine Weitervermarktung größeren Stils z. B. nach Japan statt?

4

Welche Ursachen kommen nach Ansicht der Bundesregierung für den Rückgang der Aalbestände in Betracht, und welche Gegenmaßnahmen hält sie für zweckmäßig?

Hält die Bundesregierung die Überlegungen der Europäischen Kommission (Ratsdok. 132 19/03) hinsichtlich Fangbeschränkungen bei größeren Aalen und Beibehaltung der gegenwärtigen Praxis der Glasaalfänge und -verwertung für zielführend?

5

Kann die Bundesregierung Angaben zur Entwicklung der Glasaalpreise (vom Europäischen Aal) pro kg für die letzten 10 Jahre anführen?

Auf welche Faktoren führt die Bundesregierung diese Preisentwicklung zurück?

Wie schätzt die Bundesregierung die Ansicht ein, dass das momentane Preisniveau für das Kilogramm Glasaal deutschen Aalzüchtern aus wirtschaftlichen Gründen den Aalbesatz in Deutschland unmöglich macht?

6

Teilt die Bundesregierung die Ansicht, dass der Rückgang des Aalbestandes in Deutschland auch auf den drastisch zurückgegangenen Besatz mit Glasaalen durch die deutsche Binnenfischerei zurückzuführen ist?

7

Welchen Anteil am Rückgang der Aalbestände in Deutschland haben Wasserkraftwerke, Flußverbaumaßnahmen, Stauanlagen etc. an Flüssen?

8

Liegen der Bundesregierung Angaben oder ungefähre Schätzwerte über die jährliche Glasaalentnahme durch Spanien und Frankreich zur Bereitung traditioneller Glasaal-Marinadegerichte vor?

Etwa wie viele Aal-Einzelindividuen werden nach diesen Angaben jährlich dem europäischen Naturhaushalt entzogen?

9

Welchen Kenntnisstand hat die Bundesregierung über Forschungsprojekte oder Versuchsstudien zur künstlichen Nachzucht von Europäischen Aalen in:

a) Deutschland

b) weltweit?

Wann ist nach Einschätzung der Bundesregierung mit entsprechend erfolgreichen Nachzuchtergebnissen von Europäischen Aalen zu rechnen?

Welche Zeitspanne liegt unter Zuchtbedingungen zwischen der Aal-Eiablage, der Entstehung des Glasaales und dem adulten Aal?

10

Teilt die Bundesregierung die Ansicht der Europäischen Komission, dass die Rückwanderung möglichst vieler Blankaale gewährleistet werden sollte?

Wenn ja, welche Unternehmungen unterstützt die Bundesregierung, um dieses Ziel in Deutschland zu erreichen?

11

Wie hoch schätzt die Bundesregierung das Risiko ein, dass abwandernde Blankaale durch Wasserkraftturbinen Schaden nehmen?

12

Beabsichtigt die Bundesregierung, sich in der Europäischen Union für die Unterbindung des Massenexportes von Glasaalen in Regionen außerhalb des natürlichen Verbreitungsgebietes sowie ihrer Verwendung für den menschlichen Konsum einzusetzen?

13

Für wie gefährlich erachtet die Bundesregierung unter Aalschutz-Aspekten die Infektion ganzer Aalbestände mit dem Schwimmblasenwurm Anguillicola crassus?

Welche Möglichkeiten sieht die Bundesregierung, gegen diese Krankheit vorzugehen?

14

Wie beurteilt die Bundesregierung den Einfluss der Kormoranbestände auf die Aalpopulationen in Deutschland?

Hält sie die Stellungnahme der REDCAFE-Gruppe zu dieser Frage für ausgewogen?

Wie hoch war der Anteil der Fischereivertreter insgesamt und aus Deutschland in dieser Gruppe?

15

Wie wird die Bundesregierung die wissenschaftliche Untersuchungen zur Lösung bislang ungeklärter Probleme und bei der Umsetzung verwertbarer Ergebnisse im Zusammenhang mit der Dynamik der Aalbestände unterstützen?

Welche konkreten Forschungsprojekte können hier genannt werden?

Berlin, den 30. März 2004

Dr. Christel Happach-Kasan Hans-Michael Goldmann Rainer Brüderle Angelika Brunkhorst Ernst Burgbacher Jörg van Essen Ulrike Flach Ulrich Heinrich Gudrun Kopp Jürgen Koppelin Sibylle Laurischk Harald Leibrecht Eberhard Otto (Godern) Cornelia Pieper Dr. Hermann Otto Solms Dr. Max Stadler Jürgen Türk Dr. Volker Wissing Dr. Wolfgang Gerhardt und Fraktion

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