BundestagKleine Anfragen
Zurück zur Übersicht
Kleine AnfrageWahlperiode 15Beantwortet

Erfassung von Waldschäden in Deutschland durch den jährlichen Waldzustandsbericht (G-SIG: 15011573)

Objektivität der im Waldzustandsbericht dargestellten Fakten und deren Vergleichbarkeit innerhalb der EU, Berücksichtigung von Bodengüte und Standort bei der Beurteilung von Forstschäden, Auswirkungen von Walddüngungen, Auswirkungen von Luftverunreinigungen, insbesondere durch Stickstoffemissionen auf die Wälder und die Artenvielfalt der Fauna, Nutzung von "LevelII"-Untersuchungen auf Dauerbeobachtungsflächen und Bodenzustandserhebungen für die Beschreibung der Waldschäden

Fraktion

FDP

Ressort

Bundesministerium für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft

Datum

31.03.2005

Aktualisiert

26.07.2022

Deutscher BundestagDrucksache 15/515216. 03. 2005

Erfassung von Waldschäden in Deutschland durch den jährlichen Waldzustandsbericht

der Abgeordneten Dr. Christel Happach-Kasan, Hans-Michael Goldmann, Dr. Karl Addicks, Daniel Bahr (Münster), Rainer Brüderle, Angelika Brunkhorst, Ernst Burgbacher, Helga Daub, Jörg van Essen, Ulrike Flach, Otto Fricke, Horst Friedrich (Bayreuth), Rainer Funke, Joachim Günther (Plauen), Dr. Karlheinz Guttmacher, Klaus Haupt, Ulrich Heinrich, Birgit Homburger, Dr. Werner Hoyer, Michael Kauch, Hellmut Königshaus, Dr. Heinrich L. Kolb, Gudrun Kopp, Jürgen Koppelin, Harald Leibrecht, Dirk Niebel, Günther Friedrich Nolting, Hans-Joachim Otto (Frankfurt), Eberhard Otto (Godern), Detlef Parr, Cornelia Pieper, Gisela Piltz, Dr. Max Stadler, Dr. Rainer Stinner, Carl-Ludwig Thiele, Jürgen Türk, Dr. Claudia Winterstein, Dr. Volker Wissing, Dr. Wolfgang Gerhardt und der Fraktion der FDP

Vorbemerkung

Seit 1984 erstellt die Bundesregierung in jedem Jahr den Waldzustandsbericht. In einem repräsentativen Verfahren wird bundesweit auf einem 16 × 16 km-Netz der Kronenzustand der Bäume erfasst und vier Schadstufen zugeordnet. Seit 1990 werden die Wälder aller Bundesländer untersucht.

Schon 1984 war das Verfahren umstritten und bekannt dafür, verfälschte Werte wiederzugeben. 1988 bezeichnete das Magazin „Nature“ den deutschen Waldzustandsbericht als schlicht falsch und irreführend. 1996 kam ein von 18 führenden Experten erstelltes Gutachten im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung, Wissenschaft, Forschung und Technologie einhellig zu dem Ergebnis, das Verfahren der Waldzustandserfassung sei wegen Unbrauchbarkeit abzuschaffen.

Dies alles blieb jedoch ohne Auswirkung, obwohl es offensichtlich nicht möglich ist, durch die Bewertung des Kronenzustands der Bäume die spezifische Ursache von jährlichen Veränderungen des Waldzustands festzustellen.

Wir fragen die Bundesregierung:

Fragen16

1

Welche Möglichkeiten sieht die Bundesregierung, den Zustand heimischer Wälder, der derzeit nur einmal jährlich bei Vorstellung des Waldzustandsberichtes die breite Öffentlichkeit erreicht, über das ganze Jahr hinweg im Bewusstsein der Bevölkerung zu halten?

2

Wie steht die Bundesregierung zu der vom renommierten Ökologen Prof. Heinz Ellenberg, Universität Göttingen, im Jahr 1995 geäußerten Einschätzung, die nach 1980 begonnenen Erhebungen des Waldzustands hätten zwar bei allen berücksichtigten Baumarten manche Fluktuationen, aber keine stetige Zunahme höherer Schädigungsstufen ergeben, und welche neueren Studien kann die Regierung anführen, die diese Aussage entkräften?

3

Wie beurteilt die Bundesregierung die Vergleichbarkeit der in den Waldzustandsberichten unterschiedlicher europäischer Länder angeführten Durchschnittswerte der Kronen-Dichte (bzw. Belaubungsdichte)?

4

Wie beurteilt die Bundesregierung heute die zu Beginn der 1990er Jahre als sehr stark geschädigt eingestuften Wälder Nordskandinaviens, deren schlechter Zustand damals über einen längeren Zeitraum hinweg die Medien in Deutschland beherrschte?

5

Könnte es sich nach Einschätzung der Bundesregierung bei dieser „starken Schädigung“ um einen Fehler bei der Waldzustandserfassung gehandelt haben, der auf eine falsch zugrunde gelegte Standortgunst für den nordskandinavischen Raum mit einer daraus resultierenden vergleichsweise hohen Kronenverlichtungsrate zurückzuführen ist?

6

Teilt die Bundesregierung die Einschätzung von Experten, dass es für jede einzelne unserer Waldbaumarten nicht nur einen einzigen Normalzustand der Kronendichte gibt, wie es die für die Erstellung des Waldzustandsberichts allgemein angewandte Photoserie glauben lässt, sondern ungezählte verschiedene Normalzustände, je nach Bodengüte und nach Standortgunst?

7

Wie könnte dieser oben angesprochene Aspekt bei der Waldschadenserhebung Berücksichtigung finden?

8

Welchen Änderungsbedarf bei der Erstellung künftiger Waldzustandsberichte in Bezug auf eine stärkere Berücksichtigung der Standortabhängigkeit der Belaubungsdichte von Waldbäumen sieht die Bundesregierung?

9

Ist der Bundesregierung bekannt, ob die Länder den Waldzustandsbericht nutzen, und wenn ja, wie?

10

Wie beurteilt die Bundesregierung die deutliche Kritik führender Forstwissenschaftler an dem Verfahren der Waldzustandserhebung und insbesondere an der gültigen Definition der angeblichen Schäden und der Schadensklassen?

11

Wird die Bundesregierung diese in der obigen Frage angesprochene Kritik aufnehmen und bei der nächsten Waldzustandserhebung berücksichtigen, und wenn nein, mit welcher Begründung wird sie dies nicht tun?

12

Teilt die Bundesregierung die Einschätzung, dass Stickstoffeinträge zwar zum Zuwachs von Waldbäumen beitragen, aber gleichzeitig auch deren Blätter (bzw. Nadeln) stärker hygromorph und damit anfälliger für Schädlinge sowie für Trockenheit und Fröste machen? Welche Forschungsergebnisse lassen sich hierzu anführen?

13

Hält die Bundesregierung die weiterhin auf hohem Niveau befindlichen Stickstoff-Emissionen, die hauptsächlich durch den Verkehrs- und Industrie-Abgaseintrag (besonders NO2 und NO3) hervorgerufen werden, für weiterhin hinnehmbar, und wie beurteilt sie die dadurch sowohl in Wäldern als auch auf nicht landwirtschaftlich genutzten Flächen wie Magerwiesen verursachte Artenverarmung in Bodenvegetation und -fauna, und welche Maßnahmen will sie ergreifen, um die Stickstoffeinträge aus der Luft zu mindern?

14

Teilt die Bundesregierung die Einschätzung, dass Eigentümer aller Besitzarten durch die gezielte Pflege der Bestände zu einem besseren Waldzustand beitragen?

15

Wie steht die Bundesregierung nach den bisherigen Erfahrungen zu dem Vorschlag, die Waldzustandserhebung einzustellen und sich stattdessen auf die sehr viel detaillierteren und somit in ihren Ergebnissen vermutlich brauchbareren „Level-II“-Untersuchungen auf Dauerbeobachtungsflächen sowie auf die Bodenzustandserhebung zu konzentrieren?

16

Falls die Bundesregierung den in Frage 15 genannten Vorschlag befürwortet, wird sie den Bundesländern einen entsprechenden Vorschlag unterbreiten, und wenn ja, wann wird dies geschehen?

Berlin, den 16. März 2005

Dr. Wolfgang Gerhardt und Fraktion

Ähnliche Kleine Anfragen